Zwei junge Frauen sitzen im Wald an einem Lagerfeuer und unterhalten sich miteinander. | © Pexels/ Alexandr Podvalny

Peer-Programm: Unterstützen und neuen Mut schenken

Sarina und Christine engagieren sich ehrenamtlich für unser Peer Programm. Im Interview erzählen die jungen Frauen, warum sie als Helferinnen fungieren und wie sie Menschen konkret unterstützen.

Das Peer-Programm «Zweite Hilfe» bringt Erstbetroffene mit Menschen zusammen, die schon länger mit einer Behinderung oder Krankheit leben. Die Helfer:innen unterstützen die Betroffenen, in dem sie von ihren eigenen Erfahrungen erzählen, ihnen beistehen und Tipps geben, wie sie besser mit Ängsten und Sorgen umgehen können. Im Interview beschreiben zwei Peers ihr Engagement.

Ihr seid beide im Peer-Programm für EnableMe tätig. Wie lange schon?

Sarina: Ich bin seit circa sieben Jahren im Peer-Programm tätig, mal mehr, mal weniger aktiv.

Christine: Ich seit zwei Jahren.

Wie viele Einsätze hattet ihr bereits?

Sarina: Das ist relativ schwer zu beantworten. Ich kann aber sagen, dass momentan gerade zwei Einsätze laufen.

Christine: Ich hatte noch nicht so viele Einsätze, ich glaube, es waren etwa drei in den zwei Jahren, in denen ich dabei bin.

Für welche Themen seid ihr als Peer zuständig?

Sarina: Es gibt eigentlich immer einen Zusammenhang zu meiner eigenen Erkrankung, ich lebe mit Zerebralparese. Momentan sind es Themen, die den Rollstuhl und Probleme mit dem Bewegungsapparat betreffen.

Christine: Ich unterstütze vor allem Menschen, die, genauso wie ich, eine Sehbehinderung haben, deren Sehstärke kontinuierlich abnimmt oder die durch einen Unfall ihr Augenlicht verlieren und helfe ihnen im Umgang mit der neuen Situation. 

Aus welchem Grund habt ihr euch damals entschieden, euch für das Peer-Programm zu engagieren?

Sarina: Ich habe mich dazu entschieden, weil ich trotz meines jungen Alters (Jahrgang 2001) schon viel erlebt habe und meine Erfahrungen in diesem Rahmen teilen wollte.

Christine: Ich habe gemerkt, dass mir der Austausch mit anderen sehr geholfen hat und ich auch gerne die Rolle der unterstützenden Person einnehme.

Was gefällt euch besonders am Peer-Programm von EnableMe?

Sarina: Mir gefällt der gegenseitige Austausch und dass man nicht nur hilft, sondern auch viel für sich selber lernen kann. Ausserdem macht es mir Spass.

Christine: Dem schliesse ich mich an. Ich mag den Einblick in andere Lebenswelten und dass ich durch das Peer-Programm gut und ungezwungen Erfahrungen für meinen späteren Beruf als Sozialarbeiterin sammeln und die Fragetechniken, die ich aktuell lerne, anwenden kann. Ausserdem habe ich freie Hand: Ich stehe nicht unter Zeitdruck, entscheide selber, wie viel Zeit ich investieren will. Ausserdem muss ich meine Einsätze nicht dokumentieren, ich darf natürliche Gespräche führen.

Dir gefällt also, dass das Programm unbürokratisch ist?

Christine: Genau und in einem freiwilligen Rahmen. Freiwillig von mir, aber auch freiwillig von denjenigen, die das Peer-Programm in Anspruch nehmen.

Welchen Effekt hat eurer Engagement eurer Meinung nach auf die Betroffenen?

Sarina: Ich habe bereits sehr viele Rückmeldungen bekommen, dass das Peer-Programm für die Betroffenen sehr hilfreich ist und dass sie, je nach Situation, auch neuen Lebensmut schöpfen, Licht am Ende des Tunnels sehen können. Sie erkennen durch mich, wie sich ihre eigene Situation verbessern kann. Das Feedback ist grundsätzlich positiv. Es stellt sich für mich oft so dar, dass der Austausch auch deshalb guttut, weil sich die Betroffenen ohne ihn zurückziehen würden. 

Christine: Das Peer-Programm ist auch ein sehr niederschwelliges Angebot. Man muss nicht auf ein Amt oder sich, abgesehen von einem Erstgespräch, telefonisch anmelden. Der Austausch ist ungezwungen, man ist schnell per «Du». Eine Person, die ich mal begleitet habe, meinte zu mir: «Nachdem ich das erste Mal mit dir gesprochen habe, fühlte ich mich ruhiger.» Es tut den Betroffenen gut, jemanden zum Reden zu haben, der gewisse Dinge besser nachvollziehen kann, als andere Menschen. Und natürlich alle Tipps, die die Betroffenen erhalten, Anlaufstellen zum Beispiel. Das Wissen, das wir durch unsere eigenen Erfahrungen haben, kann sehr bedeutend für andere Menschen ein. 

Sarina: Genau und dieses Wissen geben wir ohne Forderungen und kostenlos weiter.

Das wäre meine nächste Frage gewesen: Wie könnt ihr anderen im Rahmen des Peer-Programms konkret weiterhelfen? Sind es also vor allem die von euch geteilten Erfahrungen, die weiterhelfen?

Sarina: Ja, das ist der Hauptteil. 

Christine: Ich habe, bei dieser Person, die ich vorher erwähnte, sie hatte den Wunsch, jemanden persönlich zu treffen, die Erfahrung gemacht, dass ich auch als Vermittlerin helfen kann. Ich habe ihr in einen Chat geschrieben, in dem über siebzig andere Menschen sind und konnte so weitere Kontakte vermitteln. 

Und dieses Treffen fand dann auch tatsächlich statt?

Christine: Leider nicht. Jemand hat sich bei der Person gemeldet und über eine Stunde mit ihr gesprochen, aber ein persönliches Treffen wurde nicht durchgeführt und der Kontakt dann auch beendet.

Ich höre heraus, dass ihr trotz eurer Erfahrungen auch mal an eure Grenzen stosst. Ist das so?

Christine: Absolut, ja.

Sarina: Bei mir war es bisher nie der Fall, dass ich einen Kontakt beenden musste. Das kann daran liegen, dass ich mir von vornherein relativ viele Gedanken mache, ob der Austausch unter den gegebenen Umständen funktionieren kann. Es ist aber durchaus so, dass man eine gesunde Distanz wahren muss. Wenn man sich zu sehr, ich sage jetzt mal, mit den Betroffenen «anfreundet», dann klappt es nicht. 

Wie gelingt es euch denn, diese Distanz zu wahren?

Christine: Es ist wichtig, Abmachungen zu treffen und den Rahmen abzustecken. Es gibt Betroffene, die sich jeden Tag melden und eine Begleitung in einem so engen Rahmen kann und will ich nicht leisten. Ich bin kein Notfalltelefon. Wenn es sich um einen akuten Fall handelt, bin ich bereit, mehr als üblich zu investieren, aber nicht per se. Es macht Sinn, abzusprechen, wie man verbleibt und was beiden möglich ist. 

Sarina: Ich bin noch in anderen Programmen, weshalb Organisation bei mir ebenfalls sehr wichtig ist. Aus diesem Grund habe ich zwei verschiedene SIM-Karten im Handy und kann dementsprechend selber entscheiden, zu welchen Uhrzeiten ich erreichbar bin. Ich versuche wirklich, Privatleben und mein Engagement im Peer-Programm voneinander zu trennen.

Christine: Ah, das mit den zwei SIM-Karten ist eine wirklich gute Idee!

Welches Erlebnis im Zusammenhang mit eurer Tätigkeit als Peer ist euch besonders in Erinnerung geblieben?

Sarina: Ich habe sogar etwas Aktuelles, von einer jungen Frau, die ich gerade betreue. Ich finde es sehr schön, wenn ein ungezwungenes Dankeschön kommt. Sie wurde auch von EnableMe interviewt und hat über unseren Austausch gesprochen. Ich finde es interessant, von aussen mitzubekommen, wie man wahrgenommen wird, dieses geschätzt werden ist extrem schön.

Christine: Ich hatte zwar noch nicht so viele Austausche, aber einer dieser Kontakte hat mir gezeigt, dass es Menschen gibt, die von ihrer grossen Not erzählen, im Moment aber nicht dazu in der Lage sind, eigene Schritte zu tun. Das gilt es dann einfach auszuhalten und vielleicht hat es der Person ja geholfen, einfach erzählen zu können.

Dass die Peers auch eigene Schritte tun müssen, finde ich eine wichtige Aussage. Möchtest du das noch etwas ausführen?

Christine: Ja, es gibt den schönen Ausdruck «Hilfe zur Selbsthilfe». Wir können zwar Tipps geben, wie Hindernisse am besten aus dem Weg geräumt werden, aber den aktiven Part müssen die Betroffenen selbst übernehmen.

Wie erklärt ihr eurem Umfeld, was das Peer-Programm ist?

Sarina: Das ist tatsächlich eine gute Frage und eine, auf die ich in meinem Alltag sehr oft stosse. Ich habe das Peer-Programm in meinen Lebenslauf aufgenommen, da bei Bewerbungsgesprächen oft nach sozialen Engagements gefragt wird. Ich vergleiche es jeweils mit einem unentgeltlichen Coaching, in dem ich meine Erfahrung weitergebe. 

Christine: Das merke ich mir! Ich erkläre es jeweils als Beratung für Betroffene von Betroffenen und Erfahrungsaustausch. 

Warum ist euch ein ehrenamtliches Engagement für EnableMe wichtig?

Sarina: Für mich ist es wichtig, weil ich, als ich in einer Situation war, in der ich einen Austausch gebraucht hätte, erst ein geeignetes Programm suchen musste. Zu diesem Zeitpunkt war es extrem schwierig, ein passendes Angebot zu finden. Deshalb will ich meine Erfahrungen kostenlos weitergeben, da es mir nichts bringt, Geld dafür zu verlangen und ich das auch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren könnte. 

Christine: Ich sehe die Notwendigkeit von solchen Programmen und dass sie nur auf freiwilliger Basis bestehen können. Ich weiss selber, dass es im Umfeld oft schwierig ist, jemand geeignetes zum Reden zu finden und man deshalb auf Plattformen wie EnableMe ausweichen muss. Daneben kann ich wertvolle Erfahrungen sammeln und habe eine entsprechende Bescheinigung erhalten, die ich meinem Bewerbungsdossier beilegen kann. 

Peer-Programm «Zweite Hilfe» – Austausch mit anderen Betroffenen

Es gibt Ereignisse, die alles verändern. Die plötzliche Konfrontation mit einer Behinderung oder Krankheit macht uns handlungsunfähig und hilflos. Wir stellen Ihnen Menschen zur Seite, die diesen Weg bereits gegangen sind – unsere Helfer:innen von «Zweite Hilfe». Erfahren Sie mehr über das Peer-Programm.

Verschiedene Personen stehen in einem Kreis und halten ihre Hände in der Mitte zusammen. | © Unsplash

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