Eine Frau mit Blindenstock und Sonnenbrille sitzt auf einer Parkbank. Im Hintergrund sind Bäume und viel Grün zu erkennen. | © Pexels/Mart Production

«Würde ich mehr sehen, wäre ich überfordert»

Noemi Hofmann kam mit einer hochgradigen Sehbehinderung zur Welt. Im Interview spricht sie über ihr bevorstehendes Studium und erzählt, welche Kommentare sie sich zeitweise anhören muss.

Noemi, wenn man deine Sehbehinderung wegzaubern könnte, würdest du es tun?

Nein. Ich wurde so geboren und kenne es nicht anders. Ich führe ein erfülltes Leben und bin glücklich damit, wie es ist. Meine Sehbehinderung habe ich voll und ganz akzeptiert. Ich glaube, ich wäre überfordert, wenn ich mehr sehen würde. Gut, manchmal wünsche ich mir schon, gut sehen zu können. Ich wohne in einer Velostadt und habe einen relativ kurzen Arbeitsweg. Wenn ich den mit dem Velo bestreiten könnte, anstatt immer auf den blöden Bus zu warten, der dann auch noch zu spät kommt, wäre das schon toll. Solche Gedanken habe ich natürlich, aber die verfliegen schnell wieder. Ich trauere den Dingen, die ich nicht habe, nicht nach und ich mache mir auch keine Gedanken darüber, dass mein Leben anders oder schöner wäre, wenn ich sehen könnte. 

Hat deine Behinderung denn auch Vorteile?

Wenn ich höre, wie Sehende sagen «Oh schau mal, wie die da hinten aussieht», bin ich manchmal froh, nicht mitreden zu können. Sehende ärgern sich über unwichtige Sachen. Dadurch, dass ich nichts sehe, gehe ich wohl gelassener durch die Welt. 

Also können sehende Menschen sich an deiner Gelassenheit ein Beispiel nehmen. Was können wir noch von dir und anderen Menschen mit Behinderungen lernen?

Ein konkretes Beispiel, was Sehende von uns lernen können, habe ich gerade nicht. Obwohl, sie könnten sich unsere Lebenseinstellung aneignen und so mit ihrem Leben zufrieden ein, wie es ist. Sie könnten lernen, dass man nicht immer mehr und mehr und noch mehr braucht und anfangen, das Leben und sich selbst einfach zu lieben. Mir fällt nur das als Antwort ein. 

Hast du einen Sinn für Mode?

Mittelmässig. Ich würde zum Beispiel nie bauchfreie Oberteile oder so anziehen. Ich schaue eher darauf, ob mir Farbe oder Muster gefallen. Hauptsache bequem. 

Wie orientierst du dich eigentlich, wenn du irgendwo hingehst?

Grundsätzlich bin ich ein sehr selbstständiger Mensch. Ich orientiere mich an bestimmten Merkmalen, die mir auffallen und die ich mir dann einpräge. Je häufiger ich einen Weg gehe, desto mehr fallen mir diese Dinge auf. Das kann ein Busch sein oder etwas anderes Markantes. Eine Einfahrt mit knallrotem Garagentor oder so. Wenn ich aber an einem mir unbekannten Ort bin, muss ich eine gute sehende Person fragen, ob sie den Weg mit mir zusammen geht. Letztes Wochenende war das zum Beispiel so. Ich hatte einen Termin und ging den Weg zuerst mit meinem Freund, um mir Orientierungspunkte zu suchen. Für Sehende ist es manchmal verwirrend, dass ich, obwohl ich eine Sehbehinderung habe, selten einen weissen Stock dabeihabe. Ich brauche den eigentlich nur, wenn ich über die Strasse gehe, damit ich den Auto- und Velofahrern signalisieren kann, dass eine sehbehinderte Person kommt. 

Gehst du ins Kino oder schaust du dir Fussballspiele im Fernsehen an?

Ich schaue grundsätzlich kein Fussball, da ich nicht fussballbegeistert bin. Sorry an alle Fussballfans da draussen, aber ich kann damit nichts anfangen. Ins Kino gehe ich, aber meistens nicht alleine. Ich nehme jemanden mit, der mir in Szenen, in denen nicht gesprochen wird, beschreibt, was gerade passiert. Ich sehe ab und zu fern, meist Diskussionssendungen oder ähnliche Formate. Da bekommt man auch ohne Bild viel mit. Eine Naturdoku müsste ich mir nicht anschauen. Dort wird ja nicht viel geredet, es geht mehr um die Bilder. Es kommt auf die Sendung an, aber grundsätzlich schaue ich schon fern. 

Noemi Hofmann hat ihre dunkelbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und lächelt verhalten in die Kamera. Sie trägt ein weisses Oberteil, darüber eine Jeansjacke und Ohrringe sowie eine Kette. Im Hintergrund sind einige Bäume zu erkennen. | © Screenshot aus Video von Jonas Straumann

Noemi Hofmann hat eine hochgradige Sehbehinderung. Für die IV gilt sie als blind.

Erzählst du uns ein paar schräge Erlebnisse, die du aufgrund deiner Behinderung hattest?

Ja, kürzlich habe ich etwas sehr Schräges erlebt. Ich sass mit meinem Freund in Rapperswil am See. Für alle, die die Schweiz nicht kennen: In Rapperswil gibt einen Kinderzoo, das ist relevant für die Geschichte. Wir sassen also auf einer Bank und machten Mittagspause. Da kam ein Kind, das setzte sich vor mich auf den Boden und starrte mich ziemlich unverblümt an. Mein Freund war etwas irritiert darüber. Irgendwann kam die Mutter des Kindes und sagte zu ihr: «Kommt mit, wir waren heute schon im Zoo!» Tja. Dazu kann man nichts mehr sagen. Ich habe noch eine Story. Da muss ich euch aber vorwarnen: Sie ist nicht jugendfrei. Ich sass im Bus und war auf dem Heimweg von der Spätschicht. Irgendwann stieg eine Gruppe Jugendlicher ein. Dem Geruch nach hatten sie schon einige Joints geraucht. Einer von ihnen setzte sich neben, zwei andere hinter mich. Plötzlich fragte mich einer: «Hey hast du mal Feuer?» Ich sagte nein. Derjenige, der neben mir sass, schaute mich an, drehte sich zu seinem Kumpel um und sagte: «Alter, bist du blöd? Zieh dir doch mal ihren bekifften Blick rein, frag sie doch direkt nach Gras!» 

Harter Tobak. Lass uns das Thema wechseln. Für welches Studium oder welchen Beruf hast du dich entschieden?

Ich hatte nicht so viele Möglichkeiten. Das Langzeitgymnasium habe ich aus privaten Gründen abgebrochen, stattdessen wollte ich eine Lehre machen. Ich wurde dann vor die Wahl gestellt, entweder Informatikerin oder Kauffrau zu lernen. Weil ich nicht so Computer-affin bin, entschied ich mich fürs KV. Gegenüber der IV habe ich durchgesetzt, dass ich parallel dazu die Berufsmatura machen durfte, da mir klar war, dass ich nicht Kauffrau bleiben will. Ich wusste, dass ich irgendwann studieren will. Erst nach langem Hin und Her hat die IV das genehmigt. Also habe ich die Lehre mit Berufsmatura gemacht und beides im Sommer 2020 problemlos bestanden. Kürzlich wurde ich an der ZHAW für ein Studium im Bereich soziale Arbeit aufgenommen. Dieser Berufswunsch entstand schon früh, weil mir auffiel, dass bei der IV kaum Selbstbetroffene arbeiten. Ich habe mir oft Beratung von Selbstbetroffenen gewünscht, die Ahnung von der Behinderung haben und nicht nur Schreibtischtäter sind. Das ist meine Motivation für die Arbeit im sozialen Bereich. Ich will Betroffene durch meine Erfahrung unterstützen.

Wo würdest du denn laut der IV arbeiten?

Auf jeden Fall nicht da, wo ich momentan arbeite. Meine Lehre, ich glaube, die hätte mir die IV noch zugetraut, aber sie waren der Meinung es würde länger gehen, bis ich starten kann. Und ich hätte laut der IV auch eine EBA und keine EFZ-Ausbildung gemacht. Die Berufsmatura hätte ich sowieso nicht gemacht. Und auch mein Studium würde ich im nächsten Februar nicht beginnen. Gemäss der IV würde ich wahrscheinlich in einem Beschäftigungsprogramm irgendeiner Stiftung arbeiten, höchstwahrscheinlich eine IV-Rente beziehen und mehr oder weniger mein Leben chillen. 

Und wie hast du deine Prüfungen gemacht?

Eigentlich ganz normal. So, wie ihr Sehenden auch. Obwohl, es gibt schon einen Unterschied: Ich mache Prüfungen elektronisch, an einem Laptop, den mir die Lehrperson gibt. Die Prüfung ist als Worddokument gespeichert und ich lese sie an meiner Braillezeile. Das ist ein Gerät, das die Schrift auf dem Bildschirm in Blindenschrift übersetzt. 

Ein Mann sitzt vor seinem Laptop, der mit Hilfstechnologien und einer Braillezeile für blinde und sehbehinderte Menschen ausgestattet ist. Eine Braillezeile ist ein schmales Gerät, das unterhalb der Tastatur liegt und auf dem zeilenweise Text in Blindenschrift erscheint. | © Michel Arriens, www.michelarriens.de, www.gesellschaftsbilder.de

Eine Braillezeile, die Schrift von digitalen Dokumenten in Blindenschrift übersetzt. (Foto: Michel Arriens/ www.michelarriens.de)

Zum Schluss noch eine letzte Frage: Wie träumst du? Und siehst du in deinen Träumen?

Ich träume eigentlich nicht wahnsinnig oft. Aber wenn, sehe ich, glaube ich, schon etwas vor meinem inneren Auge. Es ist aber nicht wie bei einem Rollstuhlfahrer, der träumt, dass er gehen kann. Ich glaube, ich habe auch im Traum eine Sehbehinderung.