Hilfe zur Selbsthilfe – Wege zu mehr Selbstbestimmung

Hilfe zur Selbsthilfe bedeutet, dass die eigenen Probleme selbst in die Hand genommen werden. Betroffene und Angehörige werden selbst aktiv, mit dem Wunsch, die eigene Situation zu verbessern. Dadurch, dass sich Betroffene Methoden aneignen oder Angebote in Anspruch nehmen, um sich selbst zu helfen, werden sie zu kompetenten Expert:innen aus Erfahrung, die selbstbestimmt ihren Weg gehen. Was zeichnet das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe sonst noch aus? Wie wirkt Selbsthilfe und welche Angebote gibt es in der Schweiz?

«Meine Selbstbestimmung musste ich mir erkämpfen. Ich wünschte mir, dass Betroffene darin bestärkt werden, die eigenen Ziele zu finden und den eigenen Weg zu gehen. Also: Mehr Hilfe zur Selbsthilfe.» So formulierte es unser Helfer Hitzi bei seinem Gespräch mit Robin Rehmann.

Wer mit einer Behinderung oder Krankheit konfrontiert ist, dem stellen sich zunächst viele Fragen. Rasch machen sich Hilflosigkeit und Ohnmacht breit, da man auf viele dieser Fragen keine Antwort kennt. Gleichzeitig wird man mit verschiedenen Meinungen von Fachpersonen konfrontiert und Entscheidungen müssen gefällt werden. In diesem Prozess ist Hilfe zur Selbsthilfe sehr wichtig. Es bedeutet, sich selbst Methoden anzueignen oder Angebote in Anspruch zu nehmen, die einem bei der Bewältigung der individuellen Herausforderungen helfen, sei dies durch Fachliteratur, Ratgeber oder auch Selbsthilfegruppen sowie Peer-Austausche. Oftmals zeigt sich nämlich, dass Personen, die Selbsthilfeangebote in Anspruch nehmen, einen selbstständigeren und selbstbewussteren Umgang mit ihrer Behinderung oder Krankheit finden.

Erklärung: was versteht man unter dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe?

Hilfe zur Selbsthilfe bedeutet, dass Betroffene und Angehörige dazu befähigt werden, selbst aktiv zu werden. Dies mit dem Wunsch, an der eigenen Situation etwas zu verändern. Ein wesentliches Merkmal ist also, dass Betroffene und Angehörige ihre Hilflosigkeit und Ohnmacht überwinden und ihr Leben selbstbestimmt und autonom gestalten. 

Die Selbsthilfe kann in unterschiedlichen Formen stattfinden. Meistens geht es jedoch darum, dass Erfahrungen mit Menschen ausgetauscht werden, die in derselben oder einer ähnlichen Lebenssituation sind, wie man selbst. Dies kann ein verbindendes gesundheitliches oder soziales Problem sein. Aufgrund derselben Betroffenheit können sich Hilfesuchende auf Augenhöhe begegnen und sich gegenseitig bei der Bewältigung der Schwierigkeit unterstützen. Das Erfahrungswissen ermöglicht ein authentisches, wechselseitiges Verstehen, wie es von Fachpersonen oder Nichtbetroffenen nicht immer möglich ist.

Eine Frau sitzt im Schneidersitz auf dem Bett, den Laptop auf den Beinen. Neben sich hat sie eine Tasse Kaffee. | © Pexels / Tatiana Syrikova

Hilfe zur Selbsthilfe bedeutet selbst aktiv zu werden, um ein selbstbestimmteres Leben führen zu können. Sei es durch Erkenntnisgewinn im Selbststudium oder durch Austausch in Selbsthilfegruppen sowie Online-Foren. (Foto: Pexels)

Der Austausch ermöglicht es, die eigene Geschichte, im Rahmen vieler anderer, ähnlicher Geschichten, zu erzählen und dadurch auch etwas Abstand zu gewinnen. Oder, wie es Fabian Berger und Lucia M. Lanfranconi in ihrer Studie beschreiben: «Es findet nicht nur ein Austausch auf Augenhöhe statt, sondern die eigene biografische Geschichte wird unter dem Gesichtspunkt von anderen biografischen Geschichten verglichen und normalisiert.» Oft entwickeln Betroffene und Angehörige dadurch einen anderen Umgang mit dem eigenen Problem. Nicht selten werden Ängste abgebaut und neue Bewältigungshilfen, Perspektiven und Lebensinhalte entwickelt. Deshalb folgt die Selbsthilfe auch dem Ansatz des 

Durch Empowerment die eigenen Stärken und Fähigkeiten entdecken

Beim Empowerment geht es darum, die Autonomie und Selbstbestimmung zu erhöhen. Menschen mit und ohne Behinderungen oder Krankheiten werden dazu ermutigt, ihre Interessen eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten. Im Zentrum des Konzeptes steht die Frage: Unter welchen Bedingungen gelingt es mir, mich aus einer Situation der Hilflosigkeit heraus weiterzuentwickeln? Dabei werden die Fähigkeiten und Ressourcen gestärkt, damit Betroffene und Angehörige ein selbstbestimmtes Leben führen können. Diese Stärkung wird unter anderem auch erreicht, indem neue Kenntnisse über die persönliche Problemsituation erworben werden. So kommt eine Person mit einer Behinderung oder chronischen Krankheit mit seinen Herausforderungen umso besser zurecht, je mehr sie darüber weiss. Zu diesem Wissen zählt einerseits medizinisch-wissenschaftliches Wissen sowie andererseits auch Erfahrungswissen. Durch Austausch und Vernetzung können Betroffene zu kompetenten Expert:innen durch Erfahrung werden. Diese Kenntnisse unterstützen Betroffene und Angehörige dabei, ihre Herausforderungen im Alltag und im Beruf zu meistern. Oftmals findet sich auch ein besserer Umgang mit der Krankheit, wie ein Peer-Austausch zwischen zwei Frauen mit Multiple Sklerose (MS) zeigt. Die beiden Frauen unterhielten sich unter anderem darüber, dass man Vieles auch mit MS noch tun kann. So haben sie über Dinge gesprochen, die ihnen guttun und die ihr Selbstbewusstsein steigern.

Welche Formen der Hilfe zur Selbsthilfe gibt es?

Hilfe zur Selbsthilfe findet sich als Ansatz in verschiedenen Disziplinen. So zum Beispiel in der Medizin, Psychologie und der Sozialen Arbeit. Immer geht es vom Prinzip aus, dass es nicht nur einen richtigen Weg gibt, sondern mehrere. Mittels Austausch mit anderen Betroffenen und weiterführenden Informationen zur eigenen Behinderung oder Krankheit können sich Patient:innen so selbst Informationen beschaffen und die passenden Schritte in Angriff nehmen. Die bekanntesten Formen von Hilfe zur Selbsthilfe sind allerdings Selbsthilfegruppen, die Vernetzung von einzelner Personen untereinander, wie zum Beispiel bei einem Peer-Austausch oder Online-Selbsthilfeangebote, wie das Forum von EnableMe.

  1. Selbsthilfegruppen und Peer-Austausche

    Eine Gruppe von sechs Personen sitzt in einem Kreis. | © Pexels / Fauxels

    In der Schweiz gibt es über 2000 Selbsthilfegruppen, wobei drei Viertel aller Gruppen gesundheitsbezogen sind. Diese widmen sich verschiedenen Krankheiten oder Behinderungen, wie zum Beispiel Depressionen, Angststörungen oder Multiple Sklerose (MS). Die Selbsthilfegruppen kommen regelmässig zusammen und «bieten ein solides soziales Netzwerk, wo Betroffene und Angehörige sich mit ihrer eigenen Erfahrung aktiv einbringen, Raum schaffen für seelische Nöte, Informationen austauschen und Themen enttabuisieren», wie es Selbsthilfe-Schweiz auf ihrer Website formuliert. Für viele ist die Selbsthilfegruppe ein wichtiger Anker und eine Möglichkeit aus der Isoliertheit zu treten und neue soziale Kontakte zu knüpfen.

    Zwar ist die Peer-Arbeit von der Sozialhilfe Schweiz nicht anerkannt, trotzdem arbeitet sie nach dem Prinzip der Selbsthilfe. Beim Austausch unter Betroffenen werden Ängste, Sorgen und Fragen geteilt. Menschen, die in derselben oder einer ähnlichen Lebenssituation sind, können Probleme besser nachvollziehen und konkrete Tipps für die Alltagsbewältigung geben. Bei einem Peer-Austausch ist wichtig, dass der oder die Helfer:in an einem anderen Punkt steht als der oder die Hilfesuchende und man so Erfahrungen teilen und neuen Mut geben kann. Hier finden Sie weitere Informationen zu unserem Peer-Programm «Zweite Hilfe».

  2. Online-Selbsthilfeangebote

    Eine Frau sitzt mit dem Laptop und Kopfhörern bequem auf ihrem Bett und recherchiert im Internet oder beteiligt sich in einem Forum. | © Pexels / Ivan Samkov

    Digitale Selbsthilfeangebote sind Angebote wie Chats oder Foren, welche dem Prinzip der Selbsthilfe entsprechen. Wie das Forum von EnableMe bieten Online-Selbsthilfeangebote einfache und kostenlose Austauschmöglichkeiten unter Betroffenen und Angehörigen. Im Gegensatz zu Selbsthilfegruppen und Peer-Austauschen, die persönlich stattfinden, bieten Onlineangebote die Möglichkeit, auch anonym und zeitunabhängig eine Frage zu stellen. Es sind also sehr niederschwellige Angebote. Eine professionelle Moderation sowie verbindliche Community-Richtlinien und Datenschutzbestimmung sind bei digitalen Selbsthilfeangeboten allerdings unerlässlich. Denn trotz zahlreicher Vorteile von Online-Angeboten, kann die Anonymität die Hemmschwelle für unangebrachte Kommentare und  herabsetzen.

Wie wirkt Selbsthilfe?

Das wohl wichtigste bei der Selbsthilfe ist Anteilnahme, Zuwendung und Wertschätzung, die Betroffene und Angehörige von anderen Betroffenen erfahren und wie sie im Alltag und im Umgang mit Fachpersonen oft vermisst wird. Selbsthilfe kann somit Halt und Unterstützung geben und dazu führen, dass Herausforderungen leichter bewältigt werden können. Aber auch die Prävention von weiteren Folgen einer Belastungssituation ist ein wichtiger Aspekt. Diese Sicherheit beim Antizipieren und bei der Bewältigung von Problemen können das Selbstvertrauen verbessern und die Betroffenen stärken. Häufig gehen Menschen, die Selbsthilfeangebote nutzen, selbständiger und selbstbewusster mit ihren Problemen um. Aber es gibt auch Grenzen.

In welchen Situationen kommt die Selbsthilfe an ihre Grenzen?

Das wohl wichtigste ist, dass die Selbsthilfe kein Ersatz für eine medizinische oder therapeutische Behandlung ist, sondern eine Ergänzung. Auch ist Selbsthilfe bei einer akuten Krisensituation ungeeignet. Der Mehrwert von Selbsthilfeangeboten zeigt sich nicht sofort, sondern braucht Zeit. Auch deshalb ist sie für die Krisenintervention nicht geeignet. Um sich mit anderen Betroffenen und Angehörigen auszutauschen und sich auch neue Kompetenzen und Verständnis aneignen zu können, braucht es zudem eine bestimmte Lebenserfahrung der Teilnehmenden.

Wenn die verschiedenen Kompetenzen von Fachleuten und Experten aus eigener Erfahrung zusammenfliessen, entsteht eine wertvolle und wichtige Ressource für die Zukunft. Genau dies versuchen wir mit unserer Plattform zu erreichen: Dank der Kombination von Fach- und Erfahrungswissen zu verschiedenen Behinderungen und chronischen Krankheiten können wir neue Erkenntnisse und Perspektiven aufbereiten und weitergeben. Aber wir fördern auch den stetigen Austausch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Expert:innen. Für ein selbstbestimmtes und autonomes Leben mit Behinderung oder Krankheit.


Quellen

https://www.sekis-berlin.de/selbsthilfe/was-ist-selbsthilfe

https://www.selbsthilfeschweiz.ch

Fabian Berger und Lucia M. Lanfranconi (2019): Selbsthilfegruppen zu sozialen Themen und Angehörigenselbsthilfegruppen in der Schweiz – ungenutzte Potentiale für die Soziale Arbeit

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