Berufs- und Karrierewege von Menschen mit Behinderung

Geschichten über Karrieren von Menschen mit Behinderung gibt es in den verschiedensten Branchen, Berufen und auf allen Ebenen der Firmenhierarchie. Manche waren schnell erfolgreich, andere mussten einen längeren Weg zurücklegen. Trotzdem haben viele Personen auch immer wieder ähnliche Erfahrungen gemacht.

Menschen mit Behinderung haben in ihrem Berufsleben alle sehr unterschiedliche Erfahrungen und Lebenswege hinter sich. Doch wenn man ihre Geschichten hört, fallen auch viele Gemeinsamkeiten auf. Insbesondere drei wichtige Erkenntnisse werden immer wieder erwähnt und ziehen sich durch die verschiedenen Geschichten: die neue Situation akzeptieren, auf die Stärken setzen und Hilfe annehmen. 

Die neue Situation akzeptieren

Viele Menschen mit Behinderung sind sehr ambitioniert und möchten genau so weiter machen wie zuvor. Leider klappt der sofortige berufliche Wiedereinstieg nach Eintritt einer Behinderung oder Krankheit trotz grossem Willen aber nicht immer auf Anhieb. Die neue Situation zu akzeptieren, ist zu diesem Zeitpunkt ein wichtiger erster Schritt.

So erging es auch Ruth Knor, die kurz nach Abschluss ihrer Pharmazie-Ausbildung beim Heliskiing verunfallte und querschnittgelähmt wurde. Alle ihre Versuche, im alten Beruf wiedereinzusteigen, scheiterten am Rollstuhl. Letztendlich war das Akzeptieren der neuen Situation für Ruth Knor ausschlaggeben, um den Einstieg in ihr neues Leben zu meistern. Sie bildete sich zur Fusspflegerin weiter und arbeitete später als Beraterin in einem Fachgeschäft für Rehamittel, wo sie Betroffene unterstützte. Doch nicht nur beruflich, sondern auch in der Freizeit erfüllte sie sich wieder Träume, nachdem sie die Situation annahm. Sie ging ihren alten Leidenschaften wieder nach und begann, Rollstuhltennis zu spielen und zu tanzen.  

Auf die Stärken setzen

Jeder Mensch hat Stärken und besondere Fähigkeiten. Die Herausforderung ist, diese entsprechend einzusetzen. Denn die Arbeitsplätze und Berufe sind so verschieden und vielfältig wie die Fähigkeiten von Arbeitnehmenden.

Auf seine Stärken zu setzen, hat Georg Fraberger früh gelernt. Der promovierte Psychologe wurde ohne Arme und Beine geboren. Er sagt, dass alles, was der Körper von Menschen mit körperlicher Behinderung nicht kann, durch den Verstand geleistet werden muss. An der Wiener Uniklinik betreut er Patient*innen, die eine Amputation von Gliedermassen oder andere schwere körperliche Beeinträchtigungen verkraften müssen. Diese Tätigkeit ermöglicht Georg Fraberger, zu fokussieren was er kann und nicht, was er nicht kann ist.

Auch Nils Jent kam zum Schluss, dass er auf seine Stärken setzen muss. Als er vier Wochen nach einem schweren Motorradunfall aus dem Koma erwachte, konnte er sich nicht bewegen, war blind geworden und hatte seine Sprechfähigkeiten verloren. Noch im Spital entwickelten er und seine Mutter eine Kommunikationsgrundlage mit Blinzeln und Alphabetaufzählen. Als 27-Jähriger holte er die Matura nach – mündlich, seine Mutter hatte ihm den gesamten Schulstoff auf Tonbandkassetten gesprochen. Im Anschluss studierte und doktorierte er an der HSG. Nils Jent setzte dabei konsequent auf das, was unversehrt geblieben ist: seine Intelligenz. Seine Überzeugung, auf die Fähigkeiten von Menschen zu setzen, lebt er auch bei seiner Tätigkeit im Center for Disability and Integration (CDI) der Universität St. Gallen. Denn in seinem Kompetenzbereich «Learning from Diversity» legt man den Fokus auf die speziellen Fähigkeiten von ganz verschiedenen Menschen, auch von Menschen mit Behinderung.

Hilfe einholen und annehmen

Hilfe zu suchen und anzunehmen ist für viele Menschen einer der schwierigsten Schritte. Häufig wird es als Schwäche angesehen, wenn man Hilfe benötigt. Schliesslich möchte man selbständig sein und nicht auf andere Menschen angewiesen sein. Dies zu Unrecht. Jede Person ist in ihrem Leben auf Hilfe angewiesen. Diese zu suchen, ist ein Zeichen von Stärke.

Dass Hilfe einzuholen eine sehr wertvolle Fähigkeit sein kann, zeigt Annette Jablonskis Geschichte. Die Künstlerin hat aufgrund ihrer tetraspastischen Erkrankung eine starke Sprachbehinderung und ist deshalb täglich auf Hilfe angewiesen – unter anderem mit der Kommunikation. Dies hinderte sie allerdings nicht daran, ihrer Leidenschaft dem Malen nachzugehen. Sich genau die Hilfe zu organisieren, die sie braucht, sieht Jablonski als eines ihrer grossen Talente. «Ich habe einen Dickkopf und weiss, was ich will. Ich organisiere mir die Menschen, die das für mich ausführen können», so die Künstlerin.