Schwarz-Weiss Foto von Nicole Pfund

«Ich dachte mir, mit 18 Jahren bin ich doch zu jung für eine psychische Erkrankung.»

Nicole Pfund litt rund vier Jahre unter Angststörungen. Was sie anfangs als Bauchkrankheit von sich weggeschoben hatte, führte später zu Panikattacken und einer ernsthaften psychischen Erkrankung. Heute geht es der 24-Jährigen gut. Sie erkennt Warnsignale frühzeitig und kann darauf reagieren. Im Gespräch schildert sie, wie es ihr ergangen ist und was ihr geholfen hat ihre Angststörung zu überwinden.

Du schreibst gerade ein Buch über deine Angststörung. Worum geht es?

Im Buch geht es um mich selbst, um meine Vergangenheit, so dass die Leser besser nachvollziehen können, wie es überhaupt zu einer Angststörung kommen kann. Der Hauptteil handelt davon, wie sich die Angststörung geäussert und wie es sich für mich angefühlt hat. Es handelt auch davon, wie ich damit umgegangen bin, welche Therapien ich ausprobiert habe und wie ich sie schlussendlich überwunden habe. Es ist ein sehr persönliches Buch, da dieser Aspekt in Ratgeberbüchern oder medizinischen Büchern oftmals fehlt.

Was hat dich dazu bewogen das Buch zu schreiben?

Damit begonnen habe ich während der Zeit meiner Angststörungen. Damals war es aber nicht mein Plan, ein Buch zu veröffentlichen. Es war vielmehr eine Verarbeitung für mich und eine Gelegenheit, um meine Geschichte aufzuschreiben. Ich konnte dadurch reflektieren, was mir geholfen hat und was nicht.

«Zu Beginn hatte ich das Gefühl körperlich krank zu sein.»
Nicole Pfund

Da ich auf den sozialen Medien sehr aktiv bin, habe ich immer mehr Personen kennengelernt, die dieselben Symptome haben und ähnliches erlebt haben wie ich. Dieses Netzwerk hat mich dazu motiviert, das Geschriebene als Buch zu veröffentlichen. Es leiden sehr viele unter Angststörungen und gerade in der aktuellen Pandemielage ist das Thema sehr präsent, aber niemand spricht darüber.

Wann hast du bemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Zu Beginn hatte ich einfach das Gefühl krank zu sein. Ich hatte oft Bauchschmerzen und litt an Übelkeit. Es gab auch eine Phase da hatte ich innerhalb von drei Monaten zehn Kilo abgenommen. Die Ärzte konnten allerdings nichts finden. Ich habe es weggeschoben und gedacht, dass es einfach nur eine schlechte Phase ist. An eine psychische Erkrankung habe ich damals nicht gedacht. Ich dachte mir, mit 18 Jahren bin ich doch zu jung dafür. Nach meiner ersten Panikattacke konnte ich es dann nicht mehr wegschieben. 

Wie hat sich das angefühlt?

Ich hatte Herzrasen, der ganze Körper hat geschmerzt, mir war schwindelig und übel. Ich habe nur noch geweint und geschrien. Die Kontrolle über mich selbst habe ich komplett verloren. Und das mitten auf der Strasse – auf dem Weg zu meinem ersten Schultag an der Handelsschule.

Wie bist du zur Diagnose gelangt?

Meine Mutter hatte mich an dem Tag zur Schule begleitet und hat deshalb sofort erkannt, dass es eine Panikattacke war. Meine Eltern haben dann auch interveniert und vorgeschlagen eine Psychologin aufzusuchen. Obwohl ich zunächst nichts davon wissen wollte, habe ich mich dem gestellt. Leider bin ich bei der ersten Ärztin an die falsche Person geraten und habe die Therapie nach der ersten Sitzung gleich wieder abgebrochen. Diese hätte mich am liebsten gleich in eine Klinik eingewiesen. Zum Glück habe ich nicht gleich aufgegeben und mich dazu entschieden, eine andere Psychologin zu suchen. Diese war dann auch sehr vorsichtig beim Stellen einer Diagnose, weil sie nicht wollte, dass ich mich zu sehr darauf konzentriere und mich darauf versteife. Nichtsdestotrotz war von einer Teildepression, Anpassungsstörungen und einer Agoraphobie die Rede.

Was hat die Konfrontation mit Begriffen, wie Depression und Angststörung, bei dir bewirkt?

Einerseits war ich froh, weil ich dem Ganzen einen Namen geben konnte. Andererseits war ich schockiert, da ich jetzt genau das hatte, wovor ich mich immer gefürchtet hatte und auch nicht wahrhaben wollte. Zudem hatte ich Angst davor wie mein Umfeld reagiert, wenn es erfährt, dass ich kein physisches, sondern ein psychisches Problem habe.

Und wie ist dein Umfeld damit umgegangen?

Meine Eltern, mein Freund und meine beste Freundin sind zum Glück sehr gut damit umgegangen. Sie haben mich auf meinem Weg unterstützt und waren immer für mich da. Beim erweiterten Umfeld waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. Einige wussten nicht, wie damit umgehen und was eine Angststörung überhaupt ist. Andere wiederum meinten, dass ich übertreibe und dass man doch vor solchen Situationen doch keine Angst haben müsse.

Wie geht es dir heute?

Heute geht es mir sehr gut. Ich bin befreit von Panikattacken und wieder zurück im Leben. Heute bin ich sehr sensibel auf die typischen Symptome und erkenne rechtzeitig, wenn mir etwas zu viel wird. Über die Zeit habe ich sehr viele Dinge gelernt, die mir in Stresssituationen helfen, in denen sich eine Angststörung anbahnt.

«Während meine Freunde im Ausgang waren, habe ich nicht einmal mein Zimmer verlassen.»
Nicole Pfund

Aber es war ein holpriger Weg. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass es so schwierig ist, die Angststörungen in den Griff zu bekommen. Zuerst hatte ich mir gedacht, dass ich das mit einer Therapie innerhalb von ein paar Monaten überwinden kann. Aber das war eine Illusion. Auch die Rückschläge habe ich unterschätzt. Bei mir war das Hauptthema, dass ich meine Vergangenheit aufarbeiten musste, da diese ausschlaggebend für meine Angststörung war.

Schwierig war auch mein junges Alter. Während meine Freunde sich getroffen haben, ausgegangen sind und ihr Leben genossen haben, war ich ständig zu Hause. Sobald ich das Haus verlassen hatte, bekam ich Panikattacken. Es gab eine Zeit, da habe ich nicht einmal mein Zimmer verlassen. Ich habe in meinem Zimmer gelebt.

Was hat dir geholfen die Angststörungen in den Griff zu kriegen? Und was würdest du anderen Betroffenen raten?

Ich brauchte zunächst viel Ruhe und Erholung, denn ich war beim absoluten Nullpunkt angelangt. Ich habe viel mit der Psychologin und meinen Eltern gesprochen. Auch eine Körper- und Atemtherapie hat mir sehr gutgetan. Denn ich musste wieder lernen richtig zu atmen. 

Für mich war es sehr wichtig, mit jemanden über meine Gefühle und Ängste zu sprechen. Sonst hätte mich das Ganze innerlich zerfressen. Genau das würde ich auch anderen Betroffenen raten: Sich zu trauen das anzusprechen, was man fühlt und sich nicht zu verstecken.

Nicole Pfund ist auch Helferin unseres Angebots «Zweite Hilfe». Wir danken Nicole für ihr Engagement und das Interview.


Buchtipp «Little Fighter»

Nicoles Buch «Little Fighter. So fand ich durch meine Ängste zu mir selbst.» ist im April 2021 erschienen und kann bei Orellfüssli bestellt werden.


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