Zeitpunkt des Auszugs

Sie begleiten Ihr Kind schon seit einigen Jahren und fragen sich, wie die Entwicklung weitergehen wird? Wann soll mein Kind ausziehen? Oder Sie würden sich eigentlich wünschen, dass Ihr Kind einmal auszieht, haben jedoch ein schlechtes Gewissen dabei und fragen sich, wie Sie damit umgehen sollen? Und wenn Sie innerlich eine Entscheidung getroffen haben, fragen Sie sich, wie Sie das Thema Ausziehen mit Ihrem Kind ansprechen können? Unsere Fachexpertin Frau Stephanie M. Fritschi hat sich Ihren Fragen zum Thema gestellt.

Das sind sehr spannende Fragen. Auch wenn unser Jonas noch klein ist, ist das Thema Zeitpunkt des Auszugs ein Thema, das uns bereits begleitet und welches ich bei anderen Eltern mit grossem Interesse verfolge und wichtige Informationen dazu bekomme. Die Antwort auf das Wann? und Wie? ist wohl so vielfältig, wie die Familien selbst. Je nach Behinderung des Kindes, muss das Thema individuell angegangen werden.

Für mich liegt der Schlüssel bei den Eltern, indem sie – womöglich bereits, wenn das Kind ganz klein ist (so war es bei uns der Fall) – zur Erkenntnis gelangen, dass sie nicht in alle Ewigkeit die Pflegenden und Betreuenden ihres Kindes sein werden. So kann man, wie man das mit anderen Kindern auch macht, schon früh über die «selbständige» (damit meine ich familienlosgelöste) Zukunft sprechen. Wie, wo und mit wem wird das Kind wohl dereinst wohnen? Mit einem «normalen» Kind träume ich ja auch: Wird es dereinst in der Studenten-Wohngemeinschaft wohnen, wird es heiraten, hat es eine Wohngemeinschaft mit Freunden und Freundinnen? Vielleicht schaut man mit einem Kind mit Handicap eine Dokumentation über Begleitetes Wohnen, vernetzt sich mit Eltern, die bereits einige Jahre ältere Kinder haben, welche zum Beispiel in einer Institution eine Ausbildung machen. Gerade der Punkt des Ausbildungsbeginns ist oft ein guter Zeitpunkt, den man für den Auszug fokussieren kann, da die ideale Ausbildungsstätte ja selten direkt vor der Haustür liegt und das Kind als Teenager losgelöst von «Mama und Papa» zum jungen Erwachsenen mit anderen Freiheiten heranwachsen darf. Durch das Schaffen von Perspektiven und das Sprechen darüber, manifestiert sich dieser Gedanke ans eigenständige Leben über die Jahre und der Schritt wird nicht zu einer «Feuerwehrübung» aus Erschöpfung heraus oder zum schrecklichen Akt, sondern der Zeitpunkt des Auszugs als ganz normaler Lauf des Lebens eintreten.

Bei schwerstpflegebedürftigen Kindern erlebe ich die «Feuerwehrübung» öfters. Es wird gepflegt, bis weit über die Belastungsgrenze hinaus, der Eintritt in eine andere Wohnform ist dann mit viel Weinen und Versagensgefühlen verbunden. Es wäre wichtig, dass Eltern unterstützt werden, den Zeitpunkt des Auszugs früh zu planen und zu organisieren und hin zur Erkenntnis, dass sie diese Pflegeleistung nicht über Jahrzehnte werden leisten können. Dazu rate ich Eltern mit Problemen im Loslassen, welche vom schlechten Gewissen geplagt werden, sich psychologisch begleiten zu lassen.
 
Ich (und dies ist auch die Haltung der Institutionen) erlebe es als positiv, wenn man schon in früheren Jahren das externe Schlafen oder Wohnen Schritt für Schritt angeht. Einerseits wird es so zu einem vertrauten Teil des Lebens des Kindes, andererseits wächst das Vertrauen in externe Pflege bei den Eltern. So verliert auch die Vorstellung an Schrecken, dass das Kind eines Tages auszieht und woanders sein zu Hause finden wird.

Schritt für Schritt | © Unsplash

Es wird als positiv erlebt, wenn man schon in früheren Jahren das externe Schlafen oder Wohnen Schritt für Schritt angeht. (Foto: Unsplash)

Zurück zu den Kindern, welche kognitiv aufgestellter sind, eventuell sogar mitsprechen können

Nebst der inneren Haltung der Eltern und dem Vorbereiten über Jahre, finde ich beim konkreten Schritt des Auszugs Hilfe von aussen nützlich. In einigen Sitzungen bei einer*m Psychologin*en im Sinne einer Familientherapie kann Raum entstehen, wo alle Beteiligten ihre Bedürfnisse äussern dürfen, die Eltern bestärkt werden im Loslassen. 

In diesem Raum sollte dem Kind aufgezeigt werden, dass es nicht so ist, dass die Eltern es nicht mehr gern haben, sondern das der Auszug dem natürlichen Lauf der Dinge entspricht. Möglichkeiten, Freiheiten, Entwicklungspotenzial werden vor Augen geführt und Regeln für die neue Art von Familienleben aufgestellt, beispielsweise wieviel Besuche oder Anrufe, keine oder welche Hilfe noch durch die Eltern passieren dürfen. Viele «besondere» Kinder mögen Regeln und Abmachungen, da sie ihnen Halt und Routine geben. Vielleicht ist es hilfreich, die externe Fachperson auch im Start des «neuen Wohnens» beizubehalten, um gewisse Anfangsschwierigkeiten zu reflektieren und gemeinsam Lösungen zu finden.

Eine gute Anlaufstelle in schwierigen Übergangssituationen ist die Sozialberatung der ProInfirmis, welche darüber hinaus auch beraten bezüglich: Begleitetem Wohnen, Organisation von Assistenz, hindernisfreiem Bauen, Institutionen, Wohnschulen sowie Freizeitangeboten.

Um nochmals auf das «Wann» zu kommen, möchte ich zusammenfassend sagen:

«Unsere Kinder haben genauso ein Recht auf ein eigenes Leben wie andere. Darum plädiere ich für einen Auszug im jungen Erwachsenenalter.»
Ein Mann und eine Frau in einer Beziehung sitzen zusammen mit einem Mops dazwischen. | © pixabay

Junge Erwachsene wünschen sich, das Potential, was in ihnen steckt, frei entfalten zu können, unabhängig von ihrer Konstitution. (Foto: Pixabay)