Eine Doppelseite mit Musiknoten | © Unsplash

Ein Leben für die Musik – auch mit Behinderung

Eine erfolgreiche Musikkarriere mit Osteogenesis imperfecta, der Glasknochenkrankheit, und daneben noch eine eigene TV-Sendung sowie eine Radiosendung moderieren? Geht das denn? Klar – Vanessa Grand lebt es vor.

«Bühne, Show und Rollstuhl passen nicht zusammen». Diese Aussage musste die Schweizer Sängerin vor einigen Jahren von einem Musiker und Veranstalter zu hören bekommen. «Und ob», hat sich aber bisher so manche zuschauende Person gedacht, wenn sie Vanessa Grand auf der Bühne gehört und gesehen hat. Mit ihren Melodien, ihrer Fröhlichkeit und Herzlichkeit lässt sie die Funken sprühen und erreicht die Herzen der Musikliebhaberinnen und -liebhaber. Doch immer so einfach ist es in dieser Branche nicht – oft reagiert die Medienwelt mit grossen Berührungsängsten. «Eigentlich schade», meint Vanessa Grand dazu, «ich sitze zwar im Rollstuhl, finde es aber nicht aussergewöhnlich, damit auf der Bühne zu stehen. Ich zeige mich nicht in der Öffentlichkeit, weil ich behindert bin, sondern weil ich die Musik und die Bühne liebe».    

Grosse Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung 

Der Weg zum Erfolg wurde ihr in den vergangenen Jahren nicht leicht gemacht – hier ein Stein im Weg, da eine Absage wegen der Behinderung und oft sind es «nur» banale Erklärungen, wenn eine Absage erfolgt. Vanessa Grand musste hart um Anerkennung und Erfolg kämpfen.   

«Das ist aber nicht nur in der Musikbranche so, es war auch im täglichen Leben der Fall»

Bauliche Barrieren standen ihr während ihrer Schulzeit im Wege. Leider war auch das Wohlwollen der damaligen Gemeindebehörde nur wenig vorhanden. Jedoch: Je «höher» die Schulen, sprich Matura, Universität, umso besser wurde es mit der Akzeptanz und der Unterstützung. Auch ihr Berufswunsch «Journalistin» wurde erst belächelt und selbst von der Invalidenversicherung als nicht ideal befunden und zu Beginn nicht unterstützt.  

Persönliche Erfolge in der Musikkarriere 

Doch Vanessa Grand hat sich gemeinsam mit ihrer Familie durchgesetzt. «Meine Eltern und auch die Familie meiner Schwester waren immer für mich da und haben gekämpft. Diesen Kampfeswillen haben sie an mich weitervererbt und heute verfolge ich meine Ziele selber», sagt die Walliserin mit viel Selbstbewusstsein. «Ich bin im Sternzeichen Jungfrau, Skorpion im Aszendenten. Das bedeutet, dass ich ein Stehaufmännchen bin und sehr zielstrebig, aber nie auf ungerechte Art und Weise. Jedoch bin ich sehr streng mit mir», fügt sie hinzu. Und so ist Vanessa Grand ihren Weg gegangen: als Sängerin und als Journalistin.    
 
Im kommenden Jahr feiert sie bereits ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum. Viele Erfolge durfte sie in den vergangenen Jahren feiern, unter anderem beste Hitparadenplatzierungen, den Sieg bei Achims Hitparade sowie souveräne Live-Auftritte. Auch bei den Veranstaltungen ist sie immer wieder ein gern gesehener Gast – zum einen wegen ihrer Musik, aber zum anderen auch wegen ihrer positiven Lebensausstrahlung. Auch in der einen oder anderen Fernsehsendung ist sie als Sängerin zu sehen – jedoch häufiger in privaten Stationen als in den grossen öffentlich-rechtlichen Anstalten. 

Seit einem Jahr eigene Fernsehsendung 

Auch privat ist Vanessa Grand ein sehr aktiver Mensch. Im Wallis mit ihren Eltern und ihrer Schwester aufgewachsen, absolvierte sie die Matura und studierte Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität in Fribourg. Somit ist sie auch aus beruflichen Gründen an den Medien interessiert, als Macherin. So moderiert sie seit einem Jahr ihre eigene Fernsehsendung «Vanessa Grand trifft...» auf Alpenland TV, schweizweit empfangbar. Und seit Februar verfügt sie ebenfalls über eine Radiosendung auf «Spiel mir einer Radio», welche über das Internet in der ganzen Welt empfangbar ist.   

Vanessa Grand liebt es auch, ihre organisatorischen Fähigkeiten auszuleben. Alle zwei Jahre findet in ihrem Heimatort Leuk-Stadt ein Schlager und Volksmusik Open Air statt – das «Vanessa Grand Open Air» – bei dem sie federführend an der Organisation beteiligt ist. «Es ist wunderschön, eine eigene Veranstaltung zu haben. Aber ohne die vielen Helfer würde das nicht funktionieren», weiss sie. 

Starker Rückhalt durch Familie, Freunde und Betsy 

Auch mit ihrer Behinderung, welche sich umgangssprachlich Glasknochen nennt, ist Vanessa Grand ein fröhlicher und glücklicher Mensch. 

«Ich habe in den Jahren gelernt, damit umzugehen und damit zu leben. Mit meiner tollen Familie und meinen Freunden habe ich einen starken Rückhalt»

Und auch ein Freund auf vier Pfoten, die ausgebildete Labradorhündin Betsy, ist ihr ständiger Begleiter und Helfer. 

«Sicherlich gibt es immer wieder Rückschläge, die einen sehr treffen», fügt sie hinzu und fährt fort: «Es gibt Situationen, bei denen die Grenzen aufgrund der Behinderung gegeben sind. Damit habe ich auch keine Probleme. Wo die Behinderung mir diese Schranken aufweist und mich zu einem Verzicht zwingt, da habe ich schon als Kleinkind immer versucht, dies mit etwas anderem zu kompensieren. Womit ich aber ein Problem habe ist, wenn die Behinderung als Vorwand und Ausrede benutzt wird.»    

Lernt man Vanessa Grand kennen, da fragt man sich, woher sie die Motivation nimmt, ihr Leben auf diese positive Art zu meistern: «Meine Motivation ist die Musik, das Leben, meine Freunde, meine Familie und Südtirol», zählt sie auf – und man spürt sofort, dass dies auch stimmt. 

Kräfte tanken in Südtirol, ihrer zweiten Heimat 

Steht sie nicht auf der Bühne oder moderiert ihre Radio- und Fernsehsendungen, dann gehört ihrer Zeit einer weiteren grossen Liebe – bei der auch die Musik der entscheidende Auslöser war. Vor einigen Jahren lernte sie bei Fernsehaufzeichnungen Musikanten aus Südtirol kennen – Musik verbindet bekanntlich, weshalb eine wunderbare Freundschaft begann. Mittlerweile hat die Walliser Sängerin in Südtirol ihre zweite Heimat gefunden – ihr kleines Paradies, ein Ort wo sie emotional auftanken kann. 

«Ich habe hier viele neue Freunde kennengelernt, fühle mich wie zu Hause», erwähnt sie mit einem Strahlen in den Augen, «die Schweiz ist dort, wo ich geboren bin und wo ich wohne. Und Südtirol ist meine Heimat im Herzen». Ob im Sommer in der Bergwelt oder im Winter im Schnee – mit ihren Freunden heisst es immer: «Geht nicht gibt’s nicht». Und der Rollstuhl ist hier kein Thema – er gehört dazu.   

Turbulent geht es immer zu bei Vanessa, ruhig sein liegt ihr nicht. Denn ertönt irgendwo eine Melodie, dann ist sie wieder da, die Liebe und Leidenschaft zur Musik und die Vorfreude auf den nächsten eigenen Auftritt – wenn auch mit ihrem Handicap, mit ihrem Rollstuhl – es passt eben doch zusammen.