Severin Bischof mit seiner Assistenzhündin im Grünen | © zur Verfügung gestellt von Severin Bischof

Leben und arbeiten mit Assistenz und Assistenzhündin – Severin Bischof im Interview

Severin Bischof ist Co-Präsident des Fördervereins CléA und arbeitet als selbstständiger Anwalt. Sowohl bei der Arbeit als auch Zuhause ist er auf Unterstützung durch seine persönlichen Assistent*innen angewiesen. Zusätzlich ist Assistenzhündin Arley seine treue Begleiterin und Helferin. Im Gespräch erzählt er von der Freiheit aber auch Herausforderung, die ein Leben mit Assistenz mit sich bringt. 

Das CléA Jobportal ist seit März 2021 live. Wie ist es angelaufen?  

Wir sind sehr zufrieden. Der Zulauf ist gross und die Rückmeldungen durchwegs positiv. Es gibt zwar noch viele Verbesserungen, die wir vornehmen möchten, aber das ist ja normal. Anscheinend gab es auch schon einige Matches zwischen Assistenznehmenden und Assistent*innen, was uns sehr freut. 

Wie sehen die nächsten Schritte aus? 

Als nächstes würde das Modul CléA Planung anstehen, aber dafür benötigen wir noch die Finanzierung. Ziel wäre eine automatische Arbeitsplanung. Im Tool könnten alle Assistent*innen ihre verfügbaren Zeiten und die Assistenznehmenden die benötigten Zeiten eingeben. Das Tool würde dann ein Matching vorschlagen. 

Wie planst du selbst deine Assistent*innen? 

Ich habe momentan 14 Assistent*innen, die regelmässig zu mir kommen. Viele davon sind schon einige Jahre bei mir. Ich erstelle jeweils eine Doodle-Umfrage wo sich alle eintragen können und erstelle daraus mit Google Kalender einen Monatsplan. Ich wäre also selbst einer der ersten User, der das CléA Planungstool nutzen würde. Es wäre eine grosse Erleichterung. 

Seit wann lebst du mit Assistenz und was bedeutet es für dich? 

Nebst den Personen im Pilotprojekt, war ich einer der ersten, der sich bereits im Dezember 2011 für den Assistenzbeitrag beworben hat. Es hat dann noch etwas gedauert, bis die Anträge durch waren und um eine geeignete Wohnung sowie persönliche Assistent*innen zu finden. Aber im Juli 2012 konnte ich in meine eigene Wohnung ziehen. Das war ein riesiger Schritt. 

Vorher hatte ich in einer Institution gelebt. Dort hatte ich feste Zeiten fürs Essen oder auch das Zubettgehen. Auch vom Budget her war ich sehr viel eingeschränkter. Dank dem Assistenzbeitrag kann ich viel selbstbestimmter leben – aber auch viel eigenverantwortlicher. Es ist eine Lebensform, die mir sehr zusagt. Quasi, Freiheit mit Plus. Auch dass ich meine Leute im Assistenzteam selbst auswählen kann, ist mir sehr wichtig. 

Was waren oder sind Herausforderungen? 

Es gibt zahlreiche Hürden. Die erste beginnt beim Antrag an die IV. Hier muss man als Erstes «die Hosen herunterlassen». Man muss eine realistische Einschätzung seines Hilfsbedarfs abgeben und nichts beschönigen. Die zweite Hürde besteht darin geeignete und passende Assistent*innen zu finden. Der Stundenlohn, der mit dem Assistenzbeitrag bezahlt werden kann, ist nicht gigantisch. Eine Fachfachfrau oder ein Fachmann Betreuung verdient mehr, weshalb vor allem Laien als Assistent*innen eingestellt werden können. Für einen Laien können die Betreuung und Pflege, gerade wenn es Aufgaben im Intimbereich sind, aber eine grosse Herausforderung sein. Und dann kommen natürlich noch Lohnabrechnung, Monatsplanung und Mitarbeiterführung hinzu. Man muss für alles selbst Verantwortung übernehmen. Also selbst Konflikte lösen oder rechtliche Fragen klären. 

Und dann ist da ja auch noch der Job. 

Genau. Natürlich ist nicht nur das Wohnen betroffen, sondern auch die Arbeit. So bin ich auch bei der Arbeit auf Unterstützung angewiesen. Jemand der mich ans Gericht begleitet oder mir beim An- und Ausziehen der Arbeitskleidung hilft. Da ich hinsichtlich eines «normalen» Angestelltenkontextes viele Ängste und Fragezeichen hatte, bin ich selbstständig geworden. In unserer Bürogemeinschaft von drei Anwälten, haben wir einen juristischen Praktikanten, den ich auch als persönlichen Assistenten einstellen konnte. Er unterstützt mich im Arbeitsalltag. 

Gerade der Aspekt der Arbeit erscheint mir sehr wichtig. Arbeitgebende, aber auch Menschen mit Behinderung, haben oftmals viele Ängste und Bedenken. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass transparente Kommunikation hilft. Ich versuche das auf jeden Fall bei meinen Mandant*innen, Richter*innen und Kolleg*innen zu machen. Gerade neulich ergab sich die Situation, dass ein Richter meinte, man müsse dann «halt schauen» ob es möglich sei, dass mein Assistent bei einer Verhandlung dabei sein könne. Dies aufgrund der Corona bedingten Personeneinschränkung. Viele sind sich nicht bewusst, dass ich tatsächlich auf die Hilfe meines Assistenten angewiesen bin und sonst meine Arbeit nicht machen kann. 

Sind diese Herausforderungen der Grund, weshalb nach wie vor viele Personen den Assistenzbeitrag nicht beantragen? 

Ja, die Hürden sind gewiss da. Auch benötigt man Mut sich auf eine neue Lebensform einzulassen. Gerade wenn man irgendwo lebt, wo es eigentlich passt. Es hat aber sicherlich auch mit Ängsten zu tun: Finde ich geeignete Leute? Was mache ich, wenn etwas passiert und niemand da ist? 

Zum Glück ist deine Hündin immer dabei. Wie geht es dir mit deiner Assistenzhündin und welche Möglichkeiten haben sich dadurch eröffnet? 

Arley begleitet mich im Alltag. Sie ist eine grosse Bereicherung – eine treue Begleiterin und wertvolle Helferin. Sie öffnet Türen oder hebt mein Handy auf, wenn es mir runterfällt. Nebst all diesen wertvollen Hilfestellungen, bedeutet ein Hund aber auch eine Lebensumstellung. Man muss bei jedem Wetter raus. Egal ob es schneit oder regnet. Deshalb gehe ich jetzt zum Beispiel immer zu Fuss mit dem Rollstuhl zur Arbeit. Zudem muss auch Beziehungsarbeit geleistet, Grenzen gesetzt und Regeln trainiert werden. Sonst macht sie irgendwann nur noch, was sie will. Man sollte sich also auf jeden Fall gut überlegen, was ein Hund bedeutet. 


CléA Assistenzplattform

Der Förderverein CléA hat im März 2021 das erste Modul seiner «CléA Assistenzplattform» veröffentlicht. Das digitale Hilfsmittel soll Menschen mit Behinderungen helfen, das Leben mit Assistenz zu vereinfachen, angefangen bei der Personalsuche. Das erste Modul, die «CléA Jobplattform», bringt Betroffene mit persönlichen Assistenzpersonen zusammen. 
 
Die CléA Assistenzplattform schafft für Menschen mit Behinderungen ein digitales Hilfsmittel, das die von der UNO-Behindertenrechtskonvention geforderte Gleichstellung und Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen ermöglicht. Der Förderverein CléA ist Partner von EnableMe.