Eine Frau, die dem Sonnenaufgang entgegenläuft, sie trägt ein Kleid und hat lange Haare. | © Pexels/Marinko Krsmanovic

Ich bin Autistin – mein langer Weg zur Diagnose

Mein Name ist Ladina, ich bin 21 Jahre alt, und ich bin Autistin. Dass ich das so sagen kann, ist für mich keine Selbstverständlichkeit, denn bis ich die Diagnose ASS (Autismus-Spektrum-Störung) bekommen habe, hatte ich schon einen langen Leidensweg mit psychischen Erkrankungen, Therapien und Klinikaufenthalten hinter mir.

Mein ganzes Leben habe ich mich irgendwie falsch gefühlt. Ich fand nicht lustig, was die anderen lustig fanden. Ich hatte Probleme mit Dingen, die für Andere nicht der Rede wert waren. Ich bin in Konflikte geraten und wusste nicht, was ich denn falsch gemacht habe. Und ich habe den Fehler mein ganzes Leben lang bei mir gesucht. Aber ich habe mich irgendwie durchs Leben geschlagen und mich der Gesellschaft angepasst. Das hat auch erst einmal funktioniert. Doch bereits im Alter von 12 Jahren wurde ich krank. Es fing nach dem Tod meines Grossvaters mit hypochondrischen Ängsten und Panikattacken an, entwickelte sich weiter in einer Zwangsstörung und führte letztendlich zu Depressionen mit selbstverletzendem Verhalten und Suizidgedanken

Ladina hat lange, braun-blonde Haare, eine runde Brille und trägt ein rotes Shirts. Sie sitzt auf einer Wiese und lacht in die Kamera. | © Privataufnahme

Erst nach zahlreichen Falschdiagnosen wurde bei Ladina Asperger-Autismus festgestellt. (Foto: private Aufnahme)

Eine Therapie nach der anderen

Von 15 bis 19 konnte ich mein Leben mit ambulanter Therapie irgendwie meistern. Und dann kam der grosse Zusammenbruch. 2020 brach Corona aus. Corona brachte wie bei allen meinen Alltag komplett durcheinander – und damit konnte ich nicht umgehen. Meine Erkrankungen haben sich dramatisch verschlechtert und es wurde schnell klar: Ich muss in eine stationäre Klinik, weil das ambulant nicht mehr tragbar ist. Was darauf folgte, waren monatelange Klinikaufenthalte mit vielen Tränen der Verzweiflung, Krisen und Hoffnungslosigkeit, aber letztendlich konnten mir die Klinikaufenthalte zum Glück tatsächlich helfen. Doch eine Frage blieb immer offen: Was steckt hinter meinen Symptomen und Erkrankungen? Eine Ärztin vermutete eine ängstlich-vermeidende und/oder zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Von einem anderen Arzt wurde eine Borderline Persönlichkeitsstörung in den Raum gestellt. Es wurden verschiedene Persönlichkeitsstörungen besprochen. In der Zeit habe ich mich immer mehr selbst verloren, wusste nicht mehr wirklich, wer ich bin und welche Diagnosen ich habe, und letztendlich wollte auch keine der Persönlichkeitsstörungen so richtig passen. 

Endlich die richtige Diagnose

Im Dezember 2021 sagte meine ambulante Therapeutin zu mir: «Ich glaube nicht, dass Sie eine Persönlichkeitsstörung haben. Ich vermute, Sie könnten Autistin sein.» «Autistin? Ich?», dachte ich. Autist:innen, das sind doch diese hochbegabten, aber total empathielosen Menschen, die in ein gesellschaftliches Fettnäpfchen nach dem anderen treten und von allen als irgendwie komisch wahrgenommen werden. Das war mein damaliges Bild von Autist:innen, in das ich in meiner Wahrnehmung überhaupt nicht passte. Da ich aber ein Mensch bin, der überhaupt nicht gut mit Unsicherheit umgehen kann, habe ich mich direkt dazu entschlossen, eine Diagnostik zu machen. Ich habe verschiedene Stellen angefragt, dann eine Fachpsychologin gefunden, die mich auf ihre Warteliste nehmen konnte, und nach einem halben Jahr Wartezeit konnten wir starten. Der Diagnoseprozess bestand aus vielen Fragebögen, noch mehr mündlichen Fragen, einem Elterngespräch und vor allem viel Reflexion über mich und mein bisheriges Leben. Es war für mich eine anstrengende Zeit, in der ich mich immer wieder gefragt habe, wer ich eigentlich bin und unsicher war, ob ich darauf hoffen soll, dass ich die Diagnose bekomme oder darauf, dass ich sie nicht bekomme. Denn beide Szenarien haben mir Angst gemacht. Dann kam der lang ersehnte Abschlusstermin, und ich hörte die Worte: «Die Kriterien für das Asperger-Syndrom sind vollumfänglich erfüllt». 

«In dem Moment hatte ich sehr gemischte Gefühle. Von 'endlich weiss ich, was mit mir los ist!' über totale Überforderung bis zu 'Wie geht es denn jetzt weiter?' war alles dabei.»
Ladina

Autismus – und jetzt?

Mittlerweile ist meine Diagnose einige Monate her. Ich habe mich intensiv mit der Thematik befasst, habe vor allem über Instagram andere Betroffene gefunden und durch den Austausch gemerkt: Es gibt ja doch noch andere, die so sind wie ich. Mittlerweile sehe ich mich sehr in der Diagnose Autismus, und es fühlt sich richtig an, wenn ich mich als Autistin bezeichne. Vor allem, weil ich gelernt habe, dass Autismus so viel mehr als das Klischee aus Filmen wie  ist. Es ist nämlich ein unfassbar vielfältiges Spektrum, in dem alle unterschiedlich und einzigartig sind und ihre ganz individuellen Problematiken, gleichzeitig aber auch Stärken haben. Ich bin jetzt dabei zu lernen, dass ich gut und richtig bin, so wie ich bin und mich auch so verhalten darf. Denn so wie viele andere Autist:innen auch habe ich mir im Leben das sogenannte «Masking» antrainiert. Das bedeutet, dass ich meine autistischen Bedürfnisse unterdrücke und mich stattdessen der neurotypischen, also nicht-autistischen Gesellschaft anpasse. Dabei ist es so wichtig, auf seine Bedürfnisse zu achten und sich für diese einzusetzen. 

Der Mental-Health-Aktivismus und ich

Mit meinen psychischen Erkrankungen habe ich mittlerweile einen guten Umgang gefunden. Trotzdem wurde und werde ich immer wieder mit Stigmatisierung konfrontiert. Mental Health ist für mich eine Herzensangelegenheit, darum habe ich es mir zum Ziel gesetzt, dem Stigma entgegenzuwirken und habe meine Instagram Seite @mein.konfetti.regen ins Leben gerufen, wo ich über psychische Erkrankungen und Autismus aufkläre. Meine Beiträge sind ungeschönt und ehrlich und romantisieren psychische Erkrankungen nicht. Gleichzeitig möchte ich aber auch Mut machen und zeigen, dass es möglich ist, einen Umgang mit seinen Erkrankungen zu finden und sich ein Leben zu erschaffen, das es sich zu leben lohnt. Das möchte ich auch dir da draussen mit auf den Weg geben: Egal ob autistisch oder nicht, egal ob psychisch krank oder nicht: Du bist gut und richtig und du wirst deinen Weg finden, davon bin ich überzeugt. 

Alles Liebe, Ladina


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