Hitzi am Steuer eines Motorbootes. | © Simon Hitzinger

«Mir eigene Lebensziele zu setzen, war meine Quelle zur Motivation.»

Hilfe zur Selbsthilfe war und ist für Simon Hitzinger sehr wichtig. Sie gibt ihm Raum, seine eigenen Ziele zu definieren und sich zu entfalten. Welche Methoden er sich angeeignet hat und welche Selbsthilfeangebote er selber nutzt und unterstützt, erzählt er uns im Interview.

Nach seinem schweren Unfall musste sich Simon Hitzinger mehr Selbstbestimmung erkämpfen. Seine individuellen Ziele haben ihm eine Perspektive gegeben und ihn darin bestärkt, seinen eigenen Weg zu gehen. Uns hat er erzählt, was er unter Hilfe zur Selbsthilfe versteht und welche Werkzeuge er sich selbst angeeignet hat.

Wo in deiner Rehabilitation und danach hättest du dir mehr Selbstbestimmung gewünscht?

Einerseits hätte ich mir mehr Selbstbestimmung bei der medikamentösen Behandlung gewünscht. Ich habe zum Beispiel zwei Jahre lang ein Medikament eingenommen, das nichts genützt hat. Aber wenn dein Arzt dir dieses empfiehlt, dann hoffst du, dass es wirkt. Aber oftmals gibt es unterschiedliche Empfehlungen. Ein Arzt empfiehlt dir dieses Medikament, ein anderer jenes und ein dritter schwört auf alternative Medizin. Hier muss man dann schlussendlich für sich selbst einstehen und entscheiden, was man denkt, könnte wirken.

Andererseits hätte ich mir auch mehr Selbstbestimmung bei der Berufswahl und der Jobsuche gewünscht. Ich war ja zum Zeitpunkt meines Unfalls noch sehr jung und musste mich für eine Lehre entscheiden. Da wird man schnell in eine Schublade gesteckt. Bei mir war es: Du bist im Rollstuhl, also am besten das KV. Ich wollte aber eine Schneiderlehre machen und habe es auch versucht.

Hat es geklappt?

Nein, leider nicht. Das Betätigen der Nähmaschine mit dem Ellbogen und die Sitzposition war dann doch zu schmerzhaft für mich. Ich musste wieder abbrechen. Aber ein Versuch war's wert. Zum Glück hatte ich sehr gute Unterstützung seitens Job Coaches, sodass ich dann doch etwas KV-ähnliches in Angriff genommen habe. Heute engagiere ich mich bei verschiedenen Projekten und oft ehrenamtlich. Ich gebe zum Beispiel Schulungen zur Barrierefreiheit bei den Basler Verkehrs-Betrieben (BVB) oder gebe Tipps für bauliche Massnahmen. Zudem bin ich als Fotograf tätig bei einer Non-Profit-Organisation.

Welche Selbsthilfeangebote hast du selbst in Anspruch genommen?

Ich hatte eine sehr gute Psychologin, die mich bei meinen Entscheidungen unterstützt hat. Ausserdem hatte ich einen sehr engagierten Sozialberater im REHAB Basel. Der hat mir unglaublich viel abgenommen, gerade in der Anfangsphase. Aber gerade, weil man so gut umsorgt ist, besteht die Gefahr, dass man sich einfach fallen lässt. Dann ist man aber fremdbestimmt. Und ich bin der Ansicht, dass das auf Dauer nicht glücklich macht.

Was verstehst du denn selbst unter Hilfe zur Selbsthilfe?

Für mich bedeutet es, anderen Menschen den Raum geben, sich selbst zu helfen oder sich selbst entfalten zu können und sie dabei zu unterstützen. Manchmal gelingt das durch Fragenstellen und manchmal einfach nur durch zuhören.

Warum ist es so wichtig?

Die Hilfe zur Selbsthilfe befähigt einen, sich selbst zu helfen. Dies, indem man neue Werkzeuge erlernt oder bereits Erlerntes wieder anwendet, wenn es nötig ist. Das hat auch sehr viel mit Selbstvertrauen und Selbstliebe zu tun. Dass ich also selbst bestimmen und für mich selbst einstehen kann.

Welches «Werkzeug» hat dir geholfen?

Bei mir war es die Meditation. Als Jugendlicher habe ich mal das Buch «Wie man mit Buddhismus die Pubertät überlebt» gelesen, das war interessant. Nach meinem Unfall habe ich in der Bibliothek des REHAB Basel das Buch gefunden «Ich pflanze ein Lächeln». Dieses Buch hat mich sehr inspiriert, da es auch um eine grundsätzliche Weltsicht geht. Aber im Buch waren auch ein paar Anleitungen zur Meditation drin. Eigentlich ganz einfach: nur hinsetzen und atmen (lacht). Aber die Gedanken zu steuern, ist dann schwieriger. Da muss man dranbleiben. Wie ein Muskel, den man trainiert. 

Meditierst du also regelmässig?

Nein, leider nicht. Die letzten zwei Jahre haben mir sehr zugesetzt, ich muss es mir wieder aneignen. Aber das Wissen ist da. Und vor allem die positive, achtsame Denkweise, die mein Leben bestimmt.

Mir ist deshalb auch der gegenseitige Respekt so wichtig. Also, dass alle Menschen gleich behandelt werden. Und zwar so, wie man auch selbst behandelt werden möchte.

Was ist dir an deinen ehrenamtlichen Engagements, wie bei unserem Peer-Programm, wichtig?

Mir hat es während der Reha sehr gut getan, mit anderen zu sprechen, die ebenfalls im Rollstuhl sind und die ihr Leben im Griff haben, um zu sehen was möglich ist. Generell war und ist mir der Austausch mit anderen sehr wichtig. So lerne ich immer wieder Neues dazu oder kann selbst weiterhelfen.

Was rätst du einer Person, die mit ihrem Schicksal hadert?

Sich die Frage zu stellen: Was will ich vom Leben? Und kann ich das künftig erreichen? Dann weiss ich nämlich, wofür ich kämpfe. Das war auch bei mir die Quelle zur Motivation.

Peer-Programm «Zweite Hilfe» – Austausch mit anderen Betroffenen

Es gibt Ereignisse, die alles verändern. Die plötzliche Konfrontation mit einer Behinderung oder Krankheit macht uns handlungsunfähig und hilflos. Wir stellen Ihnen Menschen zur Seite, die diesen Weg bereits gegangen sind – unsere Helfer:innen von «Zweite Hilfe». Erfahren Sie mehr über das Peer-Programm.

Verschiedene Personen stehen in einem Kreis und halten ihre Hände in der Mitte zusammen. | © Unsplash

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