Ein Mann und eine Frau stehen weit auseinander mit ihren Armen verschränkt.  | © Pixabay

Trennung und Neubeginn

Eine emotional stabile Partnerschaft aufzubauen, erfordert von beiden Partner*Innen grundsätzlich einmal, dass hierzu das gegenseitige Interesse daran sowie die Motivation, gemeinsam die Höhen und eben auch die Tiefen zu durchwandern, spürbar vorhanden sein müssen. Das Leben hält mitunter auch unerwartete Situationen bereit, auf die keine der Partner*Innen vorbereitet ist.

An dieser Stelle beweist sich, mit welcher Haltung das Paar diese Herausforderungen annimmt und meistert. Die innere Haltung gegenüber einer schwierigen Situation und natürlich vorhandene Kompetenzen und Ressourcen entscheiden darüber, wie die Aufgabe gemeistert wird. Der liebevolle Umgang miteinander, gerade auch auf den schwierigen Passagen, birgt so viel Potential für Beide.

Der Mensch wächst bekanntlich an seinen Aufgaben und erwirbt im Laufe seines Lebens Kompetenzen, die seine weitere Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. Ein Mensch kann sich auch stark verändern in seinem Wesen, dies vor dem Hintergrund unterschiedlichster Ursachen wie Erfahrungen und Einflüsse, beispielsweise Erfolge oder Misserfolge. All dies sind Aspekte, die berücksichtigt werden wollen. Stellen Sie sich gemeinsam einem Problem oder bleibt der schwierige Part nur an einem Teil der Paarbeziehung hängen? Beginnen Sie gemeinsam eine heikle Passage Ihres gemeinsamen Weges und helfen jeweils dem anderen, diese zu überwinden? Oder räumen Sie das Feld, sobald der Boden unter Ihren Füssen anfängt, ins Wanken zu geraten? 

Wenn Sie die vor Ihnen liegenden schwierigen Aufgaben überfordern, verlassen Sie dann Ihre*n Partner*in und vertrauen auf andere Menschen, die möglicherweise mehr Erfahrungen und Stärken mitbringen als Sie selbst? Suchen Sie den Austausch mit Betroffenen oder ziehen Sie sich zurück aus Selbstschutz? 

Die Vielfalt an Varianten macht es oft im Leben recht kompliziert, auf einem einmal begonnenen Weg zu bleiben. Manchmal entwickelt sich eine Dynamik, die keiner von Beiden voraussehen konnte. Wenn in einer Partnerschaft langfristig gefühlt der Schmerz, die Enttäuschung und Traurigkeit die  Lebensfreude und das Seelenheil überwiegt, ist es meist an der Zeit für eine Veränderung. 

Gedanken meiner Mutter

«Als ich während der Rehabilitation merkte, wie meine Tochter die bestehende Beziehung immer mehr in Frage stellte, nahm ich das Thema ohne lange zu Warten auf und machte ihr Mut. Jedes Ende birgt einen Anfang in sich, nach einer Trennung folgt auch die Zeit eines Neubeginns. Das heisst, es wird einen anderen Partner geben, der dich so liebt, wie Du bist und Dich für Deine Werte schätzen wird, daran glaube ich. 

Wichtig war mir vor allem, meiner Tochter mit den richtigen Worten Mut zu machen, Motivation zu geben für ihr tägliches Mühsal im physiotherapeutischen Training. Worte, einmal ausgesprochen oder -geschrieben, können unglaubliche Kräfte entfalten und Macht über einen Menschen erlangen, im positiven wie im negativen Sinne. Das Wissen um diese Kräfte wollte ich bewusst durch eine durchdachte Wortwahl einsetzen. Als meine Tochter mich fragte: ‹Mutti, wird alles wieder gut?›, hielt ich zuerst den Atem an, weil ich selbst noch keine Antwort auf diese heikle Frage wusste. Dann erinnerte ich mich an einen Ausspruch von einem guten Freund: ‹Wir trainieren so weit, wie wir kommen.› Und dieser Satz war es, den wir nicht oft genug wiederholen konnten und an den wir uns während der ganzen Rehabilitation klammerten. Nicht aufgeben, immer weiter Stück für Stück jeden Tag, nicht aufgeben, es gibt immer einen Weg. In der Tat haben wir mit der Genesung meiner Tochter ein grosses Geschenk bekommen und sind sehr glücklich darüber.»

Beatrice im Grindelwald | © Kerstin Mitzschke

Nicht aufgeben, Stück für Stück jeden Tag, es gibt immer einen Weg. (Foto: Privat)

Beatrice N.

«Am Anfang war es furchtbar für mich, das Drama zu verkraften, ich wusste nicht, wie geht es weiter und ich hatte Angst, mit dem Thema konfrontiert zu werden, weil ich mich nach der Schockverarbeitung selbst mental noch nicht neu aufgestellt hatte. Dann später nach einem gewissen Verarbeitungsprozess war es mir eine Erleichterung, mit meiner Mutter vertrauensvoll über das Thema Partnerschaft und Trennung reden zu können, ich war dann erst so weit, dass ich überhaupt darüber reden konnte. 

An der Stelle war es für mich sehr wichtig, dass meine Mutter meine Gefühle nicht herunterspielte oder unter den Teppich kehrte. Diese Ängste, das Gefühl der Ungewissheit und Unsicherheit, welche begründet sind, nämlich in der Weise, dass ich Dies und Das nicht mehr habe, ich nicht mehr machen kann. Dass meine Mutter genau an dieser Stelle mit absolutem Verständniss reagierte, es mit grossem Einfühlungsvermögen glaubwürdig rüberbringen konnte, war mir sehr wichtig. 

In der Fortsetzung musste meine Mutter mir ans Herz legen, dass es trotz allem noch genug Dinge gibt, die mir nach einer Trennung und zukünftigen Neubeginn mit einem anderen Partner möglich sein werden. Es wird andere Inhalte geben, die zwei Menschen verbinden und Gemeinsamkeit fördern kann und dass es so gesehen eine Verlagerung gibt, die ich erst später erkennen konnte. 

Das gab mir eine neue Perspektive und Motivation, was ungeheure Kraft und Energiereserven freisetzte. Damit konnte ich dann auch die Tage, die nicht so gut liefen, irgendwie überstehen, weil ich wusste, ja mir bewusst machte, es geht weiter, es gibt einen Weg in die Zukunft. 

Bea auf einer Brücke in den Bergen | © Privat

Das gab mir eine neue Perspektive und Motivation, Kraft und freigesetzte Energie. (Foto: Privat)

Das diese Verlagerung, die meine Mutter meinte, eher andere Dinge emporhebt, die noch möglich sind, und damit Unmöglich gewordene Bewegungsabläufe, Freizeitaktivitäten beziehungsweise bisherige oder erträumte Lebensinhalte zur Seite schiebt, hier gibt es eine Verlagerung. Ich musste darauf vertrauen, dass es ausreicht, das mich neu entdeckte Möglichkeiten und Inhalte mit dem anderen Partner verbinden und auch zu einer stabilen emotionalen Beziehung führen können. Und ich erkannte, dass die komplette Bandbreite an Möglichkeiten, die mir vor dem Unfall im gesunden Zustand zur Verfügung standen, nicht zwingend notwendig ist, um ein erfülltes Leben leben zu können. 

Das ist das, was ich erfahren durfte im Laufe «meines neuen Lebens», es reicht einiges Weniges aus, um ein zufriedenes Leben führen zu können. Und du wirst nach der Trennung mit einem anderen Partner etwas Neues finden, was für dich Zufriedenheit bedeutet, das wird sich auf deinem Weg neu zusammenstellen und definieren. 

Auch wenn ich nicht mehr Skifahren und Joggen kann, erkenne ich, dass das Leben mit einem anderen Menschen, der dies nicht braucht, sondern lieber lesen, spazieren oder tanzen mag, auch ein Leben zur Zufriedenheit beider führen kann. Mit dieser erlernten Lebenshaltung kann ich meine früher geliebten Aktivitäten eher der Vergangenheit überlassen, diese Bedürfnisse nicht mehr so sehr spüre beziehungsweise das in der Natur beliebig unterwegssein können vermisse. Stück für Stück wird auf diese Weise das Bedürfnis nach dem Vergangenen, was damals noch möglich war, immer schwächer. 

Der Partner an meiner Seite darf so gesehen auf keinen Fall hauptsächlich das tun wollen, was ich aufgrund meiner körperlichen Behinderung nicht mehr ausüben kann, sonst erinnert mich sein Bedürfnis ständig schmerzlich an die Unmöglichkeit des Joggens beispielsweise, was auch eine Zerreissprobe in einer (noch)bestehenden Beziehung sein kann.   

Ich habe gelernt und erkannt, dass es zum Glück sehr viele unterschiedliche Menschen auf dieser Welt gibt, dass es somit möglich ist, sich nach einer Trennung im Verlauf eines Neubeginns «anders zusammenzuwürfeln» Du musst Dich nur darauf einlassen und vertrauen, dass alles einen Sinn hat, unabhängig vom Ausgang.

Verbundheit und Anerkennung | © Privat

Verbundenheit und Anerkennung ist das, was sich jeder Mensch wünscht. (Foto: Privat)

Zusammenhalt, Liebe und Respekt sowie Wertschätzung haben einen hohen Stellenwert bekommen, diese Eigenschaften haben eine noch grössere Bedeutung gewonnen für mich. 
Die frühere Beziehung, in der ich lebte, hatte für mich nach dem Unfall und vor dieser Trennung dennoch einen besonderen Stellenwert: «Er kennt mich gesund und hat die Erinnerungen, die wir teilen konnten.»

Deshalb sah ich darin die Chance, an mein vorheriges Leben anzuknüpfen, sozusagen an das alte Gute, das war mir wichtig. Dass der Partner sich Mühe gibt, neue Möglichkeiten ins Auge zu fassen, das erschien mir grundlegend und bedeutsam während der Rehabilitation, das Gefühl von Gemeinschaft hat mir Stärke verliehen und Motivation. 

Im Nachhinein betrachtet denke ich, falls eine frühere bestehende Beziehung zerbricht, ist es die Kunst, den Partner zu finden, der das Gute in Dir erkennt und alles, was noch da und möglich ist, und dich dafür liebt und schätzt…

Häufig gehen alte Beziehungen an den neuen Herausforderungen kaputt, auch Freundschaften lösen sich dadurch auf. Dann ist nach einer Trennung das meist dünn gesäte, übriggebliebene Netzwerk vorübergehend umso wichtiger, bis eine neue Beziehung aufgebaut ist. Bis dahin vermittelten mir meine Eltern und Freunde, die mich gut kennen und sich erinnern, wer ich vor dem Unfall war, was ich für Werte habe. Sie erinnern mich an das Gute in mir, weil sie wissen, was ich wert bin, damit ich an der Trennung nicht zerbreche.  

Wichtig für mich war vor allem die Erkenntnis, dass es andere viele gute Menschen gibt, die mir einen Wert vermitteln, dass es auch andere «Grundfeste» wie den Glauben gibt, an dem ich mich aufrichten kann. Wichtig auch, dass ich diese neuen Menschen in mein Urvertrauen aufgenommen habe, auch wenn ich den Kontakt aus zeitlichen Gründen selten pflegen kann. Diese Menschen, die mich an meinen Selbstwert erinnern, sind bei mir im Unterbewusstsein als gute Erfahrung verankert, also immer bei mir und geben mir innere Stärke, Halt und eben das Bewusstsein, dass es sie gibt. 

Ich freue mich, wenn ich mit meiner Erfahrung anderen Betroffenen helfen kann und dass meine Geschichte in diesem Artikel aufgenommen wird, weil sich EnableMe für die Eltern von Kindern mit Behinderungen stark macht.