Menschenmenge ist auf Strasse versammelt mit Banner "behindert und verrückt feiern". Zuvorderst ist eine Person im Rollstuhl mit blauen Haaren und zwei Sonnenblumen am Rollstuhl befestigt. | © Gesellschaftsbilder.de

Disability Pride – warum Menschen weltweit ihre Behinderungen zelebrieren

Jährlich wird die Disability Pride im Monat Juli in zahlreichen Städten weltweit gefeiert. Durch Demonstrationen, Aktionen und Paraden wird auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam gemacht und Menschen mit Behinderung Gehör verliehen.

«Disability Pride» (auf Deutsch: «Behindertenstolz») beschreibt eine soziale Bewegung, die ursprünglich aus den USA stammt. Das Ziel der Disability-Pride-Bewegung ist, Menschen mit Behinderung einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft zu schaffen und gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen anzukämpfen. Durch Aufklärung und Aufmerksamkeit auf das Thema soll ein sozialer Wandel hervorgerufen werden: Hin zu einer inklusiven Gesellschaft, in der Vielfältigkeit geschätzt wird und sich niemand für seine oder ihre Behinderung schämen muss.

Wie ist Disability Pride entstanden?

Am 26. Juli 1990 wurde in den USA der «Americans with Disabilities Act (ADA)» (Gesetz für Amerikaner*innen mit Behinderungen) unterzeichnet. Das ADA-Gesetz war ein Schlüsselmoment für die Behindertengemeinschaft. Es verspricht, dass Menschen mit Behinderungen in keinem Bereich diskriminiert werden dürfen. Im selben Jahr versammelten sich in Boston Menschen mit Behinderungen, Betreuer*innen, Verbündete und Befürworter*innen, um diesen Meilenstein zu zelebrieren. Seitdem werden jährlich in zahlreichen amerikanischen Städten Veranstaltungen organisiert, um die soziale Bewegung zu unterstützen. Im Jahr 2015 erklärte die Stadt New York den Juli schliesslich offiziell zum «Disability Pride Month» (Behindertenstolz-Monat).

In Europa ist die Bewegung noch recht neu, gewinnt jedoch auch hier kontinuierlich an Bedeutung. Besonders in Grossbritannien und Irland ist das Zelebrieren der Disability Pride beliebt. Aber auch in Berlin und Zürich fanden schon Pride-Paraden statt, an denen Menschen mit oder ohne Behinderung das Feiern ihrer eigenen Identität mit wichtigen politischen Forderungen verknüpfen konnten.

Menschen mit und ohne Rollstuhl sind auf einer Strasse versammelt. An einem Rollstuhl ist ein Plakat befestigt: «Lasst uns zusammen Party machen» | © Gesellschaftsbilder.de

An den Pride Paraden zelebrieren Menschen ihre Behinderung und demonstrieren, um das Bewusstsein der Gesellschaft zu stärken. (Foto: Gesellschaftsbilder.de)

Was ist die Idee hinter der Disability Pride?

Bei der Disability Pride geht es, ähnlich wie bei der LGBTQ+ Pride, darum, die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit zu stärken und zu feiern. Denn Menschen mit Behinderungen haben vieles gemeinsam mit anderen Minderheiten. So erleben sie zum Beispiel häufig Ungleichheiten vor Gesetz, beim Einkommen, in der Bildung und Gesundheit und sind in Medien und Politik unterrepräsentiert. Auch müssen sie sich alltäglicher Diskriminierung und Stigmatisierung aussetzen (lesen Sie dazu: Statistik des BSF zu Benachteiligung und Diskriminierung am Arbeitsplatz). Wie die «Stolzbewegungen» für andere Minderheitengruppen, zum Beispiel LGBTQ+ oder Black Pride, zielt der Behindertenstolz deshalb darauf ab, die bisher stark stigmatisierte Identität neu zu definieren. 

Auf den ersten Blick kommt es einigen Menschen vielleicht seltsam oder gar wie ein Widerspruch vor, stolz auf die eigene Behinderung zu sein, da Behinderungen gesellschaftlich meist immer noch negativ konnotiert sind. Die Disability Pride möchte jedoch dazu anreizen, eine Behinderung nicht mehr als einen «Fehler» wahrzunehmen, für den man sich womöglich noch schämen muss. Vielmehr soll der Fokus auf der Individualität und Vielfältigkeit der Menschen sowie des menschlichen Körpers liegen. Es geht also auch darum, mit sich selbst im Reinen zu sein und zu verstehen, dass die eigene Behinderung einen einzigartig macht. Das Motto, das man sich dabei stets vor Augen halten sollte, lautet: «Ich bin nicht behindert, ich werde behindert». Auch hilft Disability Pride zu erkennen, dass es eine Community von Menschen mit Behinderungen gibt und dass man Teil einer Gemeinschaft ist, die Erstaunliches geleistet hat. Wem das Wort Behindertenstolz immer noch seltsam vorkommt, sollte bedenken, dass beispielsweise der Stolz auf die Homosexualität für die Gesellschaft auch ein Fremdwort war, bevor es zu einem massiven Wandel der öffentlichen Meinung und der Zivilrechte kam.

Wie kann ich selbst stolz auf meine Behinderung sein?

Wer selbst stolz auf seine Behinderung sein möchte oder die soziale Bewegung generell unterstützt, sollte drei essenzielle Aspekte der Disability-Pride-Bewegung beachten: Akzeptanz, Gemeinschaft und Geschichte. 

Zuerst bedeutet Behindertenstolz, dass man sich selbst so akzeptiert wie man ist. Wenn man eine Behinderung hat, kann dies in den meisten Fällen nicht geändert werden. Man muss also lernen, dass die Behinderung ein Teil von einem ist, ohne sich aber von ihr definieren zu lassen. Diese Einsicht ist ein wichtiger Teil der Selbstakzeptanz. Folgende drei Punkte tragen als Leitfaden zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Behinderungen bei:

  • Alle Menschen sind einzigartig und wichtig.
  • Alle Menschen haben Stärken und Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen.
  • Menschen mit Behinderungen sind stark, nicht trotz, sondern wegen der Komplexität ihrer Körper.

In einem nächsten Schritt ist es wichtig zu erkennen, dass man nicht allein ist. Zahlreiche Menschen weltweit müssen sich denselben oder ähnlichen Herausforderungen stellen. Allein in der Schweiz leben gemäss dem Bundesamt für Statistik mehr als 1,7 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Der Austausch und die gegenseitige Hilfe mit anderen Betroffenen innerhalb dieser Community können das Leben beträchtlich vereinfachen. 

Zuletzt gehört zur Disability Pride auch ein geschichtlicher Aspekt. Menschen mit Behinderung haben schon immer mit Barrieren, Diskriminierung und Stigmatisierung zu kämpfen. Doch weil sich Aktivist*innen gemeinsam für die Rechte von Menschen mit Behinderungen eingesetzt haben, bessert sich die Situation kontinuierlich. Es ist also wichtig, diesen historischen Fortschritt anzuerkennen. Gleichzeitig bedeutet der Disability Pride aber auch, dass wir selbst die Pflicht haben, für diese Rechte einzustehen und Unrechtes anzusprechen. 

Wie kann ich mich engagieren?

Es gibt viele verschiedene Arten, wie man sich für Disability Pride engagieren kann. Einige davon fangen im alltäglichen Leben an. So kann jede Person durch ihren individuellen Umgang mit der eigenen Behinderung oder Krankheit ein positives Beispiel setzen. Sprechen Sie offen und ehrlich über Ihre Behinderung und ermutigen Sie andere Menschen, über das zu sprechen, worauf sie stolz sind. Beziehen Sie eine Behinderung als natürlichen Teil ihrer Identität in ein Gespräch ein.

Abgesehen von diesem alltäglichen Engagement gibt es auch die Möglichkeit an Pride Paraden in Berlin oder Zürich teilzunehmen. Die beiden Vereine Pride Parade Berlin und Disability Pride Zürich organisieren diverse Veranstaltungen und halten jährlich einen Pride-Umzug ab, an dem alle Menschen mit oder ohne Behinderung eingeladen sind. Im Jahr 2020 und 2021 wurden die Paraden jedoch aufgrund der COVID-19 Pandemie verschoben bzw. online durchgeführt.