Eine Person geht am Langstock. | © Pexels / Mart Production

Umgang mit Blinden oder Menschen mit einer Sehbehinderung

Soll ich einen blinden Menschen oder eine Person mit Sehbehinderung über die Strasse führen? Muss ich auf Hindernisse hinweisen? Darf ich den Blindenführhund streicheln? Hier erfahren Sie, wie Sie sich gegenüber Menschen mit einer Sehbehinderung angemessen verhalten.

80 Prozent aller Informationen nehmen wir über unsere Augen auf. Menschen mit einer Sehbehinderung nehmen diese Informationen über die anderen Sinne auf oder kompensieren die fehlenden Informationen mit Hilfsmitteln. Oftmals kommen Menschen mit einer Sehbehinderung sehr gut im Alltag zurecht und benötigen sehr wenig Unterstützung. Wenn Sie dennoch unsicher im Umgang mit Menschen mit Sehbehinderungen sind, können Ihnen diese Tipps von Siril Wallimann helfen.

Allgemeines zum Führen und Begleiten

Personen mit einer Sehbehinderung lernen alltägliche Wege im Orientierungstraining. Es kommt selten vor, dass sie an einem total fremden Ort ohne Begleitung sind. Ist der vertraute Weg jedoch durch ein Hindernis blockiert, so sorgt dies für zusätzliche Schwierigkeiten. Sehen Sie einen blinden oder sehbehinderten Mitmenschen, welcher Hilfe benötigt, so sprechen Sie ihn darauf an. Manchmal ist die Person für eine Standorterklärung oder eine kurze Wegbegleitung sehr dankbar. Fassen Sie bitte nie ohne Erlaubnis den weissen Langstock an und führen Sie niemals eine sehbehinderte Person ohne Erlaubnis über die Strasse. Die sehbehinderte Person erklärt Ihnen gerne, wie sie am liebsten geführt wird. Am beliebtesten ist das Einhängen am Unterarm oder das Halten des Ellbogens.

Vorsicht Stolperfallen

Der weisse Langstock (Blindenstock) zeigt für die Betroffenen jede Niveauänderung an. Benutzt die blinde oder sehbehinderte Person den Langstock nicht und lässt sich von einer anderen Person führen, so ist sie auf Hinweise betreffend Niveauänderung angewiesen. Halten Sie vor Stolperfallen, wie Treppen, Trottoir, Absätzen, kurz an und teilen Sie der geführten Person mit, ob es aufwärts oder abwärts geht. Bei der Treppe ist der Hinweis auf einen Handlauf nützlich. Fragen Sie eine sehbehinderte Person, ob diese lieber die Rolltreppe oder die normale Treppe benutzen möchte.

Achtung, hier, dort, da

Mit manchen Worten können sehbehinderte Personen nichts anfangen. Beim Wort «Achtung» schrecken sehbehinderte Personen ohne Grund zurück, obwohl keine Gefahr besteht. Erklären Sie lieber die Situation in einem ruhigen Ton. Statt der Wörter «hier» und «dort» müssen genaue Ortsbezeichnungen verwendet werden.

Auf Blindenführhunde ist Verlass

Bitte stören Sie keinen Assistenzhund bei der Arbeit. Berühren, streicheln und füttern Sie den Blindenführhund nicht und geben Sie ihm keine Kommandos oder Aufmerksamkeit.

Ist der Hund durch unerwünschte Handlungen von Personen abgelenkt, so kann dies lebensgefährlich werden für die sehbehinderte Person. Nehmen Sie Ihren eigenen Hund an die Leine, sobald Sie eine sehbehinderte Person mit einem Blindenführhund sehen. Sobald das Team ausser Sicht ist, kann dieser wieder ab der Leine gelassen werden.

Öffentliche Verkehrsmittel

Mit Hilfe des Handrückens können Menschen mit einer Sehbehinderung eine Türe zu einem öffentlichen Verkehrsmittel «erfühlen». Manchmal muss dies jedoch schnell gehen und die sehbehinderte Person kommt in eine Stresssituation. Oft sind sie in diesen Momenten über fremde Hilfe dankbar, um den Eingang schneller zu finden. Das Ein- und Aussteigen ist selbstständig möglich. Hilfreich wären Hinweise auf grosse Stufen und wenn Sie die Hand auf den nächsten Griffhalter legen könnten.

Auto

Nehmen Sie eine sehbehinderte Person mit dem Auto mit, so führen Sie diese beginnend vom Heck des Autos nach vorne zur Einstiegstüre. Die Hand können Sie dann auf den Griffhalter legen und die Person kann die nächsten Schritte selbstständig ausführen. Der sehbehinderte Mitmensch legt die Hand auf den am weitest herausstehenden Punkt des Türrahmens. So wird ein möglicher Aufprall der Türe an ein anderes Objekt mit der Hand abgefedert. Das An- und Abschnallen des Sicherheitsgurtes kann die sehbehinderte Person dann selbständig ausführen. Prüfen Sie bitte vorher ob der Platz frei ist um keine sich darauf befindlichen Gegenstände zu beschädigen.

Jedes Ding an seinen Platz

Nehmen Sie einen Gegenstand von einer Person mit Sehbehinderung in die Hand, so merken Sie sich diesen Platz und legen Sie den Gegenstand danach an den gleichen Ort zurück. Ist dies nicht möglich, so erklären Sie bitte, wohin Sie das Objekt hingelegt haben. Sehbehinderte Personen brauchen eine gute Ordnung um Dinge wiederzufinden. Räumen Sie bitte nicht ohne Erlaubnis auf. Das kann schnell zu einer grossen Verwirrung werden.

Türen, Schränke oder Geschirrspülmaschinen sollten wenn möglich immer geschlossen sein. Es ist angenehmer und weniger gefährlich, wenn nichts im Weg herumliegt. Spielzeuge, Schuhe oder sonstige Objekte sind schmerzhafte Stolperfallen.

Toilettengang

Muss die sehbehinderte Person an einem fremden Ort auf die Toilette, so können Sie diese zum Toiletteneingang führen. Natürlich müssen Sie der Person nicht dabei helfen das «Geschäft  auszuführen», sondern lediglich den Raum erklären, damit sie sich darin selbständig bewegen kann.

Restaurantbesuch

Führen Sie die Person mit Sehbehinderung an den Stuhl, so können Sie die eine Hand an die Stuhllehne und die andere zur Tischkante führen. Der weitere Vorgang wird von der sehbehinderten Person selbst ausgeführt.

Sehbehinderte Personen schätzen es, wenn ihnen Begleitpersonen die Menü- oder Getränkekarte vorlesen. Das Essen auf dem Teller kann nach dem Uhr-Prinzip mitgeteilt werden. Beispielsweise: Auf 12 Uhr liegt das Gemüse und auf 6 Uhr das Fleisch. Falls die sehbehinderte Person das Fleisch nicht selber zerschneiden kann, so kann dies der Bedienung mitgeteilt werden.

Das Bezahlen kann selbständig ausgeführt werden. Dafür gibt es spezielle Geldbeutel. Wenn der Kellner das Wechselgeld nicht auf die Hand legt, schauen Sie als Begleitperson bitte, dass alles Geld genommen wird.

Mann mit einer Brille schüttelt die Hand einer älteren Person. | © Pexels / Rodnae Productions

Sagen Sie während der Begrüssung wer Sie sind. So ist es für alle Beteiligten klar und es kommt zu keiner peinlichen Situation. (Foto: Pexels)

Sprich, damit ich dich sehe!

Teilen Sie der Person mit Sehbehinderung mit, wenn Sie den Raum verlassen oder in den Raum zurückkehren. Selbstgespräche zu halten, in dem Glauben einen Dialog zu führen, ist für sehbehinderte Personen nicht sonderlich interessant.

An Gesichter kann man sich leichter erinnern als an Stimmen. Sagen Sie bitte während der Begrüssung wer Sie sind. So ist es für alle Beteiligten klar und es kommt zu keiner peinlichen Situation.

Ehrlichkeit, Vertrauen und sich mitteilen

Fragt Sie eine sehbehinderte Person um einen Rat, so teilen Sie ihre Meinung ehrlich mit. Wenn Betroffene sehende Menschen darauf ansprechen, ob das Kleidungsstück passt, so antworten Sie respektvoll und ehrlich. Die Sehbehinderten sind dankbar über Ihre Meinung.

Blinde Personen sehen die Gestik und Mimik anderer Mitmenschen nicht. Seien Sie so fair und teilen Sie sich mit, wenn Sie nicht zuhören oder Sie dieses Thema nicht interessiert. Finden Sie etwas besonders gut, so zeigen Sie dies aber auch.

Meine Augen, deine Augen

Für Menschen mit einer Sehbehinderung sind die Hände die Augen. Berühren sie ein Objekt mit den Fingern, so schauen sie dieses an. Durch die Berührung entsteht ein inneres Bild. Bitte nehmen Sie ihnen den Gegenstand nicht aus der Hand. Um manche Sachen besser zu verstehen, können Sie ihnen gerne etwas in die Hand geben.

Wenn zum Beispiel der Tisch nach der Butter suchend abgetastet wird, so lassen sie die betroffene Person danach suchen. Helfen Sie nur, wenn sie dazu aufgefordert werden.

Wir danken Siril Wallimann über das Teilen ihres Blogbeitrags.


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