Eine Frau im weissen Shirt sitzt am Laptop und rauft sich die Haare. Sie ist offensichtlich gestresst. | © Pexels/Andrea Piacquadio

Burnout: Ein Erfahrungsbericht

Vanessa Osterhold ist 32 Jahre alt, verheiratet und reist am liebsten mit ihrem Bulli durch die Welt. 2018 erhielt sie die Diagnose Burnout und Angststörung mit Panikattacken. Seitdem hat sich in ihrem Leben einiges verändert. Heute teilt sie ihre Erfahrungen – auch um andere Menschen über mentale Gesundheit aufzuklären.

Hallo liebe Vanessa. Danke, dass du dir Zeit genommen hast. Möchtest du dich kurz in deinen eigenen Worten vorstellen?

Ich heisse Vanessa, bin 32 und lebe mit meinem Mann in Hamburg. Ich arbeite als Sozialberaterin für arbeitslose Menschen und unterstütze diese bei der persönlichen Stabilisierung und Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Nebenbei absolviere ich noch eine Weiterbildung zur systemisch psychologischen Beraterin, um mich methodisch breiter aufzustellen. Bereits in meinem jetzigen Job kann ich das Erlernte gut anwenden, vielleicht irgendwann dann auch mal in Form einer nebenberuflichen Selbstständigkeit.

Was gibt es in deinem Leben, das dich besonders glücklich macht? Was ist dein grosses «Herzensthema»?

Was mich besonders glücklich macht, ist auf alle Fälle meine Familie und meine Ehe. Mein Mann und ich sind jetzt schon seit fast 13 Jahren ein Paar und seit 2018 auch verheiratet. Das ist der grösste Glücklichmacher in meinem Leben. Darüber hinaus macht mich aber auch unser selbst ausgebautes Wohnmobil sehr glücklich. Das Reisen und Unterwegssein im Bulli gibt mir einfach so viel. Wir waren schon in Kroatien, Italien, Frankreich, Dänemark, Holland, Belgien, Österreich und in der Schweiz. Im nächsten Jahr steht Norwegen auf unserer Liste. Übrigens einer meiner Träume: Skandinavien im Bulli zu bereisen, gerne auch für längere Zeit.

Zu der Frage, was mein Herzensthema ist: Das ist auf jeden Fall die mentale Gesundheit. Deshalb trage ich auch meine eigenen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen in die Öffentlichkeit. Ich möchte in der Gesellschaft etwas bewegen, besonders in puncto Entstigmatisierung, Aufklärung, und so auch anderen Betroffenen eine Stimme geben. Deshalb habe ich meinen Instagram-Kanal gegründet.

Ist das die Message, die du auf Instagram verbreiten willst, dass mentale Gesundheit gefördert und entstigmatisiert wird?

Absolut. Und vor allem auch Betroffenen zu zeigen, dass man nicht alleine dasteht, auch wenn viele Menschen über dieses Thema noch schweigen – aus Scham oder aus Angst vor Stigmatisierung. Ich finde einfach, da muss sich was ändern. Ich glaube, da tut sich mittlerweile auch schon etwas, aber es ist doch auch immer noch ein grosses Tabuthema und das finde ich unfassbar schade. Es gibt da einfach nichts, wofür man sich schämen muss, wenn man selbst oder eine angehörige Person betroffen ist. Psychische Erkrankungen gehören genauso dazu, wie körperliche Erkrankungen. Das muss die Gesellschaft endlich erkennen, sich für das Thema öffnen und die Berührungsängste verlieren.

Mentale Gesundheit ist ja schon seit einigen Jahren ein immer beliebteres Thema, auch oder sogar insbesondere auf Social Media. Findest du, dass wir als Gesellschaft bereits auf einem guten Weg sind, was dieses Thema anbelangt oder ist noch immer viel Aufklärungsarbeit nötig?

Ja, ich glaube, wir sind grundsätzlich auf einem guten Weg uns dem anzunähern, was ich mir von unserer Gesellschaft wünsche. Es wird heute mehr darüber gesprochen und gerade auch durch Corona hat es nochmal eine andere Gewichtung bekommen, weil mehr Menschen betroffen sind. Es ist verrückt, was gerade Negatives in der Welt passiert und ich glaube, dadurch wird das Thema immer präsenter. Was ich beobachte, ist auch, dass mittlerweile viel mehr Menschen, die schon lange in der Öffentlichkeit stehen, darüber sprechen. Das finde ich super. Also so gesehen kann dieses Thema gar nicht «beliebt» genug sein, um irgendwann mal dahin zu kommen, dass es einfach ein ganz normales Thema ist, über das berichtet wird. Doch bis das so weit ist, haben wir noch sehr viel Arbeit vor uns.

Welchen Bezug hast du selbst zu diesem Thema? 

Auf unterschiedlichen Ebenen würde ich sagen. Ich bin selbst in eine Familie hineingeboren, in der es schon psychische Erkrankungen bei Familienangehörigen gab. Wir sprechen da von Spielsucht, von Depressionen und Angststörungen – auch Panikattacken. Aus der Depression von einem nahen Angehörigen wurde im späteren Verlauf eine bipolare Störung. Das heisst, ich wurde von Geburt an mit diesem Thema konfrontiert, weshalb es für mich noch nie ein Tabuthema war.

Aber als ich dann 2018 selbst in eine psychische Erkrankung reingerutscht bin, beziehungsweise letztendlich ja sogar in zwei, habe ich das Thema noch auf einer ganz anderen Ebene erfahren müssen. Und dann eben zusätzlich seit drei Jahren auch noch auf dritter Ebene, nämlich in meinem Beruf als Sozialpädagogin, wo ich auch mit Menschen zu tun habe, die zu einem grossen Teil Betroffene sind.

Was wurde bei dir diagnostiziert und wie kam es zur Diagnose?

2018 bin ich in einen Burnout gerutscht und habe die Diagnose Angststörung mit Panikattacken bekommen. Und wie es dazu kam – es ist auf alle Fälle ein schleichender Prozess gewesen. Es gab in meinem Leben unterschiedliche Belastungen, die dazu geführt haben, dass mein Fass irgendwann voll war und überlief. Da ist zum Beispiel das Thema, dass ich eben lange Zeit selbst Angehörige war. Das kann auf Dauer sehr belastend sein und dazu führen, dass man seine eigenen Bedürfnisse ausser Acht lässt.

Dann gab es aber auch die Situation rund um meinen Job. Ich habe schon einige Ausbildungen hinter mir und konnte meinen Platz im Berufsleben irgendwie nie so richtig finden. Es musste einfach immer weitergehen. Da anzukommen, wo ich jetzt stehe, war ein langer Prozess. Mir fehlte irgendwie immer so ein bisschen das Gefühl für meine Stärken und meine Werte. Das hat auf Dauer eine ganz grosse Unzufriedenheit mit sich gebracht. Zum Zeitpunkt meiner psychischen Krise arbeitete ich Vollzeit als Erzieherin und stellvertretende Leitung in einer Kindertagesstätte – das war eine sehr grosse Doppelbelastung. Wir reden da von Personalmangel, von Konflikten im Team, von unerfüllbaren Ansprüchen, von einer provisorischen Einrichtung, die absolut unzureichend ausgestattet war und so weiter. Zusätzlich habe ich neben der Arbeit studiert und bin mit meinem Mann fast jedes Wochenende in die Heimat, nach Hamburg gependelt. Dort hatten wir dann immer ein strammes Programm, da wir natürlich allen Freunden und den Familien gerecht werden wollten. Da blieb einfach keine Zeit für Ruhephasen.

Dann kam noch dazu, dass ich Jahre zuvor die Pille abgesetzt habe, wodurch ich im Gesicht Akne bekam. Diese Krankheit hatte ich eigentlich als Teenagerin hinter mir gelassen und musste mich dann plötzlich im Erwachsenenalter wieder damit auseinandersetzen. Eine riesengrosse Herausforderung, wodurch mein Selbstwertgefühl und letztendlich auch mein Selbstvertrauen total gelitten hat. Und ganz bestimmt waren da auch gewisse Persönlichkeitsmerkmale, die ungesunde Verhaltensweisen mit sich brachten – mein Perfektionismus, das ständige Gefühl, immer die Verantwortung für alles Mögliche zu tragen. Das war nicht förderlich, um mit Stress und allgemeinen Belastungen von aussen gut umzugehen und diese adäquat bewältigen zu können.

Wie würdest du in deinen Worten ein Burnout bzw. eine Angststörung beschreiben?

Eine Angststörung bedeutet für mich, dass das Angstgefühl in keinem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung steht. Es kann also in einer nicht bedrohlichen Situation sein, dass jemand dennoch extreme Angst verspürt und dies den Alltag der Person dauerhaft einschränkt. Die Angstgefühle kontrollieren einen dann.

Ein Burnout bedeutet für mich total erschöpft zu sein. Aufgebrauchte Energiereserven und mangelnde Resilienz, sodass Anforderungen des Alltags absolut überfordern und Stress nicht mehr bewältigt werden kann. Es geht dann einfach nichts mehr, Körper und Geist machen nicht mehr mit.

Wie hat sich diese Erkrankung bei dir geäussert? Welche Symptome sind bei dir eingetreten?

Beim Burnout ist die Liste bei mir wirklich lang. Ich unterscheide in körperliche und emotional-geistige Symptome. Meine körperlichen Symptome waren über Wochen und Monate hinweg schon vorhanden. Taubheitsgefühle an den Beinen, massiver Schwankschwindel, Herzrasen und Herzstolpern, Druck auf dem Brustkorb, ein Klossgefühl im Hals, Augenlidzucken, Juckreiz, Muskelverspannungen, Magenschmerzen, Darmprobleme und so weiter. Also die Liste ist unfassbar lang. Alle Symptome habe ich damals abklären lassen, doch organische Ursachen gab es keine. Irgendwann war klar, dass es psychosomatisch bedingt war. 

Die geistigen Symptome, wie ich es immer beschreibe, waren dieses komplette Erschöpfungs- und Müdigkeitsgefühl, Schlafstörungen, massive Gereiztheit und Zynismus – besonders am Arbeitsplatz, Hoffnungslosigkeit, Konzentrationsschwäche, eine geringe berufliche Leistungskraft, auch das Gefühl, innerlich schon längst gekündigt zu haben, eine sehr kritische Haltung dem Job gegenüber, Entfremdung von mir als Person, ein schwaches Selbstwertgefühl und so weiter. Ich war überfordert, pessimistisch, nervös, ungeduldig und ängstlich. Auch diese Symptome bin ich immer übergangen. Ich war der Meinung, es würde schon irgendwie weitergehen. Aber irgendwann ging dann halt gar nichts mehr.

Und bei deinen Panikattacken?

Panikattacken beginnen bei mir grundsätzlich mit dem Gefühl von Übelkeit und Angst. Ähnlich, wie wenn man einen Kreislaufkollaps bekommt. Dann folgen sofort Herzrasen, ein trockener Hals, Kribbeln in Händen und Füssen, ein leichtes Schwindelgefühl und massive Atemnot. Einfach eine totale innere Unruhe und dieses Gefühl von Überwältigung – als würde einem irgendwas in den Nacken springen und von hinten überfallen. Viele Menschen berichten bei Panikattacken davon, dass sie Angst haben zu sterben. Das habe ich nicht. Bei mir ist es so, dass ich Angst habe, zu kollabieren und die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Ich kann dann einfach nicht mehr differenzieren, ist es jetzt Panik, oder ein Kreislaufkollaps.

In welchen Situationen hast du Panikattacken bekommen und was hilft dir dann?

Am Anfang in nicht-definierten Situationen. Es kam einfach aus dem Nichts. Irgendwann hat sich das in bestimmten Situationen manifestiert. Das war bei mir ganz krass bei Restaurantbesuchen, aber auch in der Schlange an der Kasse, im Wartezimmer beim Arzt, bei irgendwelchen grösseren Versammlungen, am Flughafen, in Bus und Bahn oder in Kaufhäusern. Da wo viele Menschen sind, es laut und wuselig ist und wo ich mich unwohl gefühlt habe.

Am meisten hat mir geholfen, durch die Angst durchzugehen, was ich in meiner Verhaltenstherapie gelernt habe. Das ist einfach so. Je mehr ich mich gewehrt habe, gewisse Situationen wieder aufzusuchen, desto schlimmer wurden die Gefühle und desto mehr ist diese Angst auch auf andere Bereiche übergeschwappt. Ich musste mir wirklich immer wieder sagen:

«Du machst das jetzt. Es kann sein, dass die Panik kommt, aber du wirst das überstehen.»

In dem Moment, in dem die Panik hochkommt, hilft es mir, je nach Situation, mich entweder zu bewegen oder mich ruhig hinzusetzen und mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Dafür gibt es bestimmte Atemtechniken. Ich sage der Angst dann ganz bewusst, dass sie wieder gehen darf und es keinen Grund für ihren Besuch gibt. Aber auch frische Luft, ein kaltes Glas Wasser und die Anwesenheit einer vertrauten Person helfen mir, schneller aus der Panik herauszukommen.

Welche Erfahrungen hast du mit Therapien gemacht? Was hat dir geholfen?

Ich habe verschiedene Therapien mitgemacht. Zuerst war ich für fünf Wochen in einer psychosomatischen Rehaklinik. Dort habe ich Einzel- und Gruppentherapie bekommen und an unterschiedlichen Kursen teilgenommen - autogenes Training zum Beispiel. Danach war ich zehn Monate in einer Gruppentherapie. Insgesamt hat mir die Verhaltenstherapie sehr geholfen. Ich habe durch diese gelernt, wie ich durch Veränderungen meines Verhaltens wieder zu einem gesünderen Angsterleben und in Bezug auf meinen Burnout wieder zu Kräften komme und mit Stressbelastungen zukünftig angemessener umgehen kann. Dadurch konnte ich zum Beispiel angsteinflössende Orte und Situationen, die zu Panikattacken geführt haben, wieder mit positiven Erlebnissen und Gefühlen verknüpfen. Auch wenn die Angstgefühle sich hin und wieder immer noch von hinten anschleichen, steigern sie sich heute nur noch sehr, sehr selten hin zu einer Panikattacke.

Vanessa Osterhold sitzt vor einem cremefarbenen Hintergrund auf dem Boden und lacht  | © Vanessa Osterhold

Vanessa geht seit ihrer Diagnose offen mit ihren Erfahrungen um und gibt auch anderen Betroffenen über Social Media eine Stimme – damit psychische Erkrankungen kein Tabuthema bleiben. (Foto: Vanessa Osterhold)

Wie gehst du heute mit deiner Erkrankung um?

Sehr offen auf jeden Fall. Auch dadurch, dass ich seit Mai auf Instagram aktiv bin und meine Geschichte in die Öffentlichkeit trage. Aber eigentlich bin ich schon von Anfang an sehr offen damit umgegangen. Meine Kolleg:innen in der Kita wussten früh Bescheid, warum ich nicht zurückkomme. Meine Familie war sowieso involviert und mein Freundeskreis auch. Nun ist eben noch der Aspekt hinzugekommen, dass ich in der Öffentlichkeit, also in den sozialen Medien von meiner Geschichte erzähle. Ach, und ich habe vor wenigen Wochen meinen jetzigen Arbeitgeber über meine Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen in Kenntnis gesetzt.

Ist dein Umfeld schon immer offen mit dir und deiner Erkrankung umgegangen oder gab es da auch Berührungsängste?

In meinem Umfeld gab es keine Berührungsängste. Zumindest keine, die man mich hat spüren lassen. Meine Familie ist durch die Erfahrungen, die wir mit psychischen Erkrankungen vorher schon gemacht haben, sehr offen für das Thema. Auch in meinem Freundeskreis gab es keine Berührungsängste. Eher im Gegenteil. Sie waren wirklich alle sehr aufmerksam und haben mich dennoch nicht in Watte gepackt. Das hat keiner gemacht. Alle haben mich normal behandelt und es war auch kein Dauerthema. Das hat mir dabei geholfen, mich nicht als Sonderling der Gruppe zu fühlen. Mir wurde Raum gegeben, darüber zu sprechen, aber es wurde eben auch nicht 24/7 thematisiert, um eine gewisse Normalität zu erhalten. Ich glaube, das ist auch das Wichtigste in so einer Situation.

Wie hat sich dein Leben seit deiner Diagnose verändert?

Verändert hat sich natürlich einiges. Ich habe meinen alten Job in der Kita an den Nagel gehängt und werde auch nie wieder in diesen Bereich zurückgehen. Ausserdem haben wir die Kleinstadt, in der wir damals lebten, 2019 wieder verlassen und sind nach Hamburg zurückgekehrt. Meine Beziehung zu meinem Mann, meiner Familie und meinen Freunden hat sich im Grunde genommen nicht verändert und doch setze ich heute viel schneller Grenzen und spreche meine Bedürfnisse an. Meine eigene Haltung, vielen Dingen gegenüber, ist nun eine andere. Zum Beispiel hat sich meine Sichtweise auf das Arbeitsleben, aber auch auf das Thema Leistung und Perfektionismus verändert. Ich bin heute achtsamer, entspannter und sanfter mit mir. Charakterlich bin ich natürlich immer noch die Alte, aber stelle meine mentale Gesundheit nicht mehr hinten an. 

Also gibt es für dich auch positive Aspekte?

Ich hätte mir natürlich gerne diese Erkrankung und diese Krisen erspart. Nichts desto trotz: Ja, irgendwo haben diese Erfahrungen auch positive Dinge mit sich gebracht, weil ich durch diesen tiefen Fall wieder aufstehen konnte, und zwar in eine viel gesündere Richtung. Ich habe für mich erkannt, was meine Werte und meine Stärken sind, wo ich hin möchte, was mir im Leben wichtig ist und was nicht, für was ich stehen und auch einstehen möchte, wofür ich Verantwortung tragen möchte und wofür nicht. Ich glaube, dass ich das alles ohne diese Erkrankung in dieser intensiven Form nicht erfahren hätte. 

Aber auch die Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit, die ich dadurch jetzt machen kann, ist für mich ein total positiver Aspekt. Dadurch, dass ich all das erlebt habe und heute wieder so stabil bin, kann ich anderen Menschen zeigen: Genesung kann stattfinden. Es ist ein Prozess, der anstrengend ist, aber funktionieren kann. Es ist nicht hoffnungslos. Und vielleicht kann ich durch mein Wirken andere Menschen davor schützen, ebenso tief zu fallen, wie ich gefallen bin. Das alles gibt mir gerade einen ganz, ganz grossen Sinn in meinem Leben.

Die Themen Burnout und Angststörungen interessieren auch die EnableMe-Community. Daher haben wir auch dort einige wiederkehrende Fragen gesammelt. Die Erste, die häufig gestellt wird, ist, woran man ein Burnout oder eine Angststörung erkennen kann?

Aus meiner eigenen Wahrnehmung heraus kann man ein Burnout daran erkennen, dass man seinen Alltag mit eigenen Kräften nicht mehr bewältigt bekommt, weil die Belastungen und der Stress von aussen so Überhand genommen haben. Extreme Erschöpfung, körperliche Symptome und das Gefühl, von seinem Leben überrollt zu werden, sind starke Indizien. 

Und bei einer Angststörung würde ich sagen, dass es ein Hinweis sein kann, das Gefühl zu haben, dass man die Kontrolle über seine Angstgefühle verloren hat. Dass die Angst überhand nimmt und den Alltag bestimmt und diese Angstgefühle immer oder immer wieder verstärkt da sind. Zum Beispiel auch in Form von Panikattacken. Wenn diese immer wieder auftreten und sich nicht nur einmalig zeigen, handelt es sich möglicherweise um eine Störung.

Was kann man tun, wenn der Verdacht auf eine psychische Erkrankung besteht?

Man kann sich natürlich an Vertrauenspersonen wenden. Das können Eltern sein oder Freunde. Vielleicht auch die Vertrauenslehrerin in der Schule oder irgendeine Vertrauensperson im Betrieb. Darüber hinaus ist es aber auch absolut wichtig, sich eine professionelle Meinung einzuholen - Hausärzt:innen, Psychiater:innen und Psycholog:innen können hier kontaktiert werden, um gegebenenfalls schnellstmöglich Unterstützung zu erhalten. Für mich war die erste Anlaufstelle neben der Familie mein Hausarzt.

Würdest du aus deiner Erfahrung sagen, dass man mit einer solchen Erkrankung gut umgehen kann oder sie auch heilbar ist?

Bei dem Wort «heilen» bin ich immer ein bisschen vorsichtig. Heilung klingt irgendwie so vollkommen und schafft in meinen Augen so einen krassen Erwartungsdruck. Meine Philosophie ist, jeder Mensch hat irgendwo kranke und gesunde Anteile. Die gesunden Anteile müssen jedoch überwiegen, um sagen zu können, man fühlt sich gesund und kann gut leben. Gerade Angststörungen sollen meines Wissens nach sehr gut behandelbar sein. Und auch aus einem Burnout kann man, so wie ich, wirklich gestärkt wieder raus kommen.

Ich habe eben selbst die Erfahrung gemacht, dass Genesung stattfinden kann. Es geht mir jetzt so viel besser, als vor vier Jahren. Aber natürlich wird diese Erfahrung, die ich gemacht habe, auch immer irgendwo ein Teil meiner Geschichte bleiben. So wie äussere Verletzungen meistens Narben hinterlassen, bringen sicherlich auch psychische Erkrankungen irgendwas mit sich, was bleibt. Das heisst aber nicht, dass die Situation so schlimm bleiben muss und man sein Leben nicht weiter bewältigen kann. Es kann wirklich besser werden und oftmals eben auch wieder beschwerdefrei.

Wo kann man deiner Erfahrung nach Unterstützung finden, als Betroffene:r oder Angehörige:r?

Kommt natürlich darauf an. Für therapeutische Unterstützung geht der Weg über Ärzt:innen oder die Psychotherapie direkt. Diese kann dann unterschiedlich aussehen, ambulant oder stationär zum Beispiel. Man könnte nebenbei auch eine Peer-Beratung (Betroffene unterstützen Betroffene) aufsuchen, was aber immer nur therapiebegleitend und nicht ersetzend ist, oder sich an Selbsthilfegruppen wenden. Die gibt es tatsächlich auch für Angehörige, nicht nur für Betroffene. Beratungsstellen, zum Beispiel auch der sozialpsychiatrische Dienst, sind eine wunderbare Anlaufstelle. Diese gibt es in den meisten Orten. Ansonsten kann auch die Telefonseelsorge, oder wenn es absolut akut ist, der Notruf angerufen werden.

Du selbst gehst sehr offen mit deiner Erkrankung um. Würdest du dies auch anderen Menschen mit psychischen Erkrankungen empfehlen, beispielsweise am Arbeitsplatz bzw. welche Empfehlungen hättest du diesbezüglich?

«Bleibt mit eurer Geschichte nicht alleine, sondern vertraut euch jemandem an. Darüber sprechen ist erleichternd.»

Ich selbst habe in meinem jetzigen Job relativ schnell Vertrauen gefasst und meinen Kolleg:innen erzählt, welche Erfahrungen ich gemacht habe und nach jetzt drei Jahren in diesem Betrieb auch meinen Arbeitgeber darüber in Kenntnis gesetzt. Ich wünschte, dass ich das jedem ganz easy so empfehlen könnte. Das möchte ich aber nicht. Ich glaube, wir sind noch nicht soweit, dass jede betroffene Person sich ohne Konsequenzen am Arbeitsplatz zu diesem Thema öffnen kann. Ich glaube, dass das eine ganz individuelle Sache ist. Ich kenne betroffene Personen, denen es damit gut geht, es am Arbeitsplatz nicht erzählt zu haben. Einfach auch, weil sie dadurch «normal» behandelt werden und keine Stigmatisierung, Ausgrenzung oder sonstiges erfahren. Und das ist völlig okay, solange es ihnen damit gut geht. Sollte es aber so sein, dass man seinen Arbeitstag nicht gut bewältigen kann, wenn man sich niemandem anvertraut, dann bin ich immer für ein offenes Gespräch. Wenn Vorgesetzte dann negativ reagieren, kann man sich natürlich fragen, ob dieser Arbeitgeber der richtige für einen ist. Ein Anfang kann ja auch erstmal ein offenes Gespräch mit einer vertrauten Person am Arbeitsplatz sein. Man muss für sich eben vorher abwägen, welche Konsequenzen die Ansprache mit sich bringen kann und ob man stabil genug ist, sich dem am Arbeitsplatz auszusetzen. Ich wünsche mir aber von Herzen, dass wir in Zukunft in einer Gesellschaft leben, in der wir am Arbeitsplatz angstfrei und ohne Schamgefühl darüber sprechen können. 

Im Umfeld würde ich es wichtig finden, dass man sich Menschen sucht, denen man das anvertrauen kann. Niemand sollte mit seinen Gedanken, Gefühlen, Erfahrungen und Krisen alleine bleiben. Aber wenn man in seinem Umfeld vielleicht niemanden hat, dann kann man sich auch Hausärzt:innen oder Peer-Berater:innen anvertrauen. Ich rate jedem Menschen:

Glaubst du, dass Haustiere oder bestimmte Hobbies Menschen in einer ähnlichen Situation helfen können?

Haustiere sollen grundsätzlich etwas sein, das der mentalen Gesundheit guttut. Das habe ich wirklich schon öfter gehört und das glaube ich auch. Tiere geben einem ja auch so viel Liebe und eine sinnvolle Aufgabe. Man kann Verantwortung für etwas übernehmen, es lenkt einen ab, man kommt je nach Haustier raus an die frische Luft und so weiter. Aber, und das finde ich, ist ein ganz wichtiger Punkt, besonders wenn man in tiefen Krisen steckt, kann ein Haustier auch sehr überfordernd sein. Es braucht eben unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung. Da sollte man ehrlich abwägen und im Zweifel zum Wohle des Tieres entscheiden, ob man das gerade bewältigen kann oder nicht.

Was wünschst du dir für deine Zukunft – sowohl beruflich als auch privat?

Ich wünsche mir auf jeden Fall, in Bezug auf das Thema mentale Gesundheit, dass es noch mehr Aufmerksamkeit erhält. Dass wir als Gesellschaft einen ganz anderen, gesunden Umgang damit erlernen und sich immer mehr Menschen trauen, darüber zu sprechen. 

Somit wünsche ich mir für meine Arbeit auf Instagram, dass die Community wächst und ich mehr Menschen erreichen kann, um meinen Beitrag zur Entstigmatisierung, Aufklärung und Sensibilität im Umgang mit psychischen Erkrankungen zu leisten. Aber vor allem auch, um den stillen betroffenen Personen eine Stimme zu geben. 

Ich möchte mich diesem Thema einfach noch mehr widmen - gerne auch beruflich. Peer-Beratung anzubieten ist daher unter anderem auch ein grosses Ziel von mir.

Welche grundsätzlichen Tipps würdest du Menschen in einer ähnlichen Situation geben?

Grundsätzlich würde ich diesen Menschen den Tipp geben, sich auf jeden Fall jemandem anzuvertrauen und nicht alleine mit seinen Gefühlen und Erlebnissen zu bleiben. Das finde ich unfassbar wichtig, um erstmal diesen Schritt aus sich raus zu machen. Oft ergeben sich dadurch Situationen, in denen man merkt, dass andere – von denen man es vielleicht überhaupt nicht erwartet hat – auch solche Erfahrungen gemacht haben. Und dann natürlich, sich ärztliche und professionelle Hilfe zu suchen, das wäre definitiv ein Tipp. Denn es gibt einen Weg der Genesung. Man muss nicht da stehen bleiben, wo man jetzt gerade ist. Es kann besser werden, es gibt einen Ausweg.

Hast du auch Tipps zur Prävention? Was kann jede:r von uns schon heute tun, dass es gar nicht erst zu einem Burnout kommt?

Auf jeden Fall hinsehen. Was ist gerade in meinem Leben so los? Was sind vielleicht Dinge im Alltag, die mich belasten oder stressen? Natürlich sollte auch auf körperliche Symptome geachtet werden. Also wirklich mal hinschauen, wie geht es mir aktuell und was sind meine Bedürfnisse und kann ich diesen gerade gerecht werden oder übergehe ich sie vielleicht andauernd. Präventive Unterstützung, zum Beispiel durch psychologische Beratung, kann helfen, sein Leben zu sortieren und blinde Flecken zu erkennen, bevor eine psychische Erkrankung einsetzt.
 
Gerade im Bereich der Burnout-Prävention kann man viel tun. Bin ich zufrieden mit meiner Arbeit? Empfinde ich dabei noch Freude, oder überwiegt die Frustration? Muss ich gerade wirklich 40-60 Stunden ackern, oder kann ich an meinem Lebensstandard irgendwas verändern und finanziell trotzdem gut zurechtkommen? Kann mich jemand bei gewissen Themen unterstützen, oder muss ich wirklich alles alleine stemmen? Das ist natürlich immer individuell. Aber es gibt auch im Kleinen so viele Dinge, die man tun kann. Seien es Entspannungsübungen, oder ein Hobby, mit dem man sich etwas Gutes tut - das muss auch nicht immer Sport sein. Ausserdem ist es wichtig, sich ausreichend Ruhe im Alltag zu gönnen, sich bewusst Me-Time für sich einzuplanen und Prioritäten zu setzen.

Welche Botschaft möchtest du zum Abschluss noch vermitteln?

Meine allergrösste Botschaft, die ich auch auf Instagram immer wieder vertrete, ist:

«Wir sind nicht alleine. Du bist nicht alleine. Es gibt so viele betroffene Menschen und vor allem gibt es da draussen Menschen, die dich unterstützen können. Vertraue dich unbedingt jemandem an.»

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Vanessa, dass sie ihre Erfahrungen so offen und ehrlich mit uns geteilt hat.


Fehler gefunden? Jetzt melden.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?