Auf dem Bild sind eine Frau und ein Mann zu sehen, die in einem weissen Konferenzraum sitzen. Sie schauen zu einer Frau im Hosenanzug, die vor einem Flipchart steht und lächelnd Worte darauf notiert. | © Pexels /  Tima Miroshnichenko

Inklusion von Menschen mit Behinderungen durch transformationale Führung

Was kann getan werden, um eine gelungene Inklusion von Menschen mit Behinderungen zu gewährleisten? Dr. Julia Kensbock und Prof. Dr. Stephan Böhm forschen beide zum Thema Inklusion und sind der Frage nachgegangen.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderungen durchschnittlich doppelt so hoch wie die von Menschen ohne Behinderung – obwohl Menschen mit Behinderungen meist gut ausgebildet sind beziehungsweise viel Berufserfahrung haben. Gleichzeitig werden Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt dringend benötigt. Entsprechend wichtig ist es, dass die Inklusion von Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt besser gelingt (hier lesen Sie mehr zum Thema Berufliche Inklusion). 

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Ein Mann hält den Daumen hoch. | © Pexels / Rodnae Productions

Viele Unternehmen sind mit der Herausforderung konfrontiert, passende, qualifizierte Mitarbeitende zu finden. Teilweise gibt es zwischen Unternehmen eine starke Konkurrenz um hochqualifizierte Mitarbeitende. Gleichzeitig haben Menschen mit Behinderungen manchmal Mühe, überhaupt Arbeit zu finden. Als Grund dafür gilt, dass es immer noch viele Vorurteile gegenüber einer Anstellung von Menschen mit Behinderungen gibt.

Dr. Julia Kensbock (Maastricht Universität) und Prof. Dr. Stephan Böhm (Universität St. Gallen), die beide zu Inklusion forschen, haben sich in diesem Zusammenhang gefragt, was Führungspersonen tun können, um diesen beiden Problemen entgegenzuwirken. Dafür haben sie ein Call-Center in Israel besucht, dessen Geschäftsmodell besonders darauf basiert, viele Menschen mit einer psychischen und/ oder physischen Behinderung zu beschäftigen. Um erfolgreich zu sein, hilft eine bestimmte Art der Führung – transformationale Führung. 

Transformationale Führung – was ist das?

Für die Forscher:innen ist transformationale Führung ein Konzept, damit Inklusion gelingt. Konkret meint transformationale Führung die Annahme, dass Führungskräfte das Verhalten ihrer Mitarbeitenden verändern («transformieren») können, indem sie als Vorbilder auftreten. Mitarbeitende sollen somit von innen heraus («intrinsisch») ermutigt werden, selbst Verantwortung zu übernehmen und sich zu entwickeln. Transformationale Führung hat vier Hauptmerkmale:

  1. Transformationale Führung fördert Motivation (zum Beispiel durch Inspiration)

    • Durch die Formulierung beziehungsweise Kommunikation einer Vision können die Mitarbeitenden motiviert werden.

    • Es gilt, dass das Wohlergehen sowie die Weiterentwicklung der Mitarbeitenden stets Vorrang hat, unabhängig von geschäftlichen Aktivitäten.

    Beispiel: Die Führungsperson verdeutlicht in der Team-Sitzung das übergeordnete Ziel, dass sich alle Mitarbeitenden wohlfühlen sollen. Dabei haben alle die Möglichkeit, ihre Wünsche und Anliegen vorzubringen.

  2. Transformationale Führung fokussiert auf einen idealisierten Einfluss

    • Als Führungskraft wird ein Grossteil der Energie beziehungsweise Zeit in die Realisierung der gemeinsamen Mission investiert, sodass das Gemeininteresse im Vergleich zum Eigeninteresse im Vordergrund steht.

    • Als Führungskraft werden ethische Standards gesetzt, an denen sich das eigene Handeln orientiert.

    Beispiel: Die Führungsperson wartet (trotz ihrer Position in der Hierarchie) damit, ihre Ferien zu planen, sondern berücksichtigt die Wünsche der Mitarbeitenden.

  3. Transformationale Führung stimuliert auf intellektueller Ebene

    • Es gibt stets eine Offenheit dafür, neue Lösungsansätze zu suchen.

    • Es ist zentral, dass Mitarbeitende darin unterstützt werden, mehr Verantwortung zu übernehmen.

    Beispiel: Die Führungsperson organisiert einen Workshop, wo Mitarbeitende die Gelegenheit haben, vorhandene Prozesse zu überdenken, um eine neue Lösung zu suchen.

  4. Transformationale Führung berücksichtigt individuelle Bedürfnisse

    • Es ist zentral, dass individuelle Bedürfnisse berücksichtigt werden.

    • Es gibt beispielsweise individuelle Beratung, Coachings und Rückmeldung.

    Beispiel: Die Führungsperson führt regelmässig (zum Beispiel alle sechs Monate) Standortgespräche mit allen Mitarbeitenden, um Bedürfnisse und Stärken zu erkennen und zu fördern.

Dr. Kensbock und Prof. Dr. Böhm konnten in ihrer Forschung zeigen, dass das Selbstbewusstsein der Mitarbeitenden im Call-Center dank der transformationalen Führung erheblich gestiegen ist. Nach vielen Rückschlägen und Ablehnung war das Call-Center für viele Menschen mit Behinderungen der erste Arbeitsplatz, bei dem sie sich in einem geschützten Umfeld entwickeln und beweisen konnten. Mit Erfolg: Viele Mitarbeitende konnten in (Personal-)Entwicklungsprogrammen zu Führungskräften ausgebildet werden.

Zufriedenheit dank Inklusion

Das israelische Call-Center hat schnell begriffen, dass die gewonnene Diversität sowohl Innovationsfähigkeit als auch Kund:innenzufriedenheit verbessert. Denn: Je mehr Diversität im Unternehmen, desto besser können Mitarbeitende auf immer verschiedenere Kund:innenwünsche reagieren. 

Auch Menschen mit Behinderungen profitieren von ihrer Anstellung im Call-Center: Es gibt positive Einflüsse auf Selbstbewusstsein, Gesundheit und Arbeitsleistung sowie eine stärkere soziale Eingebundenheit. Zudem ermöglicht das mit einer Anstellung verbundene Erwerbseinkommen eine stärkere persönliche Unabhängigkeit.

Transformationale Führung als Erfolgskonzept

Dr. Kensbock und Prof. Dr. Böhm haben gezeigt, wie erfolgversprechend transformationale Führung nicht nur für Menschen mit Behinderung, sondern genauso für Unternehmen sein kann. Wenn Führungskräfte diese Art der Führung lernen, ist das eine effektive Methode, um inklusive Kompetenzen zu erweitern. Zudem hat das Beispiel in Israel gezeigt, dass selbst kosten- und zeitaufwendige Branchen wie die Call-Center-Industrie davon profitieren können: Wenn Mitarbeitende respektvolle Unterstützung erleben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese langfristig im Unternehmen bleiben. Dadurch bleibt Erfahrung im Unternehmen, was wiederum eine höhere betriebliche Leistungsfähigkeit begünstigt.

Transformationale Führung zeigt viele positive Ergebnisse, von der alle profitieren. Somit birgt diese Art der Führung eine neue, aufregende Möglichkeit für die Zukunft.

Wir danken Dr. Julia Kensbock und Prof. Dr. Stephan Böhm von unserem Partnerinstitut CDI-HSG herzlich für den Fachartikel, der im Personalmagazin veröffentlicht wurde. Das Center for Disability and Integration an der Universität St.Gallen (CDI-HSG) forscht zur Integration von Menschen mit Behinderung für eine inklusive Gesellschaft.


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