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Armut im Alter – 3-Säulen-Modell als reine Theorie

Ein Leben lang arbeiten und dann im Rentenalter finanziell trotzdem nicht über die Runden kommen? In der reichen Schweiz gehört Armut im Alter leider zum Alltag. Erhebungen von Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) zufolge, bezogen 2019 rund 215 800 Rentner Ergänzungsleistungen (EL) zur AHV und waren somit von Altersarmut betroffen.

Unzweifelhaft ist die Schweiz ein reiches Land, in dem es den meisten Menschen finanziell gut geht. Gemäss dem «Global Wealth Report» der Credit Suisse ist die Schweiz sogar das reichste Land der Welt, noch vor den USA. Das Vermögen wuchs in den letzten Jahrzehnten stark an, wenn auch in den letzten Jahren in abgeschwächter Form.   

Gleichzeitig hält der Bericht eine stark ungleiche Vermögensverteilung fest. Diese sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich stellt auch Pro Senectute, die grösste Dienstleistungsorganisation für ältere Menschen in der Schweiz, fest. «Das vorherrschende Bild der reichen Rentner ist einseitig und entspricht nicht unserer Erfahrung aus der Sozialberatung. In keiner Altersgruppe sind die Unterschiede bei Einkommen und Vermögen so gross wie bei den Senioren», erklärt dazu Pro Senectute-Direktor Werner Schärer.

Unsichtbare Armut

«Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Pro Jahr gibt es in der Schweiz 5000 neue EL-Beziehende, sprich Pensionierte, deren Rente und Bezüge aus AHV und Pensionskasse nicht ausreichen, um den Lebensabend in angemessener Weise zu verbringen», so Schärer weiter. Gemäss den Erhebungen von Pro Senectute ist jeder achte ältere Mensch in der Schweiz von Armut betroffen. Schärer: «Über 75% der Armutsbetroffenen leben zuhause und benötigen zur Existenzsicherung Ergänzungsleistungen. Weil Betroffene sich aus Scham oft zurückziehen, bleibt Armut im Alter unsichtbar.» Die Zahl der Bedürftigen dürfte in Tat und Wahrheit denn auch wesentlich höher liegen, weil sich viele Betroffene schämen, ihre Ansprüche geltend zu machen.

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Von Altersarmut betroffene Menschen schämen sich häufig, ihre Ansprüche geltend zu machen. (Foto: Pixabay)

3-Säulen-Modell nur für eine Minderheit

Die Gründe für die vielfach tiefen Einkommen im Alter und fehlende Ersparnisse sind vielfältig. So ist das Schweizer 3-Säulen-Modell der Altersvorsorge nur für Minderheiten Tatsache. Nach Erhebungen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes können nur gerade ein Drittel der Männer und weniger als ein Fünftel der Frauen auf Leistungen aus allen drei Säulen zurückgreifen. Weitaus öfter kommt es deshalb vor, dass das Haushaltsbudget aus AHV-Renten und Geld aus der beruflichen Vorsorge gebildet wird.

Frauen von Altersarmut stärker betroffen

Frauen sind dabei ungleich stärker von Armut im Alter betroffen. Die Studie «Das vierte Lebensalter ist weiblich» zeigt auf, warum dies so ist. Viele Frauen arbeiten zumindest im zweiten Teil ihrer beruflichen Karriere Teilzeit, sie steigen als Mütter aus dem Arbeitsprozess aus und später wieder ein, und bezahlen entsprechend weniger Beiträge in die berufliche Vorsorge ein. Sie kümmern sich unentgeltlich um die Kinder und pflegen oftmals andere Angehörige.

Ausserdem waren Rentnerinnen häufig in schlechter entlöhnten Berufen tätig und erhielten auch in gut bezahlten Jobs weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Die Benachteiligung im Erwerbsleben, welcher Art auch immer, führt zu finanziellen Benachteiligungen im Rentnerdasein.  

Leben am Rande des Existenzminimums

Was es konkret heisst, an der Grenze es Existenzminimums zu leben und von Armut im Alter betroffen zu sein, zeigt sich am Beispiel der heute 81-jährigen Klara H.. Sie arbeitete bis zur Geburt des ersten Kindes 100%, stieg dann aber aus dem Beruf aus. 12 Jahre später, kurz nach der Geburt des dritten Kindes, kam es zur Scheidung. Die Pensionskassengelder waren auf mirakulöse Weise verschwunden. Die Alimentenzahlungen des Ex-Mannes blieben die meiste Zeit aus, Klara H. begann wieder zu arbeiten, zuerst Teilzeit, später und bis zur Pensionierung Vollzeit. Im Rentenalter konnte sie noch länger im Beruf bleiben. Schlussendlich ging sie mit 65 Jahren in Rente. In zu Verfügung stehendem Geld heisst das für sie heute monatlich: Eine AHV-Rente von 2100 Franken und 150 Franken aus der beruflichen Vorsorge. Um über die Runden zu kommen, erhält sie 650 Franken Ergänzungsleistungen.

Nun lässt sich argumentieren, dass man mit knapp 3000 Franken im Monat nicht gezwungen ist, sich unter einer Brücke ein Obdach zu suchen. Natürlich – fragt sich nur, ob das der Anspruch im reichsten Land der Welt sein darf. Denn die Rechnung ist schnell gemacht:  Ohne Ergänzungsleistungen könnte sich Klara H. ihr bescheidenes Leben nicht finanzieren.

Die Kosten für Ergänzungsleistungen haben sich in den letzten 15 Jahren fast verdoppelt, auch wegen der zahlreichen Pensionäre, die mit ihrer Altersvorsorge allein knapp die Miete, Krankenkasse und etwas zu Essen finanzieren können. Nichts desto trotz wollen die Gegner des Sozialstaats und Beschwörer der Eigenverantwortlichkeit nun auch bei den EL die Schrauben andrehen. Auch hier gilt es den aus ihrer Sicht grassierenden Missbrauch einzudämmen. Als Beispiel werden dann Einzelfälle aufgezeigt, wo sich Menschen ihre Pensionskassengelder für Wohneigentum auszahlen lassen und später dann unter Umständen mittellos dastehen.

Für Klara H., die ihre kargen AHV-Bezüge auch noch versteuern muss, müssen sich die nun laut werdenden Forderungen nach strengeren Regeln beim Bezug von Ergänzungsleistungen wie ein Hohn anhören.