Foto von Noémie, die ihre Depression akzeptiert und mit ihr koexistiert. | © Noémie Walser

Mit einer Depression leben und mit ihr koexistieren – Interview mit Noémie Walser

Noémie arbeitet als Fachmitarbeiterin Recovery bei Pro Mente Sana und hat über drei Jahren einen Blog zum Thema psychische Gesundheit und Depression gepflegt. Mit ihrem Blog möchte sie Mut machen und eine neue Sichtweise aufzeigen. Ihre eigene Geschichte hat sie gelehrt sich und ihre Krankheit zu akzeptieren und mit ihr zu koexistieren. Sie versucht ihren Alltag so gut wie es geht zu entschleunigen und achtsam zu leben. Im Gespräch erzählt sie von ihren Erfahrungen mit ihrer Depression.

Du führst einen eigenen Blog. Was hat dich dazu motiviert?

Ich bin und war immer selbst sehr gerne auf Blogs. Erfahrungsberichte finde ich sehr spannend. Häufig waren Blogs zum Thema psychische Gesundheit und Depression aber sehr schwer und düster dargestellt. Deshalb habe ich für mich beschlossen, mit mehr Humor an das Thema heranzugehen, da mir dies bislang gefehlt hat. Ausserdem schreibe ich sehr gerne und konnte so meine Themen verarbeiten und andere sensibilisieren. Aber immer ganz ungezwungen. Dass ich viel positives Feedback erhalten habe, hat mich dazu motiviert den Blog über drei Jahre sehr regelmässig zu pflegen.

Was möchtest du deinen Leser*innen mit deinem Blog mitgeben?

Ich möchte vor allem mitteilen, dass ein Leben auch mit Schlaglöchern, Buckelpisten und Umwegen weitergehen kann und man diese Schwierigkeiten auch nicht ausklammern darf. All dies gehört zum Leben dazu. Verschiedene Gefühle, Gefühlslagen und depressive Phasen kommen meist nicht aus heiterem Himmel, sondern haben System. Wenn man diese annimmt, aber auch hinterfragt, kann man manchmal einen Schritt weiterkommen.

«Auch mit einer Depression kann man gut leben.»
Noémie Walser

Ich will damit sagen, dass solche Lebensphasen nicht einfach nur schwer sind, sondern man auch mit einer Depression gut leben kann. Man kann auch koexistieren mit der Krankheit. Wenn man zum Beispiel einen schwierigen Tag hatte, dann kann man diesen auch einfach als schwierig akzeptieren und dann, nach ein paar Tagen, wenn die schwerste Zeit überstanden ist, kommt wieder eine Besserung.

Was hat dir sonst noch geholfen schwierige Zeiten zu meistern? Was hat dir persönlich gutgetan?

So ganz generell ist das schwierig zu sagen. Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich immer auf einer Selbstverbesserungs-Schiene war. Nach dem Motto: höher, weiter, schneller. Ich hatte hohe Ansprüche an mich selbst und hatte das Gefühl, dass auch andere diese Ansprüche an mich haben. Mich so zu akzeptieren, wie ich bin und mich nicht permanent verändern zu wollen, war deshalb sehr wichtig für mich und hat mein Leben viel besser gemacht. Auch wenn dieser Schritt natürlich nicht so populär ist. Die meisten streben ja nach einer besseren Version von sich selbst – oder hat man wenigstens den Eindruck.

Neben dieser Akzeptanz haben mir aber auch noch viele andere Dinge geholfen. Wie zum Beispiel das Zusammenspiel von Bewegung und Therapie und mein Sicherheitsnetz ausserhalb der Therapiesitzungen – meine Familie, meine Freunde, meine sozialen Kontakte. Aber auch Perspektiven und Ziele setzen in mir Energie frei – seien es berufliche oder private.

Während deiner ersten Krise warst ja noch sehr jung. Welcher Faktor hat bei dir die Pubertät gespielt?

Mehrere Komponenten haben zur Krise beigetragen, aber die Pubertät hatte es sicher beschleunigt. Bereits in jungen Jahren hatte ich hohe Ansprüche an mich selbst und verglich mich anderen. Perfektionismus war sehr prägend für mich. Ich habe zwar verschiedene Bücher darüber gelesen, aber für mich das war alles nichts. Ich musste für mich selbst lernen gelassener zu werden. Mein Motto war: «chill deine Basis». Das Leben besteht nicht nur aus Rumrennen. Seither habe ich Entschleunigung betrieben und versucht mich nicht immer von aussen zu betrachten oder zu beurteilen, sondern mich mehr von meinem Gefühl leiten zu lassen. Das heisst beispielswiese, dass ich zu beruflichen Projekten auch mal «Nein» sage und Sport treibe, ganz ohne GPS-Tracking.

Wie geht es dir heute?

Mir geht es heute zum Glück sehr gut. Ich bin sehr begeisterungsfähig und packe verschiedene Projekte an. Ich bin aber auch dankbar für alles was ich habe und erreicht habe. Denn vor fünf Jahren hatte ich meine letzte Panikattacke und dahin möchte ich nicht mehr zurück. Aufgrund meiner Erfahrung kann ich selbst zurückstecken. Heute weiss ich, dass ich zuerst wieder Platz schaffen muss, damit ich etwas Neues starten kann. Ich bin mehr bei mir selbst angekommen. Ich bin neugierig, hinterfrage aber auch Dinge im Leben.

«Luft, Essen und Schlaf ist alles was ich brauche.»
Noémie Walser

Das Leben im hier und jetzt ist bei mir zentral. Ich habe gelernt mich auf das Wesentliche zu kontrieren. Im Grunde ist alles was ich brauche: Luft, Essen und Schlaf. Luft und Schlaf ist erst noch gratis. Richtiges Atmen hilft mir generell sehr stark.

Welche Erfahrungen machst du mit deiner Lebenseinstellung, zum Beispiel bei der Arbeit?

Wenn ich mal ein berufliches Projekt absagen muss, bin ich wie auf Nadeln. Aber ich bin sehr dankbar, dass meine Arbeitskolleg*innen sehr gut damit umgehen. Jede verständnisvolle Antwort bestärkt mich in meinem Weg und gibt mir ein gutes Gefühl.

Was rätst du junge Menschen, ihren Eltern und deren Umfeld, die in einer ähnlichen Krisen-Situation sind, wie du es warst?

Ich bin kein Fan von Tipps und Tricks, da jeder Mensch anders ist. Das Wichtigste erscheint mir aber, auf sein Gefühl zu hören und dieses ernst zu nehmen. Und vor allem, einen Weg zu finden dieses Gefühl anderen mitzuteilen. Sich Hilfe zu holen – auch professionelle Hilfe – ist sehr wichtig, egal ob per Telefon, E-Mail, Whatsapp, Brief oder einem Gespräch.

Aus eigener Krisenerfahrung weiss ich, dass es sich auch lohnt abzuwarten und während einer Krise nicht auch noch Entscheidungen zu treffen. Es lohnt sich die Krise Schritt für Schritt zu bewältigen. Der erste Schritt kann die Bewältigung der nächsten zwei Stunden sein – oder auch nur der nächsten vier Minuten. Wichtig ist auf jeden Fall während einer Krise nicht gleich das ganze Leben umkrempeln zu wollen und sich selbst gegenüber milde zu sein.

Noémie Walser arbeitet als Fachmitarbeiterin Recovery bei Pro Mente Sana. Wir danken Noémie für ihr Engagement und das Interview.