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«Heute gibt es keine bösen Lebensmittel mehr»

Tamara Weber litt jahrelang unter verschiedenen Essstörungen. Heute kann sie alles essen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Der Weg von «bösen» zu «neutralen» Lebensmitteln war lange.

Tamara Weber hat schwarze lange Haare, trägt ein weisses Oberteil und lächelt in die Kamera. Im Hintergrund ist ein Zug und mehrere Gebäude zu erkennen. | © Stiftung MyHandicap / EnableMe

Tamara Weber litt jahrelang an Essstörungen. Heute hilft sie anderen. (Stiftung MyHandicap / EnableMe)

Tamara, hast du früher immer über das Thema Essen nachgedacht?

Ja definitiv! Wenn ich morgens aufgewacht bin und die Augen geöffnet habe, war das Thema Essen mein erster Gedanke. Und abends, wenn ich mich ins Bett gelegt und die Augen zum Schlafen zugemacht habe, war es mein letzter Gedanke. 24 Stunden des Tages dachte ich nur über Essen nach. 

Also war deine Essstörung dein ständiger Begleiter?

Ja, das war sie. Ich sage immer, die Essstörung war wie meine beste Freundin. Ich hatte ja nichts anderes im Leben,  konnte keine Beziehung führen, weder zu anderen, noch zu mir selbst. Aber ich hatte die Essstörung, mein erster und letzter Gedanke des Tages. Sie war immer für mich da und hat mich sehr lange begleitet. Sie ging mit mir durch dick und dünn und war alles, was ich hatte. 

Welche Auswirkungen hatte das in deinem Alltag?

Die Essstörungen hatten folgende Auswirkungen: Ich hatte grosse Schwierigkeiten, Beziehungen zu führen, Freundschaften zu pflegen und einer Arbeit nachzugehen. Ich rannte vor allen Problemen davon, ich flüchtete. Kaum habe ich gemerkt, dass mir etwas nahekommt, habe ich Angst bekommen. Ich habe einen Kontrollverlust verspürt und bin den Rückzug angetreten. Aus diesem Grund habe ich mich Zuhause isoliert und mich nur noch mit meiner Essstörung beschäftigt. Ich habe kaum noch am Leben teilgenommen, vor lauter Angst habe ich das Leben kaum noch gelegt. Durch diese Selbstisolation bin ich schliesslich immer mehr vereinsamt.  

Hast du damals Restaurants besucht?

Nein, während meiner Essstörung habe ich nie ein Restaurant besucht. All die Einladungen zu Geburtstagen,  zu Familienfeiern und anderen Anlässen haben Panik in mir ausgelöst. Ich hatte Angst vor Kontrollverlust und habe mich gefragt, was es wohl zu essen gibt und wie viel. Ob ich den Überblick über die Kalorien habe und diese überhaupt noch zählen kann. Darum habe ich von vornherein schon alles abgesagt. Ich habe viele Lügen aufgetischt, als Essgestörte bist du natürlich sehr manipulativ unterwegs. Man versteckt sich und weiss genau, welche Rolle man spielen muss, um sich gewisse Themen vom Hals zu halten. Ich habe dann zum Beispiel immer gesagt, dass ich schon gegessen habe oder verabredet bin. Nur, damit ich nicht in ein Restaurant gehen musste und mich weiterhin in meinem stillen Kämmerlein mit meiner Essstörung beschäftigen konnte.  

Hattest du nach dem Essen immer ein schlechtes Gewissen?

Ja, das hatte ich. Ihr müsst euch das so vorstellen: Ich habe ja wirklich nicht viel gegessen, aber schon wegen diesem Bisschen habe ich mich jedes Mal schlecht geführt. Ich habe immer gedacht: «Wenn ich das jetzt esse, werde ich so, so dick. Und wenn ich dick bin, dann hat mich sowieso niemand mehr lieb.» Darum hatte ich beim Essen immer das Gefühl, zu versagen und meine eigene Regel zu brechen. Die Strafe dafür war das schlechte Gewissen.

Und wie oft standest du auf der Waage?

Täglich. Direkt nach dem ich die Augen aufgeschlagen habe, war das mein morgendliches Ritual. Ich musste überprüfen, ob ich auch nur ein Gramm zugenommen habe. Die Waage war ein wichtiges Werkzeug für mich. Sie hat mir erlaubt, mein Gewicht regelmässig zu kontrollieren. 

Und wie hat sich das angefühlt?

Mich ständig zu wiegen, hat dafür gesorgt, dass ich die Kontrolle behalten konnte. Die Kontrolle darüber, nicht zu versagen und darüber, weiterhin abzunehmen und das auch anhand der Zahlen zu sehen. Das gab mir Sicherheit im Leben. Sicherheit, die ich in ganz vielen anderen Bereichen nicht hatte. Durch die Waage konnte ich das kompensieren. Die Zahl, die dort stand, hat mir Bestätigung gegeben, dass ich auf dem richtigen Weg bin, dass ich super bin und eine Leistung vollbringe. Ich dachte, ich hebe mich von anderen ab, weil ich diese Disziplin an den Tag lege, die viele andere nicht haben. Das alles gab mir ein sehr gutes Gefühl. Wenn das Gewicht aber gestiegen ist, hatte ich das Gefühl, versagt zu haben. Es hatte beide Polaritäten in sich. Einerseits ein gutes Gefühl, wenn ich das Ziel erreicht habe und das Gewicht gesunken oder gleich geblieben ist und ein schlechtes, wenn ich zugenommen und das Ziel nicht erreicht habe. 

Das klingt anstrengend. Hast du dir denn nie ein Leben ohne Essstörung gewünscht?

Nein, lange habe ich mir kein Leben ohne Essstörungen gewünscht. Ich habe mich an die Essstörung geklammert, ich wollte ein Teil von ihr sein. Sie war ein Teil meiner Identität. Ich habe mich über sie definiert, ich war die Essstörung. Und wie ich gesagt habe: Die Essstörung war meine Freundin. Darum wollte ich sie lange nicht loswerden. Denn wenn die Essstörung weg gewesen wäre, hätte ich gar nichts mehr gehabt. Deshalb konnte ich viele Jahre nicht loslassen. Lieber blieb ich in meiner Opferrolle und badete in Selbstmitleid. Aber irgendwann kam der Tag x, an dem ich das alles hinter mir lassen konnte. Das war aber ein sehr langer Prozess. 

Wann hast du gemerkt, dass du deine Essstörung behandeln lassen musst?

Es war irgendwann im Winter, damals noch in Chur. Ich war in der Altstadt unterwegs und da hatte es eine Telefonkabine. Damals gab es das noch. Ich rief von dort aus bei einer Notfallhotline an und gab mich als die Freundin einer essgestörten Person aus. Ich sagte: «Ich habe eine Freundin, die wird immer dünner. Was ist mit ihr los, was passiert da gerade mit ihr?» Damals wusste ich ja noch gar nicht, dass ich eine Essstörung habe oder was das überhaupt ist. Vor zwanzig Jahren habe ich das nicht realisiert. Die Frau am Telefon sagte zu mir: «Wenn deine Freundin mit dieser Körpergrösse und diesem Gewicht so weitermacht, wird sie sterben.» Ich habe den Hörer aufgelegt und musste erst einmal zu mir kommen. Ich stand draussen im Schnee und musste erst begreifen, was diese Frau mir da eben gesagt hat. Als ich realisierte, dass ich sterben könnte, wurde bei mir ein Schaler umgelegt. Ich habe verstanden, dass etwas nicht stimmt mit mir, dass es nicht der Norm entspricht und nicht gesund ist, wie ich lebe. Das war so eine Art Schlüsselmoment für mich. 

Was waren die Lösungsansätze für die Behandlung deiner Essstörung?

Für mich gab es nicht nur einen Lösungsansatz. Es gab keine Wunderpille, dich ich schluckte und am nächsten Tag war ich geheilt. Auf meinem Weg gab es ganz viele verschiedene Ansätze, die mir bei der Heilung geholfen haben. Einerseits  musste ich lernen, meine Bedürfnisse kennenzulernen und diese auch zu äussern. Andererseits, Grenzen zu setzen und «Nein» zu sagen, ohne mich schlecht zu fühlen. Ich habe gelernt, mit schwierigen Emotionen umzugehen und diese auf gesunde Weise zu bewältigen. Etwas sehr Wichtiges und Hilfreiches war, zu lernen, über meine Probleme und negativen Gefühle zu sprechen. Lange habe ich aus Scham nicht über meine Essstörungen gesprochen. Aber ich musste lernen, auch über Schwächen zu reden. Das hat mich gestärkt. Hilfreich war auch, mich mit Menschen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich. Menschen, die auch eine Essstörung hatten, geheilt sind und heute ein befreites Leben führen können. Mit diesen Menschen durfte ich mich austauschen und von ihnen lernen. Dieser Austausch auf Augenhöhe hat mir am meisten gebracht. 

Und was ist die häufigste Ursache für eine Essstörung?

Es gibt verschiedene Faktoren. Wenn ich mich festlegen muss, ist sicher ein tiefes Selbstbewusstsein eine der Hauptursachen. Eine andere Ursache kann Perfektionismus sein oder wenn man nicht gelernt hat, mit negativen Gefühlen umzugehen. Wird einem nicht beigebracht, mit schwierigen Emotionen gut umzugehen, versucht man diese mit einer Essstörung zu betäuben, sodass man diese Gefühle nicht spüren muss. Es gibt aber noch viele andere Faktoren. Ich vergleiche das immer mit einem Glas, das je nach Lebenssituation unterschiedlich gefüllt ist. Wenn das Glas voll ist, explodiert es und das Wasser spritzt umher, wie bei einem Vulkanausbruch. Und verschiedene Faktoren führen zu ebendiesem Ausbruch. Das kann auch mit den Genen zu tun haben. Menschen mit Essstörungen haben oft in mehreren Generationen Verwandte, die eine Suchtproblematik haben. Dann kommt hinzu, wie ein Mensch aufgewachsen ist, ob es eine familiäre Dysfunktionalität gab. Um zur Frage zurückzukehren: Essstörungen haben mit Dysfunktionalität, Bindungsstörungen und einer Störung der Autonomie zu tun. Wenn Eltern einem Kind weder Wurzeln noch Flügel mitgeben oder ihrem Kind keine bedingungslose Liebe vermitteln, lernt es, dass Anerkennung mit Leistung verknüpft ist. Gekoppelt mit erblichen Faktoren ist das eine schwierige Ausgangssituation. Wird das Kind dann in der Schule gemobbt oder sieht auf Social Media oder in einschlägigen Fernsehsendungen wie «Germany's Next Topmodel» all die schlanken Menschen, füllt sich das vorhin erwähnte Glas immer mehr. Kann das Mädchen oder der Junge diesem Druck nicht standhalten, explodiert das Glas. Die Schmerzgrenze ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. In der Kernstruktur ist eine Essstörung aber immer ein durch Traumata ausgelöstes Selbstwertproblem und eine Bindungs- und Autonomiestörung. 

Eine letzte Frage noch: Kannst du heute alles essen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

Ja, heute esse ich alles, ohne ein schlechtes Gewissen. Ich bin geheilt und habe Frieden mit mir selbst und meinem Körper geschlossen. Ich konnte auch Frieden mit allen Nahrungsmitteln schliessen. Es gibt keine «bösen» oder «schlechten» Esswaren mehr, für mich sind alle Lebensmittel neutral. Ich kann wieder Restaurants besuchen und es geniessen. Und ich kann Zuhause etwas kochen und Einladungen mit Freude annehmen. Mittlerweile ist Essen etwas vom Schönsten für mich und ich kann wieder voll und ganz am Leben teilnehmen. 

Tamara Weber ist eine unserer Fachpersonen zum Thema Essstörungen und Genesungsbegleiterin bei Essstörungen. Wir danken ihr für ihr Engagement.


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