Angststörung – wenn Angst zur Krankheit wird

Angst ist grundsätzlich etwas Gutes, denn sie warnt den Menschen vor Gefahren. Sie ist unsere eigentliche «Alarmanlage». Entstehen aber durch Angst Kontrollverluste, Panikattacken oder Lähmungen, liegt eine Angststörung vor – die häufigste psychische Erkrankung unserer Zeit.

Wir alle kennen Ängste von frühester Kindheit an. Angst, alleine zu sein. Angst vor der Dunkelheit, Prüfungsangst, Angst vor Gewittern, in späteren Lebensphasen Angst vor Krankheiten, Einsamkeit oder letztlich dem Tod. Die Entwicklung von Ängsten gehört zum Leben jedes Menschen. Sie kommen und gehen, mal sind sie ausgeprägter, mal einfach nur begleitend. Im Normalfall lernen wir, mit unseren Ängsten zu leben. 

15 bis 20 Prozent der Bevölkerung von Angststörung betroffen

Immer mehr Menschen  man schätzt 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung  werden von Angststörungen heimgesucht. Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer. Insgesamt gibt es damit in der Schweiz rund 800'000 Betroffene. Die Kosten von Angststörungen werden auf über 1 Milliarde Franken berechnet. Dazu gehören einerseits die Arztkosten, die sich bereits auf hohe Beträge summiert haben, bis überhaupt eine verlässliche Diagnose gestellt werden kann. Kann eine Angststörung nicht rechtzeitig und wirksam behandelt werden, droht eine dauernde Erkrankung, Arbeitsplatzverlust und somit hohe Ausfall- und Versicherungskosten (ALV, IV, EL). 

Zur Störung wird Angst immer dann, wenn sie wiederholt in Situationen auftritt, in denen real und nach menschlichem Ermessen gar keine Gefahr oder Bedrohung vorliegt – wenn sie also unverhältnismässig ist. Die Angst äussert sich häufig mittels körperlicher Symptome wie beispielsweise Herzrasen, Schwindel, Zittern, Schweissausbrüchen, verminderter Belastbarkeit oder Beschwerden im Magen-Darm-Trakt. 

Vielfältige Ursachen für Angststörungen

Über die Ursachen von Angststörungen gibt es verschiedene Erkenntnisse. Grundsätzlich scheint es so zu sein, dass manche Menschen für die Entwicklung einer Angststörung besonders anfällig sind. Bei der Entstehung von Angsterkrankungen geht man heute davon aus, dass stark belastende Lebensumstände wie Unfälle, Scheidungen oder Stellenverluste, traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit oder im Erwachsenenalter, Kindheitserlebnisse und Erziehungseinflüsse einen starken Einfluss haben. Vermutet wird auch eine vererbte Bereitschaft, an einer Angststörung zu erkranken. 

Es hat sich gezeigt, dass immer verschiedene Ursachen und Auslöser zusammenkommen müssen, damit es zum Ausbruch einer Angststörung kommt. Nur selten findet sich eine einzige Ursache. Angststörungen können aber auch durch einschneidende Angsterlebnisse gefördert werden. So können sich zum Beispiel erlebte Flugturbulenzen zu einer ausgeprägten Flugangst entwickeln.

Enger Tunnel | © Engin Akyurt/pixabay

Wenn der Tunnel zum unüberwindbaren Hindernis wird (Foto: Unsplash)

«Phobische Störungen» und «Andere Angststörungen»

Angststörungen werden im Klassifikationssystem ICD-10 (International Classification of Disorders) als neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen kodiert. Die ICD-10 definiert zum einen «Phobischen Störungen» wie beispielsweise Agoraphobie, Soziale Phobie, sonstige spezifische Phobien oder sonstige phobische Störungen. Zum anderen gibt es «Anderen Angststörungen» (Panikstörungen, generalisierte Angststörung). 

Agoraphobie: «Ich sitze in der Falle»

Die häufigste Phobie ist die sogenannte Agoraphobie. Diese liegt bei Menschen vor, die an bestimmten Orten ein starkes Unwohlsein, oder eben Angst empfinden. Dazu gehören öffentliche Plätze, Geschäfte oder Orte mit grossen Menschenmengen. Auch bei weiten Reisen alleine kann dieses Phänomen auftreten. Gemeinsam ist diesen Situationen, dass die Betroffenen glauben, im Falle des Auftretens von Panik oder potenziell bedrohlichen Zuständen nicht schnell genug flüchten zu können, dass Hilfe nicht schnell genug vor Ort wäre oder, dass sie in peinliche Situationen geraten könnten. 

Das Grundgefühl, anderen Menschen ausgeliefert zu sein, setzt eine körperliche Stressreaktion in Gang, die zu den oben erwähnten Angstsymptomen bis hin zu Panikattacken führen kann. Die Betroffenen zeigen ein starkes Vermeidungsverhalten, das oft zu einem totalen Rückzug in die eigenen vier Wände führt – mit den Folgen neuer Ängste vor Isolation und dem Verlust vertrauter Personen.