Herausforderung Alter

Dank veränderten Lebensformen und den Errungenschaften der modernen Medizin werden die Menschen immer älter. Ältere Menschen sind zwar länger aktiv und selbständig, aber gleichzeitig nehmen auch altersbedingte Behinderungen wie Demenz und Behinderungen als Folge von Krankheit zu.

Wie geht die Gesellschaft mit der steigenden Zahl der Menschen mit Behinderung um? Wo werden die Betroffenen alt, wer sorgt für sie? Und inwieweit ist ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit Behinderung im Alter noch möglich? Viel ist die Rede von den demografischen Veränderungen unserer Gesellschaft. Die Lebenserwartung steigt, die Menschen werden immer älter, Senioren und Seniorinnen sind länger aktiv und selbstständig. Den Errungenschaften der modernen Medizin und veränderten Lebensformen sei's gedankt. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Gleichzeitig gibt es auch immer mehr alte Menschen mit einer Behinderung. Nur mit Inklusion und Integration kann es gelingen, die gewaltigen Herausforderungen zu bewältigen.

Die Zahl der Menschen mit Behinderung steigt

Die Erhebungen des Bundesamtes für Statistik in der Schweiz zeigen, dass Behinderung stark mit dem Alter korreliert. Die Anzahl Menschen mit Behinderungen wurde 2011 noch auf rund 1,4 Millionen geschätzt, – heute sind es bereits 1,7 Millionen. Lediglich 3 Prozent davon sind Kinder zwischen 0 bis 14 Jahren. Von den 1,7 Millionen gelten 27 Prozent als stark beeinträchtigt.

Eine alte Person im Rollstuhl spricht mit ihrer Tochter an ihrer Seite | © Josh Appel - unsplash

Mit dem Alter wächst das Risiko, eine Behinderung zu erfahren. (Foto: Unsplash)

Das Alter als Grund für eine Behinderung

Bei den Millionen von Senioren und Seniorinnen mit einer Behinderung gilt es zu unterscheiden: Einerseits handelt es sich um Menschen, die auf Grund ihres Alters eine Behinderung erfahren, andererseits um Menschen, die seit der Geburt oder seit einer frühen Lebensphase mit einer Behinderung leben. Es kommt aber häufiger vor, dass bei Menschen im Alter Behinderungen auftreten, als dass Menschen mit Behinderungen alt werden. Sprich: die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung steigt im Alter.

Unterschiedliche Problemstellungen beim Altern

Die Situationen der beiden Gruppen unterscheiden sich jedoch und die Problemstellungen sind nicht die gleichen. Einen interessanten Beitrag dazu verfasste vor einigen Jahren der deutsche Psychologe und Psychotherapeut Dr. Michael Wunder. Er hält fest: «Wesentliche Unterschiede von alten Menschen mit Behinderung zu anderen alten Menschen bestehen in den Bereichen Selbstbild, Verarbeitungsmöglichkeiten altersbedingter Körperveränderungen und Leistungseinbussen und Möglichkeiten der Erfahrung von Zufriedenheit durch Lebenserfüllung. Dem entgegen werden die Bereiche der materiellen Sicherheit, der besonderen gesundheitlichen und pflegerischen Versorgungsbedarfe und der spezifischen Anforderungen an die Wohnversorgung in der Literatur zwar ebenfalls als gravierende Probleme dargestellt, aber nicht als different zur Situation anderer alter Menschen beschrieben.»

Eine alte Dame betrachtet den Sonnenuntergang mit ihrer Enkelin an ihrer Seite. | © Dominik Lange/unsplash

Ob mit Behinderung alt werden oder im Alter eine Behinderung erfahren: Die Herausforderungen für Betroffene und Gesellschaft sind gross. (Foto: Unsplash)

Herausforderungen und Lösungsansätze fürs Altern

Die Herausforderungen und Fragen, die sich in Folge der steigenden Zahl von alten Menschen mit Behinderungen stellen, sind zahlreich. In der Studie «Behindert alt werden – spezifische Lebenslage und Bedarfe» von 2016 werden Herausforderungen und Lösungsansätze aufgezeigt. Schwierigkeiten stellt die altersbedingte Armut dar, da viele ihre Erwerbstätigkeit nicht mehr ausüben können. Zudem werden die sozialen Netzwerke verkleinert. Durch das Alter sowie die Berentung geht der Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen verloren. Bei Pflegebedarf sind Menschen im Alter vermehrt gezwungen in einem Heim zu leben, was als bedeutsame Schnittstelle in ihrem Leben darstellt. Obwohl die nötige Pflege gewährleistet wird, fehlt es an Eingliederungs- und Integrations-massnahmen. Behinderungen wie abnehmende Beweglichkeit, Demenz sowie psychische Erkrankungen nehmen zu.

Diesen Herausforderungen kann gemäss der Studie mit folgenden Ansätzen entegengewirkt werden: «Öffnung der Behindertenhilfe, Angebote zur Vorbereitung auf den Ruhestand sowie langfristige Strategien empfohlen, um Bildung, Erwerbsstrukturen, Gesundheitssystem, Pflege und des gemeinschaftliche Leben inklusiv zu gestalten.»
Menschen mit Behinderung haben ebenso wie Menschen ohne Behinderung ein Recht darauf, ihr Leben auch im Alter möglichst autonom und selbstbestimmt zu führen. Die Herausforderungen sind gewaltig. Schon nur wenn sich die Gesellschaft für die Teilhabe aller behinderter Menschen öffnet und auf allen Ebenen Barrieren abbaut, ist ein erster Schritt getan.