Blind die Welt erkunden und Berge erklimmen | © Pixabay

Das Abenteuer «Entdecken» – Ein Erfahrungsbericht einer blinden Agrarwissenschaftlerin, Kletterin und Weltenbummlerin

Laila erblindete im Alter von fünf Jahren. Schon in jungen Jahren hat sie alles ausprobiert. Während ihres Studiums in Agrarwissenschaften verbrachte sie ein halbes Jahr in Nepal. An diesem Ort, wo sie weder die Sprache sprechen, noch die Struktur der Stadt und den Verkehr begreifen konnte, lernt sie die Situation so anzunehmen, wie sie war. Sowohl was ihren Aufenthalt in Nepal, als auch ihre Behinderung betraf. Nicht möglich – gibt es in Lailas Leben nicht. Sondern nur: wie können wir es möglich machen? In ihrem spannenden Erfahrungsbericht schildert sie ihren Lebensweg als blinde Entdeckerin.

«(...) kein Verlust [ist] unersetzbar»
Jacques Lusseyran, « Ein neues Sehen der Welt», Verlag freies Geistesleben

Ich möchte mit diesem Zitat beginnen, was wohl nicht auf alles zutrifft, doch für mich trifft es auf die Blindheit zu.

Ich bin im schönen Toggenburg aufgewachsen, zusammen mit meiner Zwillingsschwester und einem jüngeren Bruder. Meine Schwester und ich kamen zu früh zur Welt. Sie hat eine Form der Zerebralparese, ich habe mit fünf Jahren eine Netzhautablösung an beiden Augen erfahren und bin nun blind. Zuvor habe ich ca. fünf Prozent gesehen, das entspricht einem Umkreis von zwei Metern.

Ein Kinderfahrrad steht in einer Wiese. | © Pixabay

Mit Klick-Lauten suchte Laila als Kind nach ihrem Fahrrad (Foto: Pixabay).

Draussen herumrennen, spielen, radfahren, etc. hat unseren Kinderalltag ausgefüllt. Die Behinderung stand da im Hintergrund. Radfahren? Ja klar, lernbar! Roller-Scates fahren lernen? Juhui! Mit Klick-Lauten suchte ich auch bald mein Fahrrad, das ich irgendwo hingestellt hatte und natürlich vergass. Dies kleinere Erfahrungen, wie der Gehörsinn langsam aber sicher den Sehrest ersetzte, der mir bis ins Alter von fünf Jahren geblieben war.

Im Spital, Versuch, die Netzhaut wieder anzukleben, misslungen. Und nun? Kein Problem, meine Schwester meinte, wir sollten so weitermachen, wie vorher. Gut! Aber dazu gehörten einige schmerzhafte Putscher, bis ich lernte, mein Gehör und die Hände als Orientierungshilfe zu gebrauchen.

«Ohne meine Eltern stünde ich heute nicht an jenem Punkt im Leben, den ich jetzt erreicht habe.»
Laila

Und sehr wichtig, die Eltern! Wären unsere Eltern nicht so offen und so unkompliziert mit der Situation umgegangen, ich bin sicher, ich stünde heute nicht an jenem Punkt im Leben, den ich jetzt erreicht habe.

Die ersten 4 Schuljahre verbrachte ich in der Blindenschule Zürich (SFS) Altstätten. Danach Integration in die Regelschule bis und mit Sekundarstufe. Berufswahl, hm, was lernen? Pferdepflegerin? Hotelfachfrau? Tolle Berufe! Aber, wegen der Blindheit nicht möglich, sagten die Berufsausbildner. Schade. Nun ja, was nun? KV? Nee, langweilig. Und doch landete ich nach dem Eintritt in die Wirtschaftsmittelschule im KV.

Ein Jahr Praktikum, danach hatte ich genug. Ein neues Abenteuer musste her, aber was? Ich recherchierte im Internet. Oh, Agronomie! (Landwirtschaft) an der Fachhochschule in Zollikofen bei Bern. Landwirtschaft, Biologie, Chemie, Mathematik, Sprachen, Wirtschaft. Nun, Mathematik ist nicht gerade meine Stärke, aber der ganze Rest, warum nicht? Und, ein einjähriges Vorstudienpraktikum auf einem Landwirtschaftsbetrieb, klasse! Raus an die frische Luft, anpacken. Aber halt, was ist mit den Traktoren? Die kann ich ja wohl nicht fahren. Und, nimmt die Fachhochschule überhaupt blinde Studierende? Diese Fragen beschäftigten mich lange. Da hilft nur ein Gespräch. Ich vergesse den Satz nicht mehr: «Also, alles, was das theoretische Studium angeht, lässt sich einrichten und für den Rest werden wir eine Lösung finden.» Yeah! Selbstinitiative und Austausch mit den Fachpersonen waren gefragt.

Ein Traktor bei der Arbeit auf einem Feld. | © Pixabay

«Wie soll das mit den Traktoren gehen?», hat sich Laila zu Beginn ihres Studiums in Agrarwissenschaften gefragt (Foto: Pixabay).

Und hier stehe ich nun: Das Masterstudium in Agrarwissenschaften, mit einer Spezialisierung auf Wertschöpfungsketten und ländliche Entwicklung kurz vor dem Abschluss. Jede Menge tolle Erfahrungen, Prüfungen, gute Freunde gewonnen und jetzt? Ha, ich weiss es noch nicht. Ich schaue, wo mich die Zukunft hinführt. An Projektideen mangelt es nicht.

Ein besonderes Schlüsselerlebnis war wohl die Integration in die Regelschule und das Vertrauen meiner Eltern in meine Fähigkeiten und auch der Mut meiner Eltern, loszulassen und mich Erfahrungen machen zu lassen. Unser Mittelstufenlehrer ist ein begeisterter Bergsteiger und Wanderer. Mit seinen Geschichten über seine Bergabenteuer, seinen Ausflügen mit uns als Schulklasse in den Alpstein und der Lektüre von Erstbesteigungen von der Matterhornnordwand hat er in mir die Begeisterung für diese Welt entfacht. Auch den Mut, mich auf Wanderungen mitzunehmen und mich somit auch zu fordern, war ein sehr prägendes Erlebnis. Natürlich gab es auch Rückschläge, vor allem im sozialen Bereich. Mobbing in der Klasse bis in die Wirtschaftsmittelschule sind kein Geheimnis. Die Überforderung der Jugendlichen, eine etwas andere Situation zu akzeptieren und mit ihr umzugehen beschäftigte mich bis fast ins Studium.

Laila steht zuoberst auf einem Gipfel.

Beim Klettern spielt Lailas Behinderung für einmal keine Rolle (Foto: Laila).

Geholfen hat mir hierbei der Austausch mit den Eltern, anderen blinden Freunden*innen und das Klettern! Das Klettern wurde für mich zum Ausgleich pur! Ich konnte den Kopf abschalten und wurde so akzeptiert, wie ich war. Die Behinderung spielte für einmal keine Rolle. Und, was mich besonders prägte war die Erfahrung in Toronto (Kanada). Englisch lernen in einer total fremden Klasse, einer fremden Millionenstadt. Herausforderung und Lehrmeister*in zugleich.

Reden hat immer geholfen und manchmal insistieren. Ich wollte beispielsweise auf Bergtouren mitgehen, über Gletscher, auf Berggipfel und wieder runter. Ich rief eine Bergsteigerschule an und schilderte mein Anliegen. Oh nein, nicht möglich! Nicht möglich? Gibt's bei mir nicht. Wie können wir es möglich machen? Mit Begleitpersonen, mit einer abgekürzten Tour, einem vordefinierten Umkehrpunkt. Lösungen anbieten war die Devise und nicht einfach ein Nein akzeptieren. 

Und wer sich an den anfangs erwähnten Satz von Jacques Lusseyran erinnern mag, so hat mich dieses Buch in einer sehr besonderen Situation begleitet und mir geholfen, die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist und das beste daraus zu machen. Nämlich: in Nepal. Die Erblindung ist kein Verlust, sondern vielmehr der Schlüssel zu einem neuen Erleben und die Fähigkeit, unsere anderen Sinne voll und ganz einzusetzen.

Farbige Wimpel flattern bei Tageslicht in Nepal. | © Unsplash

In den ersten Tagen in Nepal war Laila in ihrem Hotelzimmer «gefangen» und konnte sich kaum frei bewegen (Foto: Unsplash).

Ich verbrachte dort ein halbes Jahr für meine Bachelorarbeit. Eine völlig fremde Kultur. Am ersten Wochenende nach meiner Ankunft war ich zwei Tage lang in meinem Hotelzimmer «gefangen». Die Hotelrezeptionistin wollte mir keinen Tourist Guide organisieren, da diese, laut der Dame, kein Englisch sprechen würden. Chabis! Nun, ich akzeptierte dies schweren Herzens und war die ganze Zeit auf dem Zimmer, hörte das Treiben auf den Strassen und stellte mir vor, wie es wäre, alleine herumzustreifen. Doch vergiss es! In der Schweiz greife ich auf Google Maps zurück und traue mich allein auf die Strasse. In Nepal, wo ich weder die Sprache sprechen konnte, noch die Struktur der Stadt und den Verkehr begreifen konnte, war ich total auf sehende Hilfe angewiesen. Nun, auch über Couchsurfing war keine Begleitperson oder andere Tourist*innen zu finden. Ich las also das Buch von Lusseyran, schrieb meinen Blog und hatte viel Zeit zum nachdenken. Ja, die Situation so annehmen, wie sie war, war wohl das beste, obwohl ich zu Beginn traurig und wütend war. Mich auf Abenteuer einzulassen und Kathmandu entdecken zu gehen, funktionierte hier nicht.

«Die Freude am Entdecken war schon immer wichtig für mich.»
Laila

Ich habe im Laufe dieser Jahre gemerkt und gelernt, dass Kommunikation mit den Mitmenschen, seien sie sehend oder blind, wichtig und auch fruchtbar sein kann. Dies hat mir geholfen, meine Situation als Blinde zu verbessern und anzunehmen und auch einfach für meine Bedürfnisse einzustehen. Und, was für mich immer wichtig war, war die Freude am Entdecken. Schon das Erkunden eines Hauses kann ein Abenteuer sein. Das Zurechtlegen einer inneren Karte eines grossen Hauses, eines Parks, eines Quartiers und einer ganzen Stadt. Fantastisch! Auch die Neugierde, Objekte anzufassen, Gerüche warzunehmen, dem Meer zu zu hören oder einfach dem Wind zu lauschen treibt mich immer wieder an, neue Orte zu entdecken, den verschiedenen Sprachen und Dialekten zu zuhören, die Nase in fremde Küchen zu stecken (natürlich sinnbildlich gesprochen) und mich auf Neues einzulassen. Das reine Entdecken der Umgebung und das Kennenlernen von Leuten sind bereits kleine Abenteuer für sich.

Wir danken Laila herzlich für den spannenden Erfahrungsbericht.