Arzt hilft einer Person beim Anziehen einer Handschiene | © Unsplash

Ergotherapie: mit Kleinem Grosses bewirken

Die Ergotherapie hilft Menschen, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt sind, alltagsrelevante Fähigkeiten zu erhalten oder wiederzuerlangen. Neben Abklärungen und Anpassung der Wohn- oder Arbeitssituation beinhaltet die Ergotherapie je nach Bedürfnis auch Hilfsmittelabklärungen, handwerkliche Tätigkeiten oder gestalterische Aufgaben.

Eine Therapie ist oft geprägt von Schmerzen, Nebenwirkungen und teils langer Wartezeit bis zum gewünschten Ergebnis. Wir stellen euch mit der Ergotherapie eine Therapie vor, mit welcher ohne Schmerzen grosse Fortschritte erzielt werden können. 

Was ist Ergotherapie?

Das Kantonsspital St. Gallen (KSSG) definiert Ergotherapie wie folgt: Die Ergotherapie unterstützt und begleitet Menschen jeden Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind. Diesen Menschen soll ermöglicht werden, für sie bedeutungsvolle Betätigungen in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit in ihrer persönlichen Umwelt durchzuführen. 

Hierbei dienen spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratung dazu, dem Menschen Handlungsfähigkeit im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe und eine Verbesserung seiner Lebensqualität zu ermöglichen.

Das Ziel der Ergotherapie in der Neurologie ist immer das Erreichen, Verbessern oder Erhalten grösstmöglicher Selbständigkeit bei alltäglichen Tätigkeiten. Dies wird erreicht durch das Wiedererlangen von beeinträchtigten Funktionen, durch das Erhalten von vorhandenen Funktionen, durch das Erlernen von Ersatzstrategien und/oder durch Umweltanpassungen.

Ergotherapeut:innen begleiten und unterstützen beim (Wieder-)Erlernen von Alltagshandlungen in den folgenden Bereichen:

  • Selbstversorgung (wie Körperpflege, Mobilität, Regelung persönlicher Angelegenheiten)
  • Arbeit, Haushalt, Schule
  • Freizeit (wie Hobbies, soziales Leben, Erholung)

Zudem beinhaltet die Ergotherapie das folgende Leistungsangebot:

  • Anleitung und Unterstützung beim Training alltagsrelevanter Fähigkeiten
  • Auswahl, Entwicklung und Herstellung von Schienen, Hilfsmitteln und Anpassungen wie beispielsweise von Alltagsgegenständen, Wohnung oder Arbeitsplatz
  • Beratung von Patient:innen, Angehörigen und Arbeitgebern sowohl in Bezug auf Erhalt oder Verbesserung der Handlungsfähigkeit als auch im Hinblick auf Gesundheitsförderung und Prävention
Schiene und Werkzeuge liegen auf einer Werkbank

Neben dem Training alltagsrelevanter Fähigkeiten gehört auch die Auswahl und Anpassung von Schienen oder anderen Hilfsmitteln zur Ergotherapie. (Foto: Unsplash)

Ergotherapeut:innen leisten einen wichtigen Beitrag in der Reintegration der Betroffenen, indem sie Abklärung und Anpassung der Wohn- oder Arbeitssituation vornehmen und den Berufseinstieg mit Arbeitstraining vorbereiten. Ebenfalls gehören ergonomische Beratungen, Hilfsmittelabklärung und -training sowie das Herstellen und Anpassen von statischen und dynamischen Schienen zu den Kernaufgaben der Ergotherapie. 

Die Schulung und Beratung von Bezugspersonen und die gute Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzt:innen, weiteren Therapeut:innen, Arbeitgebern, sozialen Institutionen und Angehörigen tragen wesentlich zum Rehabilitationserfolg bei.

Was beinhaltet die Ergotherapie?

Grundsätzlich gliedert sich der Therapieprozess der Ergotherapie in drei Schritte:

  1. Evaluation (Befunderhebung und Definieren eines Ziels)
  2. Intervention (Planung einer Behandlung und deren Durchführung)
  3. Outcome (Bewertung der Therapieergebnisse)

Hat der Ergotherapeut oder die Ergotherapeutin die Situation des Patienten oder der Patientin bewertet und gemeinsam die Therapieziele vereinbart, wird eine für die Intervention geeignete Therapiemethode festgelegt. Dabei stehen folgende Ansätze zur Verfügung:

Kompetenzzentrierte alltagsrelevante Methoden

Die kompetenzzentrierte Ergotherapie ist einer der häufigsten Ansätze. Patient:innen soll sich dabei verloren gegangene Fertigkeiten mit Unterstützung des Ergotherapeuten oder der Ergotherapeutin wieder erarbeiten. Dazu gehören handwerkliche Tätigkeiten wie Sägen, Nähen und Korbflechten, aber auch Tätigkeiten zur Alltagsbewältigung und Freizeitgestaltung wie Kochen, Spiele oder Behördengänge. Des Weiteren kommen Übungen und Spiele, die die Gedächtnisleistung trainieren, zum Einsatz.

Subjektbezogen ausdruckszentrierte Methoden

Beim subjektbezogenen, ausdruckszentrierten Therapieansatz sollen die Patient:innen lernen, innere Empfindungen gestalterisch auszudrücken und sich selbst für das eigene Befinden zu sensibilisieren. Der/die Ergotherapeut:in lässt die Patient:innen hier malen oder basteln, entweder alleine oder in einer Gruppe. Meist wird dazu auch ein Thema vorgegeben. So soll beispielsweise ein depressiver Patient ein Bild mit Farben gestalten, die für ihn Freude bedeuten.

Person hält Pinsel in einen von vielen Farbtöpfen. | © Unsplash

Beim subjektbezogenen, ausdruckszentrierten Therapieansatz sollen Patient:innen beispielsweise mit Farben ihre Empfindungen ausdrücken. (Foto: Unsplash)

Interaktionelle Methoden

Die interaktionelle Methode wird eingesetzt, um Patient:innen anzuregen, sich mit anderen Mitmenschen auseinanderzusetzen und das Miteinander in einem sozialen Gefüge zu fördern. Die interaktionelle Ergotherapie findet daher in Partner- oder Gruppenarbeit statt. Der oder die Ergotherapeut:in stellt hier der Gruppe eine Aufgabe, zum Beispiel ein gemeinsames handwerkliches Projekt oder ein Rollenspiel. Dann wird die Gruppe in der Arbeitsphase beobachtet: Wie werden Konflikte gelöst? Wer sucht sich welche Rolle in der Gruppe? Wie kommunizieren die Patient:innen miteinander? Im Anschluss reflektiert die Fachperson den Arbeitsprozess gemeinsam mit den Patient:innen und arbeitet ihn auf.

Wahrnehmungsbezogen handlungsorientierte Methoden

Hier vermitteln Ergotherapeut:innen den betroffenen Personen ihre Sinnes- und Körperwahrnehmungen. Hilfreich sind ganz einfache Übungen wie zum Beispiel das Massieren der Hände mit einem «Igelball», das Tasten und Erkennen von Materialien, Vibrationsempfindungen oder Wärme- und Kälteerlebnisse im Wasserbad. Durch diese neuen Erfahrungen sollen Patient:innen lernen, bewusst Sinneserlebnisse aufzunehmen und richtig einzuordnen. Dieser Therapieansatz wird vor allem bei Personen mit psychischen Erkrankungen oder Kindern mit Entwicklungsstörungen eingesetzt.

Für wen kann eine Ergotherapie sinnvoll sein?

Bei den folgende Diagnosen kann die Ergotherapie helfen, die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Lebensqualität zu verbessern:

  • Neurologie: Schlaganfall, Multiple Sklerose 
  • Orthopädie: bei Verletzungen und Erkrankungen der oberen Extremitäten 
  • Psychiatrie: Depression, Burnout
  • Pädiatrie: ADHS; Entwicklungsverzögerungen
  • Arbeitstherapie: Burnout, Menschen mit Beeinträchtigung (kognitiv, körperlich)

Beispiel einer Ergotherapie bei Multipler Sklerose

Während dem akuten Schub sind entzündliche Prozesse im Hirn und Rückenmark in vollem Gang. Um diese zu verkürzen, bekommen die betroffenen Personen spezielle Medikamente. Aktive physiotherapeutische und ergotherapeutische Behandlung können die Teilhabe am normalen Leben wieder gewährleisten und Komplikationen vermeiden. Therapieziele in diesem akuten Schub sind beispielsweise aktuelle Hilfsmittelversorgung angepasst an die akuten Symptome wie zum Beispiel selbstständiges Essen mit Griff-Adaptionen. Weitere Ziele sind, verloren gegangene Funktionen wie zum Beispiel Bewegungen oder Sensibilität zu verbessern beziehungsweise zurückzuerlangen sowie vorhandene Fähigkeiten zu erhalten. Zudem soll die Ergotherapie diejenigen Alltagsfunktionen, die noch erhalten sind, unterstützen, also beispielsweise grobe Greiffunktion ermöglichen sowie, wenn Feinmotorik fehlt, helfen, Sekundärschäden zu vermeiden durch Instruktion von Entlastungsstellungen und Lockerungsübungen.

Ergotherapie nach Abklingen des akuten Schubs

Nach Absprache mit dem ärztlichen Fachpersonal kann mit aktiven, symptombezogenen, sensomotorischen Übungen begonnen werden. Die bessere Ausdauer des Patienten oder der Patientin erlaubt eine genauer durchgeführte Befundaufnahme. Weiterhin gilt Vorsicht vor Überforderung, zu starker Belastung, Stress und zu intensivem Krafteinsatz. Entspannende Pausen gehören genauso zur Therapie wie körperlich aktive Phasen.

Therapie-Ziel nach Abklingen des akuten Schubs

Das Therapie-Ziel nach Abklingen des akuten Schubs ist die Verbesserung verloren gegangener, veränderter beziehungsweise verminderter motorisch-funktioneller Grundfunktionen. Dies gilt auch für Funktionen der Sensibilität und der affektiven und kognitiven Fähigkeiten (Stimmungslage, Konzentration, Gedächtnis). Zudem sollen Patient:innen Kompensationen zum Erhalt der Handlungsfähigkeit üben. Ausserdem erfahren sie die eigene Belastbarkeit beziehungsweise die Notwendigkeit von Entspannung. Zuletzt soll die Partizipation trotz Funktionsstörung erhalten bleiben.

Welche Therapien werden typischerweise angewendet?

Spiegel-Therapie / Spiegel-Training

Bei dieser Therapieform wird dem Patienten oder der Patientin ein Spiegel angeboten, in welchem die nicht betroffene Körperhälfte gespiegelt wird. Dazu wird der Spiegel in einem 90-Grad-Winkel exakt in der Körpermitte platziert, so dass sich die betroffene Extremität hinter dem Spiegel befindet. Die gesunde Extremität befindet sich vor dem Spiegel. Durch die Spiegelung der gesunden Extremität scheint diese die betroffene Extremität zu ersetzen. Für den Patienten sieht es also aus, als würde er die Bewegungen mit der betroffenen Extremität ausführen (lesen Sie dazu auch Amputation – Behandlung und Therapie).

Das Prinzip des Spiegel-Trainings beruht auf der Neuroimagination. Nachweislich kommt es bereits beim Vorstellen der Bewegung zu neuronaler Aktivität. Durch die Beobachtungen von Bewegungen der gesunden Extremität in einem Spiegel, werden diejenigen Hirnareale stimuliert, welche für die Bewegung der betroffenen Extremität verantwortlich sind.

Bei der Spiegel-Therapie gibt es eine dreiteilige Behandlungsphase. Sie besteht aus gründlichem Befund zu Schmerz und Wahrnehmung der betroffenen Extremität, einer Evaluationsphase und einer Therapieeinheit. 

Gruppen- oder Einzeltherapie

Je nach Belastbarkeit und individueller Einschränkung der Person kann die Behandlung in Einzelsitzungen, in Kleingruppen oder als Gruppentherapie durchgeführt werden. Eine Gruppentherapie eignet sich dabei auch, um kommunikative und soziale Fähigkeiten zu trainieren.

Zu Beginn jeder Behandlung wird gemeinsam mit der Ergotherapeutin ein individueller Therapieplan aufgestellt. Der Plan legt fest, welche Einschränkungen behandelt und welche Fertigkeiten vorrangig geübt werden sollen. 

Fazit vom ErgotherapeutInnen-Verband Schweiz (EVS)

«Ergotherapie ist längst weit mehr als eine Therapieform zur Verbesserung einzelner Funktionen. Ergotherapie leistet als vergleichsweise kleine Berufsgruppe zu minimalen Gesamtkosten einen wesentlichen Beitrag zur Frühintervention, Rehabilitation und Reintegration von Menschen mit chronischen Krankheiten und Beeinträchtigungen.»


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