Zwei Frauen sitzen bei einer Besprechung an einem Sitzungstisch. | © Pexels / Marcus Aurelius

Erwerbstätigkeit mit IV-Rente: Herausforderungen für Teilrentenbeziehende

Wer eine IV-Rente bezieht, kann und möchte vielfach trotzdem erwerbstätig sein und die eigenen Fähigkeiten einbringen. Personen, die eine Teilrente der Invalidenversicherung (IV) beziehen, stehen allerdings vor besonderen Herausforderungen. So zeigt die Untersuchung von Sozialarbeiterin Pamela Sellner, dass sehr viele Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten Schwierigkeiten bei der Stellensuche erleben. Dabei können die Gründe ganz unterschiedlich sein.

Rund um das Thema «Arbeiten Arbeiten mit IV-Rente» bestehen noch viele Unsicherheiten, sowohl von Rentenbeziehenden selbst, aber auch seitens Arbeitgebenden. Eine Rente der Invalidenversicherung (IV) zu beziehen heisst nicht, dass die betroffenen Personen nicht mehr erwerbstätig sein können, wollen oder dürfen. Im Gegenteil: viele IV-Rentenbeziehende möchten gerne ihre Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt einbringen. Sie sind dabei jedoch mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Sozialarbeiterin Pamela Sellner untersuchte diese Herausforderungen im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

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Ein Mann hält den Daumen hoch. | © Pexels / Rodnae Productions

Die verschiedenen Stufen von IV-Renten

Das Schweizer IV-Rentensystem sieht mehrere Stufen von IV-Renten vor, nämlich ganze Renten sowie Teilrenten. Grundsätzlich gilt, je höher der Grad der Erwerbsunfähigkeit (=IV-Grad) ist, desto höher fällt die Rentenstufe aus. Die vier Abstufungen umfassen die ganze Rente, die Dreiviertelsrente, die halbe Rente sowie die Viertelsrente. Ungefähr 75 Prozent aller IV-Rentner:innen der Schweiz erhalten eine volle Rente, die restlichen 25 Prozent eine Teilrente (weitere Informationen finden Sie unter Wissenswertes zur IV).

Herausforderungen für Bezüger:innen einer IV-Teilrente

Personen, die eine Teilrente der IV beziehen, stehen im Hinblick auf die Erwerbstätigkeit vor besonderen Herausforderungen. Die IV sieht bei ihnen in der Regel eine höhere Arbeitsfähigkeit als bei Beziehenden einer ganzen Rente. Es wird somit davon ausgegangen, dass Teilrentenbeziehende weiterhin arbeiten gehen. Die meisten Betroffenen möchten selbst gerne auf dem Arbeitsmarkt tätig sein, doch ist es oftmals nicht einfach, eine Stelle zu finden oder eine bestehende Stelle halten zu können.

Eine Frau im Rollstuhl winkt in die Kamera ihres Laptops. | © Pexels / Marcus Aurelius

Bei der Untersuchung zeigte sich, dass alle Befragten Schwierigkeiten bei der Stellensuche erleben. So kommt es beispielsweise aufgrund von Vorbehalten von Arbeitgebern oftmals zu gar keinem Bewerbungsgespräch. (Foto: Pexels)

Im Rahmen der Master-Thesis wurden betroffene Personen mit einer IV-Teilrente dazu befragt, welche Herausforderungen ihnen hinsichtlich der Erwerbstätigkeit begegnen, um ihre persönliche Situation besser zu verstehen. Die Ergebnisse werden im Folgenden zusammengefasst.

Erschwerte Stellensuche

Bei allen Befragten zeigte sich, dass sie Schwierigkeiten bei der Stellensuche erleben. Diese Schwierigkeiten können sehr vielseitig sein und müssen nicht auf alle Betroffenen gleichermassen zutreffen:

  1. Arbeitsfähigkeit ist schwankend

    Eine Krankheit oder Behinderung kann dazu führen, dass der Gesundheitszustand und somit auch die Arbeitsfähigkeit schwankend ist. Vor allem Personen mit schubförmigen Krankheiten (wie zum Beispiel mit Multiple Sklerose (MS) oder Epilepsie) können bei der Arbeit für kürzere oder längere Zeit ausfallen und es ist für sie daher schwierig, vor diesem Hintergrund eine neue Stelle zu finden oder eine bestehende Stelle zu halten.

  2. Vorbehalte von Arbeitgebern

    Bei der Stellensuche sind die Bewerbenden oftmals mit Vorbehalten von Arbeitgebern konfrontiert. Sie haben Bedenken oder sind unsicher, eine Person mit einer IV-Rente beziehungsweise mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung einzustellen, da sie häufige Absenzen oder steigende Versicherungsprämien befürchten. Erfreulicherweise gibt es aber doch immer wieder Arbeitgeber, die die Stärken der Mitarbeitenden höher gewichten als mögliche Einschränkungen (dazu auch: Warum es sich lohnt, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen).

  3. Hohe Anforderungen des Arbeitsmarkts

    Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt steigen stetig an. Es werden zunehmend hochqualifizierte Personen gesucht und Nischenarbeitsplätze gehen verloren. Diese Entwicklung erschwert die Stellensuche insbesondere für Personen, die einen tieferen Bildungsabschluss haben oder aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen weniger komplexe Tätigkeiten verrichten können.

  4. Geschützter Arbeitsplatz nur als Notlösung

    Personen mit einer IV-Rente steht es offen, eine Tätigkeit an einem geschützten Arbeitsplatz respektive einer geschützten Werkstätte anzunehmen. Die meisten Befragten lehnten dies jedoch ab, da die Anforderungen eines geschützten Arbeitsplatzes deutlich unter ihrem Können liegen und zudem die Entlöhnung sehr tief ist.

Unterstützungsangebote bei der Jobsuche

Für IV-Rentenbeziehende, die bei der Stellensuche Unterstützung brauchen, gibt es nebst den IV-Stellen verschiedene Anlaufstellen in der Schweiz. Zwei Angebote werden hier vorgestellt:

  • Stiftung Profil: Die Stiftung Profil bietet individuelle Unterstützung, Arbeitsvermittlung und Begleitung bei der Stellensuche. Profil vermittelt reguläre Stellen im ersten Arbeitsmarkt, unterstützt aber auch Menschen mit IV-Rente bei der Suche nach einer passenden Anstellung. Beratungen sind in der ganzen Deutschschweiz möglich.  
  • Stiftung IPT: Hierbei handelt es sich um eine private gemeinnützige Stiftung, die sich für die Förderung der beruflichen Eingliederung von Personen mit einer Behinderung einsetzt.

Es bestehen zudem in verschiedenen Kantonen separate Organisationen, die Unterstützung bei der beruflichen Integration von IV-Rentenbeziehenden anbieten. Zur Vermittlung dieser Angebote kann beispielsweise die Sozialberatung von Pro Infirmis kontaktiert werden.

Ability Management als Chance

Neben den zunehmend höheren Anforderungen des Arbeitsmarkts, die die Stellensuche erschweren können, zeigt sich jedoch auch eine Entwicklung hin zum Ability Management (Fähigkeitsmanagement). Das Ability Management ist ein neuartiger Führungsansatz, der die Stärken von Mitarbeitenden fördert und sie im Sinne des Unternehmens nutzt. Die individuellen Fähigkeiten jedes Menschen sollen sinnvoll eingesetzt werden, wobei Einschränkungen und Defizite in den Hintergrund rücken. Wenn sich der Trend des Ability Managements weiterentwickelt, ist dies eine grosse Chance für Menschen mit einer Behinderung beziehungsweise mit einer IV-Rente und es kann deren Situation hinsichtlich der Erwerbstätigkeit positiv beeinflussen.

Wir danken unserer Fachexpertin Pamela Sellner ganz herzlichen für den spannenden Fachbeitrag.


Quellen

Bundesamt für Sozialversicherungen (2020a). IV-Statistik 2019. Eidgenössisches Departement des Innern EDI.

Bundesamt für Sozialversicherungen BSV (2015). Kreisschreiben über die Invalidität und Hilflosigkeit in der Invalidenversicherung (KSIH).

Stiftung ipt (2021). Stiftung ipt. Vevey. URL: https://www.stiftung-ipt.ch/stiftung-ipt

Stiftung Profil (2021). Stiftung Profil - Arbeit und Handicap. Zürich. URL: https://www.profil.ch/profil/?L=0 

workwise (2021). Ability Management: So nutzt du die Stärken deiner Mitarbeiter. URL: https://hire.workwise.io/hr-praxis/personalentwicklung/ability-management#vorgehen 


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