Artz mit einer Spritze | © unsplash

Mit allen Mitteln gegen spastische Lähmung

Botulinumtoxin ist das stärkste Gift der Welt. Schon ein Zehnmillionstel Gramm reicht, um einen Menschen zu töten. Richtig eingesetzt ist der Wirkstoff dagegen äusserst hilfreich. Zum Beispiel bei der Behandlung von Menschen mit einer Spastik.

Unter einer Spastik versteht man die erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskulatur infolge einer Schädigung des Gehirns oder des Rückenmarks. Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Symptom einer Schädigung des Zentralen Nervensystems (ZNS).

Unterschiedliche Beeinträchtigung

So vielfältig die Ursachen einer Spastik, so unterschiedlich sind die Auswirkungen. Sie reichen von minimalen Einschränkungen im Bewegungsablauf und der Feinkoordination bis hin zur Schwerbehinderung. Neben den akuten Beschwerden sind vor allem die langfristigen Folgeschäden, die durch die Spastik verursacht werden, zu beachten. Hierzu gehören unter anderem Muskelverkürzungen, Fehlhaltungen, Fehlstellungen der Gelenke, Gelenkdeformitäten und Gelenkschäden wie Arthritis und Arthrose.

Ausserdem kann es zu einer seitlichen Krümmung der Wirbelsäule (Skoliose) kommen, die – bei starker Ausprägung – eine Fehlfunktion der Lunge verursachen kann. Menschen, deren Bewegungsfähigkeit besonders stark eingeschränkt ist, leiden zudem häufig unter Durchblutungsstörungen und Druckgeschwüren. 

Bewegungsfähigkeit bestmöglich erhalten

Da es sich um eine Schädigung des Zentralen Nervensystems handelt, ist eine spastische Lähmung bis heute nicht heilbar. Daher zielt die Behandlung vor allem darauf, Beschwerden zu lindern, Folgeschäden zu reduzieren und die Bewegungsfähigkeit bestmöglich zu erhalten. Je nach Alter des Menschen und Schwere der Spastik lässt sich durch regelmässige Physiotherapie auch eine – zumindest temporäre – Verbesserung des Zustandsbildes erreichen. Insbesondere bei stark ausgeprägter Spastizität werden zusätzlich zur Physiotherapie Medikamente eingesetzt, die die Muskelspannung senken und schmerzhafte Krampfzustände reduzieren sollen. Allerdings wirken diese auf den gesamten Körper, sodass Nebenwirkungen wie Müdigkeit stets beachtet werden müssen. 

Nervengift Botulinumtoxin

Anders als Medikamente wirkt eine Botulinumtoxintherapie gezielt am Muskel. Botulinumtoxin A, oft kurz als «Botox» bezeichnet, ist eines der stärksten Nervengifte der Welt – schon ein Zehnmillionstel Gramm wirkt tödlich. Mit der Menge eines Salzkorns könnte man eine Stadt der Grösse Nürnbergs vernichten. Dieses drastische Bild zeigt, welch ungeheure Wirkung Botox hat. Für Spastiker indes ist es ein Heilmittel – wenn auch in sehr stark verdünnter Form. 

Heilmittel Botox

Wird Botox in den Muskel gespritzt, verhindert es die Signalübertragung von Nerven auf den Muskel. Die Ausschüttung des Botenstoffs Acetylcholin wird gehemmt. Es kommt zu einer vorübergehenden Denervierung – der Muskel wird geschwächt. Deshalb wird Botulinumtoxin A bei Dystonie, Spasmus hemifacialis und Spastik eingesetzt. Im klinischen Alltag wird Botox insbesondere bei folgenden Formen der Spastik angewendet: Spastik der Hand, Armbeugespastik, Adduktorenspastik der Beine, Spastik des Fusses (Spitzfuss, Fussinversion, Extension oder Flexion der Zehen).

Nachdem der betroffene Muskel durch eine genaue Untersuchung identifiziert wurde, legt der Arzt die Menge des zu injizierenden Botulinumtoxins fest. Diese ist unter anderem vom Gewicht der betroffenen Person abhängig. Ausserdem ist zu bedenken, dass der Körper mit der Zeit Resistenzen gegen den Wirkstoff bildet.

Insbesondere, wenn die Behandlung über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden soll, muss das medizinische Fachpersonal abwägen, ob er eine höhere Dosis verabreicht und dadurch möglicherweise eine schnellere Bildung von Resistenzen in Kauf nimmt. Wie oft man Botulinumtoxin injizieren kann, ist individuell verschieden und noch nicht abschliessend erforscht. 

Wirkung von Botulinumtoxin

Trotz der enormen Giftigkeit schwächt Botox den Muskel nicht sofort. Die Wirkung tritt erst nach zwei bis zehn Tagen ein. Nach etwa 14 Tagen hat der Wirkstoff sein Wirkungsmaximum erreicht. Die Wirkungsdauer beträgt drei bis sechs Monate. Um ein optimales Resultat zu erzielen, ist es wichtig, den Wirkstoff möglichst exakt in den betroffenen Muskel zu spritzen.

Daher sollte die Injektion unter sonographischer Kontrolle vorgenommen werden. Ausserdem hilft es, wenn Betroffene möglichst intensive krankengymnastische Übungen machen, solange das Botulinumtoxin wirkt. 

Therapieziel

Obwohl mit Botulinumtoxin gute Ergebnisse bei der Behandlung der Spastik erzielt werden und keine Nebenwirkungen bekannt sind, sehen Fachpersonen realistische und messbare Therapieziele als Voraussetzung für eine Behandlung. Solche Ziele können beispielsweise sein: die Schmerzlinderung, eine Funktionsverbesserung oder die Erleichterung der Pflege.

Interdisziplinäres Team

Wer eine Behandlung mit Botulinumtoxin in Erwägung zieht, sollte sich vorab genau informieren. Ratsam ist, die Injektion in Praxen oder Kliniken vornehmen zu lassen, in denen ärztliches Fachpersonal verschiedener Disziplinen zusammenarbeitet.
 
Durch die enge Kooperation von orthopädischen und neurologischen Fachpersonen wird die Vielschichtigkeit der Spastik bestmöglich berücksichtigt. An einigen Kliniken gibt es spezielle «Botox-Sprechstunden», in denen eine grosse Zahl von Betroffenen mit Spastik behandelt wird und die medizinischen Angestellten daher entsprechend grosse praktische Erfahrung haben.