Hörbehinderungen

Bei einem Menschen mit einer Hörbehinderung funktioniert das Gehör nicht mehr problemlos. Unter diesem Sammelbegriff gibt es dennoch – je nach Grad des Hörverlustes – weitere Bezeichnungen für hörbehinderte Menschen.

Gemäss Schätzungen des Schweizerischen Gehörlosenbunds sind in der Schweiz über eine Million Menschen von einer Hörbehinderung betroffen. Rund 10'000 Menschen in der Schweiz können gar nichts hören. Dieser Zahlenvergleich verdeutlicht, dass Hörbehinderung nicht gleich Hörbehinderung ist. Die Bandbreite reicht von leichten Hörverlusten, wie sie etwa bei älteren Menschen häufig vorkommen, über hochgradige Schwerhörigkeit bis hin zu völliger Taubheit.

Ursachen der Hörbehinderung

Gemäss Pro Audito Schweiz, ist die wohl häufigste Ursache für Gehörverlust die altersbedingte Schwerhörigkeit, welche durch permanente Überbeanspruchung entsteht. Zirka ein Drittel der Menschen im Alter von 60 Jahren oder mehr sowie mehr als 80 Prozent der 80-Jährigen sind von einem Hörverlust betroffen. Lärm ist ein weiterer Grund, welcher zur Verminderung der Hörqualität führt. Bereits ein Schallpegel von 85 db führt zur Schädigung der Haarzellen im Innenohr.

Einige Erkrankungen, die zu einer Ertaubung führen können, sind Meningitis (Hirnhautentzündung), Scharlach und Masern, welche oft bei Kindern vorkommen. Auch eine Schädigung durch Medikamente kommt als Auslöser für eine Hörbehinderung in Frage. Der Verein zur Förderung der Gebärdensprache bei Kindern setzt sich für diese Kinder ein und bietet zudem vielseitige Informationen und Artikel an.

Gehörlosigkeit kann jedoch auch einer genetischen Veranlagung zugrunde liegen (geburtsbedingte Hörbehinderung). Die Hörbehinderung wird dadurch an den Nachwuchs weitervererbt. Diese Gruppe macht jedoch lediglich einen Bruchteil der hörbehinderten Menschen aus. Auch die Schwangerschaft oder Geburt kann eine Gefahr darstellen wobei beispielsweise Röteln während der Schwangerschaft einen Hörverlust verursachen kann. Während der Geburt können vor allem Geburtstrauma oder Sauerstoffmangel zu Problemen führen.

Ein Paar spricht in Gebärdensprache an einer Bar.

Die Gebärdensprache wird von vielen gehörlosen Menschen genutzt, um sich auszudrücken. (Foto: Unsplash)

Hörbehinderung aus medizinischer Sicht

Aus hno-ärztlicher, beziehungsweise aus audiologischer Sicht, bestehen mehrere Abstufungen der Hörbehinderung. Diese ist abhängig vom durchschnittlichen Resthörvermögen, auch «mittlerer Hörfrequenzbereich» genannt. Mithilfe eines sogenannten Audiogramms kann der Grad des Hörverlustes ermittelt werden.

  • Unter Schwerhörigkeit wird ein mittlerer Hörverlust bei etwa 50 Dezibel (dB) verstanden. Zudem gibt es wiederum leichte Schwerhörigkeit (20 bis 40 dB Hörverlust) sowie hochgradige Schwerhörigkeit (60 bis 80 dB Hörverlust).
  • Resthörigkeit definiert sich über einen Hörverlust ab etwa 90 Dezibel. Darunter wird auch «an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit» verstanden.   
  • Gehörlos beziehungsweise taub ist man, wenn der Hörverlust mehr als 120 dB beträgt. 

Zur Veranschaulichung: Das Ticken einer Armbanduhr ist etwa 20 Dezibel und ein normales Gespräch 55 Dezibel laut. Normaler Verkehrslärm beträgt etwa 75 Dezibel während das Dezibel-Level einer Autohupe bei zirka 105 db liegt. Weiter Beispiele sind:

  • 60 db: normale Unterhaltung
  • 80 db: schreiendes Baby
  • 90 db: Stadtverkehr, iPod
  • 110 db: Autohupe, Rasenmäher
  • 120 db: live-Konzert
  • 140 db: Flugzeugstart

Zu hörbehinderten Menschen werden ebenfalls spätertaubte Menschen mitgezählt. Diese werden unabhängig vom Ausmass des Hörverlustes separat berücksichtigt, wenn der Verlust des Hörvermögens postlingual erfolgte. Das bedeutet, nach dem natürlichen Spracherwerb – in der Regel ab dem 3. Lebensjahr. Die Betroffenen hatten die Lautsprache also bereits auf natürlichem Wege erlernt. Diese Unterscheidung ist wichtig für die auf das Erlernen der Lautsprache ausgerichtete Frühförderung. Dementsprechend sind unterschiedliche Förderkonzepte erforderlich.

Hilfen für Menschen mit Hörbehinderung

Der medizinische Fortschritt bietet Möglichkeiten an, den Hörverlust – zumindest zum Teil – auszugleichen. Das verbreitetste Hilfsmittel ist das Hörgerät. Moderne, digitale Hörgeräte können bereits einen Hörverlust von mehr als 50 Dezibel ausgleichen, je nach Schädigung.

Das Cochlea Implantat (CI) ist eine Innenohrprothese, bei welcher Elektroden mittels einer Operation in die Hörschnecke eingeführt werden. Sie verspricht verbesserte Hör-Resultate bei einer grossen Bandbreite von wahrnehmbaren Tonfrequenzen. Weiter gibt es eine Reihe von elektronischen Hilfsmitteln, die akustische in visuelle oder taktile Signale umwandeln und so hörbehinderten Menschen zugänglich gemacht werden. Beispiele sind Lichtklingel, Vibrationswecker sowie Untertitel. 

Gehörlose Menschen, die über die Gebärdensprache kommunizieren, können für Gespräche mit nicht-gebärdensprachkompetenten Menschen Gebärdensprach-dolmetscher hinzuziehen. Für die Dolmetschervermittlung in der Schweiz ist der Dolmetschdienst «promcom» verantwortlich. Eine weitere Alternative sind sogenannte Schriftdolmetscher, welche das Gesprochene zeitgleich in die Schriftsprache übersetzen. Diese sind besonders hilfreich für spätertaubte Menschen, die mehr Mühe mit der Gebärdensprache haben als Frühertaubte. «Swiss TXT» sowie «Pro Audito Schweiz» sind zwei Organisationen, welche Angebote für das Schriftdolmetschen haben.

Die kulturelle Perspektive der Hörbehinderung

Viele hörbehinderte, zumeist gehörlose Menschen sehen sich weniger als Menschen mit (Hör-)Behinderung, sondern vielmehr als Teil einer kulturell-sprachlichen Minderheit. Im Zentrum ihrer Gemeinschaft steht die visuell-manuelle Gebärdensprache.

In der deutschsprachigen Schweiz wird die Deutschschweizerische Gebärdensprache (DSGS) verwendet, welche in fünf Dialekte unterteilt ist (Zürcher, Basler, Berner, Luzerner und St. Galler Dialekt), und sich je nach Region und Gehörlosenschule unterscheidet. In der Schweiz gibt es verschiedene verwendete Gebärdensprachen. In der Romandie wird die LSF (Langue des signes française) und in der italienischsprachigen Schweiz die italienische Gebärdensprache verwendet.

Die richtige Bezeichnung für Menschen mit Hörbehinderung

Manche gehörlose Menschen ziehen den Ausdruck «taub» gegenüber «gehörlos» vor, da hier das Defizit (-losigkeit) nicht im Mittelpunkt steht. Ein No-Go ist dagegen der Ausdruck «taubstumm», da er Sprachlosigkeit suggeriert. Damit ist nicht das Sprechen, sondern die Fähigkeit sich auszudrücken gemeint – etwa über die Gebärden- oder die Schriftsprache. Zudem steht es dem etymologischen Wort «dumm» nahe. Dieser Ausdruck wird daher von den meisten Menschen mit Hörbehinderung als Diskriminierung aufgefasst.