Illustration in Regenbogenfarben, die an Rauch erinnert. | © Pixabay

Fragen und Antworten (Q&A) zur psychischen Gesundheit

Psychische Gesundheit ist noch immer ein Tabuthema. Dies obschon psychische Erkrankungen zu den am meisten verbreiteten und einschränkenden Erkrankungen überhaupt zählen. Franziska lebt seit über 15 Jahre mit «Borderline» und ihren Begleiterkrankungen. Ihre eigene Geschichte und die unterschiedlichen Settings und Menschen, die ihr auf dem Weg zur Gesundung begegnet sind, haben sie zur Expertin gemacht. Hier gibt sie Antworten auf häufig gestellte Fragen rund um das Thema psychische Gesundheit.

Bei  handelt es sich um eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, deren Symptome und Ausprägungen so individuell wie der menschliche Charakter sind und die häufig mit Begleiterkrankungen einhergeht. Diese Begleiterkrankungen waren in Franziskas Fall Depressionen und Essstörungen und waren ausschlaggebend für ihre Suche nach Hilfe. Ihre eigene, langjährige Geschichte und die unterschiedlichen Settings und Menschen, die ihr auf dem Weg zur Gesundung begegnet sind, und weiterhin begegnen, haben sie zur Expertin gemacht. Hier beantwortet sie häufge Fragen zum Thema psychische Gesundheit.

Selfie von Franziska | © Franziska

Draussen in der Natur zu sein tut ihr gut – Selfie von Franziska

Wie weiss man, dass mehr dahintersteckt als einfach eine «schlechte Phase». Gibt es typische Alarmzeichen? Wann sollte jemand professionelle Hilfe aufsuchen?

Das ist ein bisschen die Gretchenfrage, wenn es um die psychische Gesundheit geht: Wie schnell soll/darf ich mir Hilfe holen, wie lange «muss» ich es allein probieren. Schliesslich muss man sich doch nur ein bisschen mehr anstrengen, positiv denken, Sport treiben, gesünder ernähren, dann wird das schon.  

Als jemand, der auch eher hilferesistent ist, und auch bei körperlichen Krankheiten erst zum Arzt geht, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht, ergo der Zeh amputiert werden muss, möchte ich es mal so sagen: In dem Moment, wo eine Beziehung oder die Arbeitsstelle gefährdet ist, man sich sozial komplett zurückzieht und isoliert, Kolleg*innen ratlos werden und man sich selbst zum Beispiel mit Alkohol zu medikamentieren versucht und das alles beginnt den Alltag zu beherrschen, spätestens dann sollten die Alarmglocken ganz laut läuten was professionelle Unterstützung betrifft. Und nein, man muss sich nicht dafür schämen! Wenn mich die Scham überkommt, dann denke ich mir einfach: «Hey, das ist einer meiner vielen Beiträge zum volkswirtschaftlichen Kreislauf. Schliesslich leben ganze Berufsgruppen und Branchen von Menschen wie mir.» Klingt lapidar, hilft mir aber. Manchmal denke ich auch an die lange psychotherapeutische Tradition und Expertise in der Schweiz und denke mir, warum sollte ich diese nicht nutzen? Und schliesslich mal ganz nüchtern betrachtet, je früher man interveniert, desto schneller geht auch die Rehabilitation. Ein bisschen wie bei Gelenkschmerzen: Bevor man durch Schonhaltung noch schlimmere, langfristige Schäden entwickelt, sollte man ja lieber auch frühzeitig zum Arzt, Osteopathen, Physiotherapeuten gehen.  

Apropos Umfeld: Ich bin eine rechte Einzelgängerin in Krisen, auch wenn ich eigentlich ein wahnsinnig tolles, verständnisvolles und wirklich gut funktionierendes soziales Umfeld habe. Das war allerdings nicht immer so. In Krisen und bei meinen psychischen Problemen bin ich immer noch eine Einzelgängerin. Zum einen weil ich nicht zur Last fallen möchte, zum anderen weil ich auch niemanden enttäuschen möchte, wenn es Rückschläge gibt oder es nicht schnell genug vorwärts geht. Gegenüber Therapeut*innen spüre ich diesen Erfolgsdruck nicht, da kann ich mich wirklich ohne Scham und Schuld (ok nicht ganz ohne, aber zumindest erträglich) auf den Prozess einlassen. Irgendwann will ich anders damit umgehen und auf die Stabilität der Beziehungen vertrauen. Aber bis dahin liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor mir.

Was sollte beachtet werden bei der Suche nach einem geeigneten Psychologen oder einer Psychologin?

Diese Frage muss ich mit einem «es kommt darauf an» beantworten: Je nachdem in welchem Zustand man sich gerade befindet (akute Krise oder frühzeitiges Erkennen und Hilfe holen) gestaltet sich das anders. Was sich aber nicht leugnen lässt: Dies ist mit die grösste Hürde. Denn: 

  1. Es braucht viel Geduld bis man überhaupt einen Termin für ein Erstgespräch bekommt. Dies hat sich durch die Coronapandemie nochmals massiv verschlimmert. Mittlerweile sind Wartezeiten von zwei bis drei Monaten normal, egal ob man ambulant oder stationäre Unterstützung sucht.
  2. Ich rate dringend, mindestens zwei bis drei Personen, Praxen oder Kliniken anzusehen. Denn letztlich basiert die ganze Therapie auf Vertrauen und gerade am Anfang ist es wichtiger, dass die Chemie stimmt, als die Therapiemethode. Und ja, es fühlt sich schrecklich an, in diesen Vorstellungsgesprächen immer wieder die eigene Geschichte zu wiederholen. Insbesondere wenn einem eine innere Stimme sagt: Du musst das eigentlich alleine schaffen, stell dich mal nicht so an. 
  3. Achtung bei den Unterschieden: Psychiater*in, Psycholog*in, Coach. Je nach Ausbildung und Qualifizierung werden diese unterschiedlich von der Krankenversicherung vergütet. Oder eben nicht. Die Behandlung bei Psychiater*innen werden garantiert von der Grundversicherung der Krankenkasse bezahlt, aber in der Regel Fokus auf medikamentöse Behandlung, nicht Gesprächstherapie. Bei Psycholog*innen ist es wichtig zu wissen, dass deren Leistungen nur von der Krankenkasse übernommen werden, wenn Sie eine Zusatzversicherung haben und auch dann sind die Beiträge sehr unterschiedlich. Daher müssten Sie dies erst bei der Krankenkasse nachfragen. Es gibt auch Psycholog*innen, die delegiert arbeiten, das heisst die Rechnung läuft dann über einen Psychiater oder eine Psychiaterin, die in denselben Räumlichkeiten arbeiten. Leistungen von Psychiater*innen werden durch die Krankenkasse übernommen, dort haben Sie den üblichen 10 Prozent Selbstbehalt.

Hier ein paar allgemeine Hinweise für die Suche. Sie wenden sich an Ihren Hausarzt und bitten ihn um die Empfehlung einer Adresse. Wenn Sie gerne selbst jemanden suchen möchten, empfehle ich folgende Links:

Dann gibt es ja auch noch die ganzen stationären Angebote. Da ist es ähnlich wie mit den ambulanten. Entweder hat der Hausarzt grad Tipps, ansonsten hilft hier auch wieder eine einfache Google-Suche. Und die meisten Kantons- und Universitätsspitäler haben auch eigene Angebote oder Informationen auf ihren Webseiten. Aber auch hier sind die Wartezeiten gerade sehr, sehr lang. Leider. Ich bin dann einfach so frech (ja, selbst in der grössten Krise funktioniert das noch) und melde mich im Abstand von zwei bis drei Tagen persönlich in der Klinik, bis ich meinen Platz habe. Das ist auch mein wichtigster Tipp, dranbleiben und nicht aufgeben! Es ist ein langer Weg, bis man sich überwunden hat, Hilfe zu holen und ein ganz steiniger, bis man Hilfe gefunden hat. Aber Hartnäckigkeit lohnt sich, versprochen!

Was sollte man tun, wenn die Therapie keine Wirkung zeigt? Kann eine Therapie abgebrochen werden?

Also: alle, die sich freiwillig Hilfe holen, egal ob ambulant oder stationär, können jederzeit die Therapie abbrechen. Grundlos. Ohne Diskussion. Und dafür muss man sich auch nicht schämen. Ich hatte gerade letztens die Diskussion mit einer Mitpatientin und habe ihr gesagt, dass sie ja wohl auch den Trainer oder Verein wechseln würde, wenn sie merkt, dass sie Weitsprung übt, obwohl sie eigentlich Hochspringerin werden wollte. Der Vergleich hinkt zwar etwas, aber worum es mir geht: Es ist wichtiger, so lange zu probieren und dranzubleiben bis Therapieform, Setting, Therapeut*in passen, als etwas einfach widerwillig und passiv durchzuziehen, nur um nicht als Versager*in tituliert zu werden.

«Ich habe mittlerweile schon so viel ausprobiert, mit mehr oder weniger Erfolg, dass ich fast schon aus Neugier Lust darauf hätte noch viel mehr Therapieformen zu entdecken.»
Franziska

Und was heisst schon «keine Wirkung» zeigen. Psychotherapie ist ein einziges Experiment und so vielseitig wie die Menschen selbst. Manchmal braucht es einfach zig Anläufe, bis man den richtigen Match gefunden hat. Und je nachdem, in welcher Phase man sich gerade befindet, braucht es auch immer wieder etwas anderes. Ich habe mittlerweile schon so viel ausprobiert, mit mehr oder weniger Erfolg, dass ich fast schon aus Neugier Lust darauf hätte noch viel mehr Therapieformen zu entdecken. Im Augenblick (beziehungsweise in den letzten drei Monaten) habe ich stationär eine «Dialektisch Behaviorale Therapie (DBT)» gemacht. Das ist nach wie vor der erfolgversprechendste Weg mit Borderline umzugehen. Davor habe ich auch, je nachdem was im Fokus stand, Schematherapie, Hypnosetherapie, kognitive Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Traumatherapie, Kunsttherapie und noch vieles mehr gemacht. Meistens belese ich mich dann auch sehr intensiv zu diesen Ansätzen. Inklusive Fachliteratur für die Therapeut*innen sowie Selbsterfahrungsberichte von anderen Patient*innen. Neben dem eigentlichen Therapiesetting hilft mir das auch sehr weiter. Und solange ich nicht absolut alles ausprobiert habe, solange mache ich einfach weiter.

Wie sollte man mit schlechten Phasen und Rückschritten umgehen?

Klingt wie eine schlechte Plattitüde, ist aber so: Aufstehen und weitermachen. Oder wie eine Freundin gesagt hat: Therapie funktioniert auch ohne Motivation, solange du diese diszipliniert durchziehst. Spätestens wenn die ersten Erfolge kommen und sich die ersten Fortschritte einstellen, kommt die Motivation von ganz alleine.

«Leider muss man die Arbeit wirklich selber machen. Tag für Tag, Schritt für Schritt, man muss sich dafür entscheiden. Trotz des Schmerzes. Und dann muss man sich immer wieder dafür entscheiden. Ein bisschen wie Tanzen.»
Franziska

Ich bin jetzt schon so lange in Therapie, dass ich manchmal mehr frustriert als motiviert bin. Ich hatte schon gute Phasen, die über Jahre gingen und dann Rückschläge, nach denen ich gefühlt wieder bei null anfangen musste. Aber am Ende des Tages kann nur ich meine Probleme lösen. Zwar mit professioneller Hilfe, aber die Entscheidungen und die Handlungen liegen bei mir. Es gibt diesen Ansatz der «radikalen Akzeptanz». Akzeptanz ist kein Verhalten, das erwartet wird. Es ist auch nicht gleichbedeutend mit Zufriedenheit oder damit, etwas gutzuheissen. Es ist eher ein realistisches Annehmen, ein Anerkennen dessen, was ist. Und vor allem ist es üben. Und in «schwachen» Momenten, in denen mir die Akzeptanz schwerfällt, helfe ich mir in dem ich es mir wie eine chronische Krankheit vorstelle. Man kann gut medikamentös darauf eingestellt werden, man lernt damit umzugehen und im Alltag zu funktionieren und vor allem lernt man, die Krankheit als treuen Begleiter für den Rest des Lebens zu akzeptieren. Auch wenn ich rational jeden Rückschritt oder jede schwierige Phase als Chance begreife, daraus zu lernen und mich weiterzuentwickeln, so möchte ich doch im ersten Moment einfach hinwerfen und wünsche mir eine Zauberpille, die alle meine Probleme löst. Oder eine Hirntransplantation. Hauptsache es hört irgendwann mal auf. Leider gibt es das nicht und leider muss man die Arbeit wirklich selber machen. Tag für Tag, Schritt für Schritt, man muss sich dafür entscheiden. Trotz des Schmerzes. Und dann muss man sich immer wieder dafür entscheiden. Ein bisschen wie Tanzen. Also habe ich mich entschieden, mir wenigstens eine gute Playlist dafür zu machen. Und noch etwas hilft, jeder überstandene Rückfall. Als ob diese uns trainieren und immunisieren könnten, zumindest zu einem gewissen Grad.

Wie sollte man sich bei einer Krise verhalten?

Tempo und Klarheit. Bloss nicht zu lange warten oder die Dinge weiter eskalieren lassen und wirklich verbal sehr deutlich zum Ausdruck bringen, dass man jetzt sofort Hilfe braucht. Andere können keine Gedanken lesen. Lächelnd sagen: «Ich leide aber wirklich sehr», hilft auch nicht. Da psychische Leiden nicht bluten, muss man sich aufraffen, klar und deutlich kommunizieren, für sich einstehen und alles an Ressourcen mobilisieren was zur Verfügung steht. Und wenn man sich beim Hilfe holen schämt, hilft ein kleiner Trick (also mir zumindest). Helfe ich anderen gern? Absolut! Fühle ich mich manchmal danach sogar besser? Aber hallo. Ergo, wenn ich mir Hilfe hole, helfe ich damit ja nur den anderen dabei sich besser zu fühlen. Ich bin in meiner letzten Krise sogar vorübergehend wieder im alten Elternhaus eingezogen, bis der stationäre Therapieplatz frei war. Einfach um mich zu schützen. Das war zwar emotional auch schwierig, aber in der Abwägung des mittel- und langfristigen Nutzens der «geringere Preis» und damit war es mir das Wert. Diese Kosten-Nutzen-Abwägung hilft mir persönlich noch sehr oft, da sie rational ist und damit für mich nachvollziehbar.

Davon abgesehen stellt sich auch immer wieder die Frage: Was ist eigentlich eine Krise? Manche Menschen können mit schweren Verlusten, wie dem Tod des Partners, der Partnerin oder des eigenen Kindes einen guten Umgang finden. Andere bekommen wegen eines falschen Blicks oder Wortes eine Krise. Der eine blüht auf, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Stress bei der Arbeit weniger wird, der andere zerstört in dieser Phase alles, was er sich zuvor aufgebaut hat. Per Definition bedeutet eine Krise, dass ein Mensch unter dem, was auf ihn einstürzt, leidet. Was dabei als belastend empfunden wird und wie hemmungslos das Leid ist, ist individuell sehr verschieden. So kann es passieren, dass jemand, der den Jobverlust gut wegsteckt, durch eine Trennung gebrochen wird. Oder andersrum. Meine letzte Krise hat sich sehr subtil und klammheimlich angeschlichen, nämlich in einem Moment, in dem ich von aussen betrachtet alles hatte: Partnerschaft, Traumjob, tolle Freundschaften, schöne Wohnung, keine finanziellen Sorgen. Dass mich das emotional so unter Hochspannung gesetzt hat, dass es am Ende nur einen Dominostein gebraucht hat, um eine massive Kettenreaktion auszulösen, hat mich so sehr erschrocken, dass ich nach einer ersten Krisenintervention nochmals Zeit investieren musste, um dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Das hat sehr an meinem Selbstbewusstsein genagt, aber unterdessen bin ich zuversichtlich, dass ich verstanden habe, was passiert ist, daraus gelernt habe und weiss, was ich anders machen muss.

Der stationäre Aufenthalt als letzte Lösung?

Nein. Ich würde sogar ganz entschieden nein sagen. Natürlich lässt sich eine ambulante Behandlung besser in den Alltag integrieren. Aber manchmal braucht es einfach eine räumliche Veränderung und genau diesen Ausbruch aus dem Alltag. Auch um einfach mal wieder durchzuschlafen. Oder weil es erholsam ist, wenn man sich nicht um Essen oder Haushalt kümmern muss. Fühlt es sich trotzdem komisch an? Und wie! Ich frage mich im ÖV an den Wochenenden oft, ob an mir wohl ansieht, woher ich gerade komme oder wohin ich zurückfahre.

«Ich habe durch die Aufenthalte nicht nur gesundheitlich profitiert, sondern auch menschlich und beruflich. Denn ich bin so in Kontakt mit Menschen, Sorgen, Nöten und Themen gekommen, die mir in meiner Alltagsbubble nie begegnet wären.»
Franziska

Anfangs hat man – ok, ich – ziemlich viele Vorurteile. Aber nach meinem unterdessen vierten stationären Aufenthalt muss ich sagen, vollkommen zu Unrecht. Ich habe durch die Aufenthalte nicht nur gesundheitlich profitiert, sondern auch menschlich und beruflich. Denn ich bin so in Kontakt mit Menschen, Sorgen, Nöten und Themen gekommen, die mir in meiner Alltagsbubble nie begegnet wären. So haben mich die Geschichten vieler meiner Mitpatient*innen sehr auf den Boden zurückgeholt. Mich berührt die Offenheit und Hilfsbereitschaft unter Patient*innen in den Kliniken. Das spürbare Interesse an der Person hinter der Fassade, da hier alle gleich und Statussymbole nicht wirklich sichtbar sind. Die substantiellen, schonungslos ehrlichen Gespräche und der tiefschwarze Humor. Manchmal möchte ich am liebsten behaupten ich kann nirgends so sehr Mensch sein, wie in einer psychiatrischen Klinik. Diese Kombination aus geschütztem Rahmen, medizinischer Rundumversorgung und innerer Freiheit macht die Rückkehr in die Realität nicht ganz einfach und darauf muss man sich wiederum sehr gut vorbereiten.

Und fairerweise muss ich zum Schluss noch sagen: Ich war immer freiwillig und auf eigenem Wunsch in stationärer Behandlung. Wenn die Einweisung gegen den eigenen Willen geschieht oder wirklich nur auf Druck von aussen, dann erlebt man die Zeit in der Klinik sicherlich anders.

Wieso ist psychische Gesundheit noch immer ein Tabuthema?

Das ist eine grosse Frage, die ich gar nicht pauschal oder abschliessend beantworten kann. Aber natürlich kann ich meine Hypothese mit euch teilen. Ich glaube das hat viel mit Scham und Unsicherheit zu tun. Scham, da wir in einer vergleichsweise heilen Welt hier in der Schweiz leben, wo die wenigstens von uns Krieg, Hunger oder andere lebensbedrohliche äussere Umstände kennen und es ein gut funktionierendes Sozialsystem gibt. Da fühlt man sich schon schnell mal als Versager*in, wenn man psychisch krank wird. Mir geht es zumindest bis heute noch oft so. Bei einem Beinbruch kann man (meist) nichts dafür, man bekommt einen Gips, eventuell noch Reha und dann funktioniert das Bein wieder. Aber bei der psychischen Gesundheit ist das oft nicht der Fall. Klar, es gibt auch hier Ausnahmen. Aber in der Regel muss man sich damit abfinden, dass die Krankheit zu einem sehr treuen und langjährigen Begleiter werden kann. Und das fühlt sich halt schon wie ein Makel an, den man immer mit sich beziehungsweise vor sich herträgt.

«Eine Veränderung ist im Umgang mit Depressionen, Burnout und Suchtkrankheiten spürbar. Hier gibt es vielseitige Beiträge in den Medien, diverse Promis, die sich exponiert haben und damit diesen Krankheiten ein Gesicht gegeben haben.»
Franziska

Interessanterweise fühlt es sich so an, als ob andere es einem ansehen könnten, dass man diesen Makel hat, dabei ist meist eher das Gegenteil der Fall, weil man die Fassade noch mehr auf Hochglanz poliert und sich extra bemüht, zu funktionieren damit es auch ja niemand bemerkt. Und ich weiss, es wurde schon viel darüber geschrieben, dass wir in einer Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft leben, aber ich denke dies trägt auch dazu bei, dass das Thema nach wie vor tabuisiert wird. Wir sind so gewöhnt, dass mit etwas Anstrengung und gutem Wille alles lösbar ist, dass es einfach unlogisch scheint, dass dies bei psychischen Krankheiten nicht möglich ist. Was auch zur Unsicherheit beiträgt: Es gibt keine Patentrezepte in der Therapie, alles ist sehr individuell und von Fall zu Fall verschieden. Selbst erfahrene Therapeut*innen sagen, dass vieles Trial-and-Error und Weniges wirklich bewiesen und noch weniger, garantiert ist. Diese Komplexität, zusammen mit der Unsichtbarkeit der Krankheiten, überfordert uns als Gesellschaft wahrscheinlich auch. Alles ist erklärungsbedürftig, nichts lässt sich kurz und prägnant zusammenfassen. Da ist es doch einfacher, man redet erst gar nicht darüber. Eine Veränderung ist im Umgang mit Depressionen, Burnout und Suchtkrankheiten spürbar. Hier gibt es vielseitige Beiträge in den Medien, diverse Promis, die sich exponiert haben und damit diesen Krankheiten ein Gesicht gegeben haben. Aber bis es so selbstverständlich wird, wie der Umgang mit anderen Krankheiten, ist es schon noch ein langer Weg. Wahrscheinlich sollten wir als Betroffene auch viel proaktiver damit umgehen, da muss ich mich schon auch an meine eigene Nase fassen.

Sollte man eine psychische Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber erwähnen? Oder bei einer Bewerbung?

Das ist eine gute und super heikle Frage! Ich wünschte ich könnte im Brustton der Überzeugung «Ja» sagen, aber kann es leider echt nicht. Seit ich in Behandlung bin, habe ich es schon immer kommuniziert, aber in abgeschwächter Form und nur den Depressionsteil. Und nicht im Bewerbungsschreiben, sondern je nach Chemie entweder in der letzten Runde oder in der Probezeit. Per se hat es nie dazu geführt, dass ich einen Job deswegen nicht bekommen hätte. Aber ich habe mich schon stärker beobachtet gefühlt. Insbesondere in stressigen Phasen hatte ich den Eindruck, dass man meine Leistungsfähigkeit genauer beobachtet, mir weniger zutraut oder schneller Mal andere Menschen die Verantwortung überträgt als mir. Insgesamt würde ich sagen, dass meine Erfahrungen eher durchwachsen und stark abhängig von den eigenen Lebensgeschichten meiner Arbeitskolleg*innen oder Chef*innen waren. So hatte ich einmal einen Chef, dessen Sohn auch psychisch erkrankt war, für den war das gar kein Problem. Im Gegenteil, er hat sogar die Chancen und Vorteile dadurch gesehen. Insbesondere wenn es um Teamfähigkeit, Soziale Kompetenzen, Konfliktfähigkeit, Stressmanagement und Empathie geht. Da sind wir durch die Therapie natürlich super sensibilisiert und kontinuierlich am Verbessern, Lernen und Üben. Ausserdem habe ich mal noch in die Gruppe der Mitpatient*innen gefragt, wie sie das Thema im Job handhaben. Die meisten verschweigen es oder sagen auch höchstens, dass sie depressive Verstimmungen haben. Auch aus Angst und Scham, so wie ich. Was ich noch eindrücklich finde, wie Arbeitgeber mit Klinikaufenthalten ihrer Mitarbeitenden umgehen. Manche sind sehr daran interessiert, mehr zu erfahren und eine möglichst gute Reintegration zu ermöglichen und kommen dafür sogar zu Gesprächen in die Klinik. Andere ziehen eine schnelle Auflösung des Arbeitsverhältnisses vor und/oder melden sich gar nicht beziehungsweise lassen alles über die Personalabteilung regeln. Interessanterweise konnte ich bisher kein Muster erkennen, ob dies branchen- oder unternehmensgrössenspezifisch ist. Aber ich mache ja auch keine quantitative Studie, sondern kann nur sehen, was meine Mitpatient*innen erzählen.

Wie sollte man mit Menschen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen umgehen?

Ich würde sagen: Zuhören und nachfragen, statt gut gemeinter Ratschläge aber auch sich abgrenzen, wenn einem das Thema überfordert und dies auch ehrlich kommunizieren. Nicht nur über die Probleme reden, sondern weiterhin auch auf leichte bzw. Alltagsthemen konzentrieren. Schliesslich ist die Person nicht die Krankheit, sondern hat nur eine Krankheit. Wenn man aber Hilfe anbietet und das Gegenüber sich darauf einlässt, dann sind Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit total wichtig. Nichts ist schlimmer, als in einem schwachen Moment dann wirklich nach der dargebotenen Hand zu fragen und dann zu merken, dass es «nur so daher» gesagt war. Wenn jemand mehr über meine Diagnose(n) wissen möchte, teile ich auch gerne Artikel oder Bücher, da diese eine Art neutrale Gesprächsbasis bilden. Aber meist bin ich einfach froh, wenn es im Alltag keine Rolle spielt, sondern wir ganz normale Freundschaften und Arbeitsbeziehungen pflegen mit den normalen Höhen und Tiefen, lustigen und verletzenden Momenten, so wie es halt auch ohne Erkrankung wäre.

Wir danken Franziska für ihre Offenheit und das Teilen ihrer Erfahrungen.