depressive Frau, die nachdenklich in die Ferne schaut | © pixabay

Depressionen und Suizidgedanken meines Kindes

Ihr Kind lebt seit einigen Jahren mit einer depressiven Erkrankung. Sie kennen die Anzeichen, welche auf eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes hinweisen und möchten Ihr Kind so gut es geht durch die Phasen von leichten bis schweren Depressionen begleiten. Als Angehörige ist die Begleitung von Betroffenen oft sehr aufzehrend. Sie müssen darauf achten, selbst nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. Im folgenden Erfahrungsbericht einer Mutter lesen Sie, wie diese mit der Situation umzugehen lernte.

Für diesen Erfahrungsbericht schweife ich einige Jahre zurück. Meine Tochter studierte noch und sollte in wenigen Monaten ihre Examensprüfung absolvieren. Das Arbeitspensum war hoch und sie musste sich bis auf wenige Präsenztage in der Universität zum Selbststudium motivieren und disziplinieren. Der Kontakt zu anderen KommilitonInnen war recht rar, jeder arbeitete mehr oder weniger im homeoffice. Auch dieser Umstand manövrierte sie zunehmend in einen Überforderungszustand und Depressionen. Einen Gedankenaustausch, der Entlastung hätte bringen können, gab es nicht. 

Der Gedankenaustausch ist existenziell

Wann immer es mir möglich war, telefonierte ich mit meiner Tochter sehr lange und hörte ihr aufmerksam zu. Das hat sie punktuell etwas aufgebaut, die Ursache jedoch blieb. Seit dieser Zeit lebt meine Tochter mit dieser Krankheit von leichter bis hin zu schweren Depressionen und Angststörungen. Sie war deshalb auch in fachärztlicher Behandlung. Ihr Zustand spitzte sich um die Zeit der Examensprüfung zu, sie berichtete mir von Suizidgedanken. Das machte mich sehr betroffen und ich fürchtete, dass sie in eine unkontrollierbare Situation geraten könnte. Wir sprachen sehr offen über dieses Thema und auch über die katastrophalen Folgen eines misslungenen Suizidversuches. Sie versprach mir, es nicht zu tun. Der Umstand, dass meine Tochter in Behandlung bei ihrem Facharzt für psychotherapeutische Medizin war und mit ihrem Lebensgefährten in einem relativ geschützten Rahmen lebte, beruhigte mich. Ich meinte, darauf vertrauen zu können, der Arzt würde geeignete Massnahmen einleiten, um das Risiko eines möglichen Suizides einzudämmen. 

Das macht etwas mit dir und deinen Gefühlen

Ich erlebte diese Zeit als sehr beängstigend. Die Gespräche mit meiner Tochter hatten mich sensibilisiert. Diese Stille, wenn ich keinen Ton, keine SMS bekam, ängstigte mich. Ich spürte intuitiv, dass das Risiko sehr gross ist, dass sie in ihrer Verzweiflung diesen ungeheuerlichen Ausweg sucht. Ich beruhigte mich selbst irgendwie und versuchte zu verdrängen, dachte, sie wird es nicht wahr machen, sie hat es mir versprochen.  

Das Unfassbare

Die Situation geriet jedoch ausser Kontrolle und so passierte das Unfassbare. Meine Tochter sah keinen anderen Ausweg mehr, sich von den Qualen der Depressionen, dieser fürchterlichen Krankheit, zu befreien und unternahm ihren ersten Suizidversuch mit dramatischem Ausgang. Sie überlebte diesen Suizidversuch knapp und brauchte viele Monate für ihre Rehabilitation als Paraplegikerin. Es gelang ihr, sich mit enormem Kraftaufwand aufzutrainieren und wieder auf ihren eigenen Beinen fortzubewegen, wofür wir unbeschreiblich dankbar sind. 

Die psychische Krankheit verschwindet nicht so einfach

Zwei Jahre später. Wir hatten gerade ein paar Tage Ferien im Tessin verbracht und ich half ihr bei Bewerbungen für eine Stelle, damit sie sich eine Zukunft aufbauen konnte. Sie fuhr zurück nach Hause. Es ging ihr nicht gut, sie kämpfte mit Depressionen, hatte grosse Mühe, sich zu motivieren und Angst vor der Zukunft. 

Die Tage danach hörte ich nichts mehr von ihr, kein Anruf, kein Ton, keine SMS. Ich hatte überhaupt kein gutes Gefühl, aber kam zum einen nicht an sie heran und wollte zum anderen ihre Abgrenzung respektieren, sie ist eine junge erwachsene Frau, dachte ich bei mir.   

Eine Woche nach ihrer Abreise, klingelte das Telefon und der leitende Arzt einer Intensivstation war am Apparat. Er sagte mir, meine Tochter habe erneut einen Suizidversuch unternommen, ich sollte so schnell es geht in die Klinik kommen, man könne nicht sagen, ob sie den Suizidversuch überlebt.  

Ich war fassungslos. Alles, wirklich alles mir Mögliche hatte ich unternommen, um sie zu unterstützen, zu motivieren, sie aufzubauen, ihr zu zeigen, dass das Leben weitergeht und noch so viel Schönes bereithält. Damit wollte ich ihr die Botschaft geben: «Ich bin bei dir und begleite dich, auch wenn es schwierig ist.» Und jetzt das? Was war passiert? Ich fühlte mich am Boden zerstört. 

Die Krankheit Depression ist so fürchterlich, weil die Angehörigen nicht erkennen können, wie weit Betroffene im Abgrund stecken, der schwarze, tiefe nicht endend wollende Tunnel (mehr zum Thema Depression lesen Sie hier). Sie überlebte auch diesen Suizidversuch und musste sich langwierigen psychiatrischen Behandlungen unterziehen.  

Ein Rückblick und Umgang mit Gefühlen

Diese Dramen liegen heute einige Jahre zurück. Für die Verarbeitung des Traumas habe ich sehr lange gebraucht. Noch heute erlebe ich Momente, in denen das Gefühl der Angst und der Ohnmacht vor dem Rückzug meiner Tochter zurückkommt. Eine Zeit, in der kein oder kaum ein Herankommen an sie ist, was das Gefühl der Sorge immer stärker werden lässt. Dieses Gefühl wird manchmal so stark, dass es beispielsweise die Konzentration auf meine Arbeit erschwert. Die Leistungsfähigkeit wird beeinträchtigt. Die Lebensfreude und Eigenmotivation bleibt auf der Strecke. Um negative Gefühle zu verarbeiten, nutze ich das Schreiben oder den Austausch mit anderen Betroffenen. Es klärt den Geist und setzt damit neue Energie für alle Aufgaben im Alltag frei.

Achtsam auf die Zeichen und Signale schauen

eine Frau mit gesenktem Kopf und Buch im dunklen Wald | © pixabay

Bei einem an Depressionen erkrankten Menschen ganz besonders achtsam auf Zeichen des Rückzuges schauen. Bild: Pixabay

Dieser Moment des Erkennens der Zeit des Rückzuges des Kindes oder anderen Angehörigen ist in zweierlei Hinsicht wichtig, sich bewusst zu machen. 

Zum einen heisst es, bei bestätigtem Verdacht einer erneuten Depression, alle vertrauten Personen im näheren Umfeld des Betroffenen, also Angehörige, Freunde oder auch ärztliches Fachpersonal zu sensibilisieren – um einen erneuten Suizidversuch zu verhindern. 

Zum anderen ist auch die eigene Reflexion sehr wichtig. Das heisst, die Angst oder Panik davor führt Sie selbst in die Krankheit. Stattdessen machen Sie sich bewusst, dass Sie selbst es nicht hundertprozentig verhindern können, wenn ein an Depressionen erkrankter Mensch nur etwas mehr dem Leben abgewandt als zugewandt den Freitod sucht. Mit anderen Worten, wenn die Kraft zu Gehen stärker ist, als die Kraft am Leben zu bleiben, haben Angehörige kaum eine Chance, einen Suizid Ihres geliebten Kindes zu verhindern. 

«Achten Sie bei der Begleitung Ihres Kindes vor allem auch auf Ihre Gesundheit und Ihr inneres Gleichgewicht»
Kerstin M., Betroffene

Achtsamkeit sich selbst gegenüber

Selbst wenn Sie noch so viel Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit Ihrem an Depressionen erkrankten Kindes gegenüber aufwenden: einen Suizid zu verhindern, das gelingt nicht einmal einer Fachperson. Das bedeutet für Sie: Achten Sie bei der Begleitung Ihres Kindes vor allem auf Ihr inneres Gleichgewicht, Ihre Gesundheit, ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und grenzen auch Sie sich ab, denn Sie haben ein Recht auf Ihr eigenes Leben. Geraten Sie nicht unnötig in Schuldgefühle, das ist eine Falle, aus der Sie sich nur mühevoll wieder herausmanövrieren können. Machen Sie sich immer bewusst, dass Sie alles Mögliche für Ihr Kind tun und getan haben. 

Weitere Informationen für Eltern

Tipps für mentales Wohlbefinden lesen Sie hier.


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