Frau, die im Dunkeln vor einem hellen Bildschirm sitzt | © unsplash

Wenn Angst behindert – ein Erfahrungsbericht einer Panikattacke

Vor Jahren brach Ciara S.* am Arbeitsplatz zusammen. Diagnose: Angst- und Panikattacken. Einen Grossteil des Weges zurück ist sie inzwischen erfolgreich gegangen.

Der Tag des Zusammenbruchs wird Ciara S. immer im Gedächtnis bleiben. Damals brach sie zitternd am Arbeitsplatz zusammen. Am Tag darauf ging sie in Begleitung zum Hausarzt, der glücklicherweise auch Psychologe ist.

Depression und Panikattacken

Der Arzt diagnostizierte Angststörungen. Ciara S. traute sich nicht mehr aus dem Haus und konnte sich nur noch in ihrer Wohnung aufhalten. Zur Psychotherapie konnte Ciara nur noch in Begleitung gehen. Eine tiefe Depression war die Folge.

«Ich kämpfe mit riesigen, mir unerklärlichen, Ängsten und Panikattacken.»

Als Angststörung bezeichnet man einen krankhaften Zustand, bei dem starke Ängste oder Panikattacken scheinbar grundlos auftreten und nicht die Folge von körperlichen Erkrankungen oder Suchtmittelmissbrauch sind. Für Aussenstehende sind die Ursachen für diese Ängste unsichtbar und kaum nachzuvollziehen. Depressionen sind eine häufige Folgeerscheinung von Angstzuständen, da soziale Kontakte und ein unbeschwertes Leben praktisch unmöglich werden.

In den ersten Monaten weigerte sich Ciara, Antidepressiva zu nehmen. «Ich dachte, es allein schaffen zu können», erklärt sie die Gründe für diese Weigerung. Doch schliesslich sah sie ein, dass es ihr mit Medikamenten vielleicht doch besser gehen würde, was auch tatsächlich der Fall war.

Rückfall nach nur einem Jahr

Bald arbeitete sie wieder Teilzeit und wollte ihr Pensum langsam wieder steigern. Nach einigen Monaten hatte sie das Gefühl, es überstanden zu haben und arbeitete wieder hundert Prozent. Nach einem Jahr aber kam der Rückfall. Ciara konnte fast zwei Jahre gar nicht mehr arbeiten. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel war für Ciara unmöglich. Sie mied  Menschenansammlungen – ein typischer Bestandteil von Angstzuständen. 

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Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen machte Ciara aufgrund der Menschenmassen Angst. (Foto: Unsplash)

Je länger eine Angststörung andauert, umso schlimmer wird sie. Es ist daher wichtig, sie möglichst frühzeitig zu erkennen und angemessen zu behandeln. Das Verstehen der Funktionsweise von Angststörungen kann dazu beitragen, den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen. Welche Therapie schlussendlich die richtige ist, muss die behandelnde Ärzteschaft zusammen mit der betroffenen Person erarbeiten. Es gibt keine Patentlösung für alle Betroffenen.

Ciara wollte sich nicht unterkriegen lassen und ging fleissig in die Therapie. Langsam, sehr langsam, stabilisierte sich ihr Zustand wieder. Nach dem ersten Jahr ohne Anstellung meldete sie sich unter grossem Widerstand und vielen Tränen bei der IV als arbeitsunfähig an, um neben dem emotionalen Loch nicht auch noch in ein finanzielles zu stürzen.

Tierische Unterstützung

In dieser Zeit schaffte sich Ciara einen Hund an. Sie wollte wieder eine Aufgabe haben und sich zwingen, raus zu gehen. Weiters fiel ihr die Bewegung in der Öffentlichkeit in Begleitung des Hundes leichter. Tatsächlich schaffte sie es mit ihrem neuen, tierischen Freund wieder vor die Türe und konnte allmählich ihren Bewegungsradius vergrössern. Hunde wirken beruhigend und als Sicherheitssignal. Sie funktionieren in ihrer Kommunikation anders als Menschen, da sie einen hohen Aufforderungscharakter besitzen.

Tiere, wie Hunde und Pferde, werden auch gezielt in verschieden Therapien eingesetzt. Betroffene werden scheinbar vorurteilslos von den Tieren angenommen und geliebt. Für Ciara ist ihr Hund mehr als ein Therapiehund. Er ist einer ihrer engsten Freunde. 

Stelle für Stelle, Schritt für Schritt

Ciara schaffte nach knapp zwei Jahren den erneuten Schritt ins Arbeitsleben und konnte im Rahmen eines Wiedereingliederungsprogrammes Teilzeit in der Administration eines Behindertenheimes arbeiten. Durch den stetigen Fortschritt gewann sie an Selbstvertrauen. Dies wirkte sich stabilisierend auf ihre Situation aus. Allerdings zeichnete sich ab, dass ihre Leistungsfähigkeit nicht mehr die gleiche wie früher war. Sie war nicht mehr so belastbar und brauchte viel Erholung. Dies führte dazu, dass sie seither eine Fünfzigprozent-IV-Rente bezieht. 
Über die Anstellung im Behindertenheim kam Ciara zu einer befristeten Stelle in einer Stiftung. Sie war stolz, endlich wieder im Arbeitsmarkt zu sein. Schliesslich fand sie auf dem freien Markt eine Stelle als Sachbearbeiterin in einem Industriebetrieb. Doch sie war der Belastung dort nicht gewachsen. Um ihre Gesundheit nicht wieder aufs Spiel zu setzen, kündigte sie nach nur neun Monaten wieder.

Nach einer weiteren befristeten Anstellung fand Ciara in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes endlich eine Festanstellung in einem kleinen Handelsbetrieb. «Ich konnte zu Fuss zur Arbeit und auch mein Hund durfte mitkommen!» Zweieinhalb interessante und lehrreiche Jahre verbrachte sie in dieser Firma und auch gesundheitlich stabilisierte sie sich weiter. 

Endlich wieder ÖV!

Durch eine gute Freundin fand sie schliesslich ihre aktuelle Arbeitsstelle bei einer gemeinnützigen Organisation. Dort ist sie ist als Sachbearbeiterin im kaufmännischen Bereich tätig. Seit eineinhalb Jahren kann Ciara auch wieder mit dem Zug zur Arbeit fahren.

Ciara hat einen langen und schwierigen Weg hinter sich.

«Im Nachhinein hat mir das Ereignis vor zehn Jahren geholfen, mich selbst besser kennenzulernen und mein Leben positiv zu verändern!»

Sie hofft, eines Tages wieder Vollzeit arbeiten zu können. Unter Druck setzen will sie sich damit aber nicht. Dass das nichts bringt, hat sie aus der ganzen Sache gelernt.