Ein Baby schläft. | © Unsplash

Kinderwunsch und Entscheidungskompetenz

Sie begleiten Ihr Kind seit langer Zeit und legen das erforderliche Verantwortungsbewusstsein bei Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen an den Tag. In diesem Zusammenhang fragen Sie sich als Eltern: Mein Kind mit Behinderung möchte eines Tages selbst Kinder haben, kann es das selbst entscheiden?

Kinderwunsch

Gedanken meiner Mutter: 

«Mich als Mutter hat es unglaublich gefreut, dass meine Tochter den Kinderwunsch nach ihrem schweren Unfall vor 5 Jahren und in der Phase der Schockverarbeitung ausgesprochen hatte. Ihre langwierige Rehabilitation hatte insbesondere den Erfolg, dass sie es geschafft hatte, sich unter grösster physischer und mentaler Anstrengung beginnend als Paraplegikerin letztlich aus dem Rollstuhl heraus zu trainieren. Vor diesem Hintergrund eröffneten sich ihr als junge Frau ganz klar mehr Möglichkeiten und eben auch das Thema Partnerschaft nahm eine andere Gestalt an und liess noch hoffnungsvollere Vorstellungen zu. 

Meine Tochter war, wie ein Wunder engelsgleich behütet, ohne Hirnverletzungen davongekommen, sodass sie die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, nach meinem Empfinden selbst treffen konnte, ich vertraute auf ihren Verstand, dass sie diese Entscheidung mit dem notwendigen Verantwortungsgefühl treffen konnte.»

In der Dämmerung ist ein Strassenschild schwarz sichtbar.  | © Unsplash

Ich vertraute auf den Verstand meiner Tochter, dass sie die Entscheidung mit dem notwendigen Verantwortungsgefühl treffen konnte. (Foto: Unsplash)

Beatrice N.

Vor meinem Unfall hatte ich kein Kind oder Familie. Mein Leben war ausgefüllt mit dem Studium, Auslandserfahrungen, erster Partnerschaft mit allen Alltagsorganisationen, was alles so zum Leben dazugehört. Der Gedanke an einen Kinderwunsch, wie bei Freundinnen oder Kommilitoninnen, weit entfernt. Nach meinem Unfall mit anschliessender Rehabilitationsphase wurde mein Kinderwunsch stark. Meine Vorstellung, mich selbst um mein eigenes kleines Lebewesen zu kümmern, fühlte ich schon jetzt als Trost, diese kostbare Vertrautheit zu meinem Kind aufbauen zu dürfen.  

Dieser Kinderwunsch wuchs in mir und mündete letztlich in einer bewussten Entscheidung zwischen mir und meinem Partner. Fast vier Jahre nach meinem Unfall brachte ich im März 2020 meinen Sohn Samuel zur Welt, was mir unglaublich viel Kraft und Lebensfreude gibt. Gefühlt ist es ein Quantensprung neuer Lebensenergie- und qualität mit einer Bandbreite von Emotionen wie sein Lachen, seine strahlenden Augen, der Austausch von Zärtlichkeiten, sein Wachsen und Entwickeln. Auch sein Schmerz und seine Tränen gehören natürlich dazu, sein Bedürfnis nach seiner Mama und Papa. Natürlich kostet mein kleines Kind viel Kraft und Energie, diese kommt jedoch tausendfach zu Dir zurück, es ist eine Bereicherung in jeder Beziehung. Dann lässt Du auch manche mühevoll durchwachte Nacht und den Schlafmangel irgendwann hinter Dir. 

Fröhliche Mutter | © Unsplash

Fast vier Jahre nach meinem Unfall brachte ich meinen Sohn Samuel zur Welt, was mir unglaublich viel Kraft und Lebensfreude verleiht. (Foto: Unsplash)

Durch mich, als seine Mutter, zu sehen, dass er so wunderbar wächst und gedeiht und dass ich es mit meiner Behinderung schaffe, meinem Sohn das Leben und seine Entwicklung zu ermöglichen, ihn zu begleiten, ist ein unglaublich stärkendes Gefühl für mich. Die Beziehung und Liebe zu meinem Kind ist etwas, das bleibt und mir gefühlt niemand mehr nehmen kann. Ich erlebe es als etwas emotional Beständiges und Festes und es stärkt mein eigenes inneres Fundament wie einen doppelten Boden.

Ich freue mich über die Möglichkeiten und das Potential meines Sohnes, was ich selbst nicht mehr habe, wie Springen, Joggen, Bergwandern, Skifahren, Radeln. Es fühlt sich für mich an, als ob es an dieser Stelle auch für mich ein Stück weiter geht, mit dem Draussen unterwegs sein, was ich so geliebt habe, nur jetzt mit seinen kleinen und gesunden Beinchen, in denen auch mein Blut fliesst.   

«Die Beziehung und Liebe zu meinem Kind ist etwas, das bleibt und mir gefühlt niemand mehr nehmen kann. Ich erlebe es als etwas emotional Beständiges und Festes und es stärkt mein eigenes Fundament wie einen doppelten Boden.»

Ich freue mich besonders, wenn ich mit meinem Bericht andere Betroffene motivieren kann, nicht aufzugeben und an das Leben und das Gute zu glauben. Vertrauen und der Glaube, dass etwas Sinn macht, unabhängig von welchem Ausgang, ist die innere Haltung, die Dich über so manches Tal hinwegheben kann.