Eine Schulklasse, von hinten fotografiert, im Vordergrund stehen Lehrpersonen an einer Tafel. | © Pixabay

Integration, Inklusion und die Situation in der Schweiz

Inklusion ist nicht nur in der Arbeitswelt das Wort der Stunde, auch Schulen freunden sich immer mehr mit dem Konzept an. Doch worin besteht der Unterschied zwischen Inklusion und Integration?

Als Eltern möchten Sie Ihrem Kind mit Behinderungen ein möglichst normales Leben mit Anschluss an die Gesellschaft und sozialen Kontakte ermöglichen. Das ist mit dem Schweizer Bildungssystem aber gar nicht so einfach. Zwei Schlagwörter, die in Diskussionen zum Thema Gleichberechtigung von Kindern mit Behinderungen oft genannt werden, lauten «Inklusion» und «Integration». Häufig werden diese Begriffe fälschlicherweise als Synonym verwendet. Sie gehen zwar in eine ähnliche Richtung, unterscheiden sich jedoch im Ansatz stark voneinander. Was genau die Unterschiede sind und wie das Schweizer Bildungssystem versucht, Chancengleichheit zu gewährleisten, erfahren Sie in diesem Artikel.

Was ist Integration?

Integration ist das Gegenteil von Separation. Separation schafft spezielle Strukturen für Menschen mit speziellen Bedürfnissen und trennt diese von den anderen. Integration hingegen möchte Menschen mit speziellen Bedürfnissen nicht aussondern, sondern in eingliedern. Damit Integration möglich ist, muss sich der einzelne Mensch aber an vorgegebene Rahmenbedingungen anpassen. Es gibt also klare Normen, an der sich alle orientieren. Individuen müssen sich anpassen, um dazuzugehören. 

Beispiel: Ihr Kind hat eine Behinderung und besucht die Regelschule anstatt die Sonderschule. Es wird somit zusammen mit anderen Kindern ohne Behinderung unterrichtet, aber niemand geht auf die speziellen Bedürfnisse Ihres Kindes ein. Damit Ihr Kind in der Regelschule bleiben kann, braucht es zusätzliche Unterstützung von Ihnen als Eltern und vielleicht auch zusätzlichen Privatunterricht. So kann Ihr Sohn/ Ihre Tochter in der Schule mithalten und die Lernziele erreichen. Er oder sie ist demnach «mit dabei», muss sich aber anpassen und erhält vonseiten der Schule keine zusätzliche Unterstützung. 

Was ist Inklusion?

Neben Integration gibt es noch die Inklusion. Auch Inklusion hat das Ziel, Menschen mit speziellen Bedürfnissen einzugliedern. Allerdings wird bei der Inklusion nicht erwartet, dass sich der einzelne Mensch anpasst, sondern dass die Rahmenbedingungen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse abgestimmt werden. Sprich: In der Schule passen sich die Strukturen und die Unterrichtsform den Schüler:innen an, nicht umgekehrt. Durch Inklusion wird Vielfalt stärker ausgelebt. Es geht darum, gemeinsam anders zu sein und Strukturen zu schaffen, die Diversität mehr Raum geben. 

Im oben erwähnten Beispiel würde eine Inklusionsklasse dementsprechend Bedingungen schaffen, die es Ihrem Kind mit Behinderungen ermöglichen, dem Unterricht zu folgen und Lernziele zu erreichen. Hätte Ihr Kind beispielsweise eine Hörbehinderung, so könnte eine Lehrperson unterrichten, die sowohl mündlich als auch in Gebärdensprache kommuniziert. 

Der Nachteilsausgleich trägt einen grossen Teil zur Inklusion bei. Dank ihm werden Ausgleichsmassnahmen festgelegt, die ein Kind mit speziellen Bedürfnissen unterstützen. . Ein motorisch eingeschränktes Kind erhält mit dem Nachteilsausgleich zum Beispiel die Möglichkeit, die Geometrie-Prüfung mündlich zu absolvieren, statt mit dem Zirkel zu zeichnen. 

Erklärgrafik Integration, Inklusion, Exklusion, Separation | © EnableMe

Versinnbildlichung der Begriffe Exklusion, Separation, Integration, Inklusion. Grafik: EnableMe


Gut zu wissen

Inklusion und Integration beziehen sich nicht nur auf die Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung, sondern werden auch für andere Menschengruppen und Lebensbereiche gebraucht. In der Politik begegnet man den Begriffen z. B. in Bezug auf Einwandernde.


Die Situation in der Schweiz

2014 ist die Schweiz der UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung beigetreten. Diese setzt sich für Chancengleichheit ein und verfolgt das Ziel, Menschen mit Behinderungen eine vollständige und wirksame Teilhabe zu ermöglichen. Damit besagt die UNO-BRK auch, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigten Zugang zu einem inklusiven, hochwertigen Schulsystem haben müssen. Sprich: Schweizer Schulunterricht muss so aufgebaut sein, dass alle vom Unterricht profitieren können. Leider ist das in der Schweiz noch nicht vollständig realisiert. Inklusion ist momentan eher ein Leitgedanke und Ziel, auf das hingearbeitet wird. Denn der Weg zur vollständigen Inklusion ist noch lang. Kinder mit Behinderungen besuchen zwar immer häufiger die Regelschule, werden aber nur wenig in den Unterricht eingebunden. So erhalten sie beispielsweise andere Aufgaben als ihre Klassenkamerad:innen. Kinder mit und ohne Behinderung arbeiten so eher nebeneinander als miteinander. Auch stellt Inklusion sehr hohe Ansprüche an Lehrpersonen. Der Umgang mit speziellen Bedürfnissen erfordert schliesslich spezielle pädagogische Fähigkeiten. Damit ist Inklusion auch eine Frage von verfügbaren Ressourcen. 

Was sich in der Schweiz allerdings abzeichnet, ist ein Umdenken: Es geht nicht darum, dass mehr Kinder beweisen müssen, dass sie für die Regelschule geeignet sind, sondern darum, dass die Schulen offener werden und ihre Strukturen anpassen. Die Inklusion wird angestrebt, wo machbar und der Entwicklung des Kindes dienend. Ausserdem sorgt das Behindertengleichstellungsgesetz dafür, dass durch bauliche Massnahmen der Zugang für Menschen mit Behinderungen gewährleistet wird. So sind etwa Rollstuhlrampen bei Um- oder Neubauten von öffentlichen Gebäuden Pflicht.

Wann ist Inklusion nicht zielführend?

Inklusion klingt sehr erstrebenswert – für viele Eltern stellt es jedoch auch ein Angstthema dar. Ausgelebte Inklusion kann sowohl für die Kinder als auch für die pädagogischen Fachpersonen sehr anspruchsvoll sein. Da jedes Kind eigene Bedürfnisse hat, ist es schwer im Vorfeld abzuschätzen, ob die neu geschaffenen Strukturen für Kind, Eltern und Lehrpersonen funktionieren. Es handelt sich also um einen Lernprozess.

Gerade Kinder mit Autismus fühlen sich in einer Sonderschule häufig wohler, weil sie in einer Regelschule mit all den Reizen stark überfordert wären. In solchen Fällen macht es wenig Sinn, an der Idee von Inklusion festzuhalten. Ausschlaggebend für die Art der Schule ist folglich immer die Frage: Kann mein Kind von einem inklusiven Umfeld profitieren und wird dadurch dessen Entwicklung gefördert, oder wird das inklusive Umfeld eher zur Belastung? Denn: Wo sich das Kind wohlfühlt, da ist es auch am richtigen Platz. 

Fühlt sich Ihr Kind mit Behinderungen an einer Regelschule am wohlsten, profitieren alle Beteiligten: Die Forschung hat nämlich festgestellt, dass Kinder mit Behinderungen an einer Regelschule enorme Lernfortschritte machen, und sie stark von ihren Klassenkamerad:innen lernen und motiviert werden können. Entstehen zusätzlich Freundschaften, hat das einen positiven Einfluss auf die sozialen Kompetenzen aller Kinder. So leisten Schulklassen einen Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft, der weit über die Schule hinausgeht.


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