Als Betroffene oder Betroffener von Multipler Sklerose haben Sie die Wahl zwischen unterschiedlichen Therapieformen: Tabletten, Spritzen oder Infusionen. Dieser Artikel erklärt die verschiedenen Darreichungsformen verständlich und hilft Ihnen, gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam die richtige Entscheidung zu treffen.
Die drei Säulen der MS-Behandlung
Die Behandlung von Multipler Sklerose ruht auf drei Säulen, die unterschiedliche Ziele verfolgen und sich gegenseitig ergänzen.
Verlaufsmodifizierende Therapien (Basistherapie)
Diese Medikamente werden regelmässig eingenommen, um die Krankheitsaktivität langfristig zu reduzieren und Schübe zu verhindern. Die Wirkung zeigt sich nicht unmittelbar, sondern entfaltet sich über Monate und Jahre.
Symptomtherapie
Hier geht es um die Linderung konkreter MS-Symptome und die Vorbeugung von Folgebeschwerden. Je nach Symptomen kommen verschiedene Ansätze zum Einsatz: Medikamente gegen Spastik, Schmerzen oder Blasenprobleme, physiotherapeutische und ergotherapeutische Massnahmen sowie psychologische Unterstützung. Warum genau diese den Unterschied machen kann, erklärt med. pract. Markus Schneider in seinem Fachbeitrag «Psychische Gesundheit bei chronischen Erkrankungen».
Vielfach werden diese Therapien durch komplementärmedizinische Ansätze wie Akupunktur oder Homöopathie ergänzt. Auch regelmässige Bewegung und eine gesunde, ausgewogene Ernährung können helfen, MS-Symptome zu lindern und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern.
Schubtherapie
Ein Schub ist eine akute Verschlechterung, bei der neue neurologische Symptome auftreten oder sich bestehende Beschwerden wie Sehstörungen, Lähmungen oder Taubheitsgefühle deutlich verstärken. Diese Symptome halten mindestens 24 Stunden an und treten unabhängig von Fieber oder Infekten auf. Die Behandlung erfolgt meist als Infusion über drei bis fünf Tage im Spital und führt dazu, dass sich Symptome schneller zurückbilden. Die Schubtherapie ersetzt jedoch nicht die langfristige Basistherapie.
Die verschiedenen Darreichungsformen von MS-Medikamenten
Medikamente gegen Multiple Sklerose können auf vier verschiedene Weisen verabreicht werden:
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Oral: Durch den Mund eingenommen, also als Tablette oder Kapsel geschluckt
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Subkutan: Unter die Haut, also ins Unterhautfettgewebe gespritzt
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Intramuskulär: Durch die Haut und das Unterhautfettgewebe in den Muskel gespritzt
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Intravenös: In die Vene, zum Beispiel per Infusion in einer Praxis oder im Spital
Die Darreichungsform hängt grundsätzlich von der Zulassung des Produktes ab. So gibt es Medikamente, welche als Tablette oder Kapsel verfügbar sind, andere wiederum sind als Injektion, Pen oder als Infusion vorgesehen. Ihr Behandlungsteam wird Sie über Details zu Ihrem Medikament informieren.
Tabletten und Kapseln: die orale Therapie
Bei der oralen Therapie werden Tabletten oder Kapseln unzerkaut geschluckt. Die Wirkstoffe gelangen über den Magen-Darm-Trakt ins Blut und von dort auch ins zentrale Nervensystem. Je nach Medikament greifen sie unterschiedlich ins Immunsystem ein.
Vorteile der oralen Therapie
- Selbstständige Einnahme zu Hause
- Gut in feste Tagesroutinen integrierbar
- Einfach auf Reisen mitzunehmen
Nachteile der oralen Therapie
- Nicht geeignet bei bei MS-bedingten Schluckstörungen
- Regelmässige Einnahme nötig
- Regelmässige Kontrollen von Blutwerten oder Organfunktionen erforderlich
Mögliche Nebenwirkungen der oralen Therapie
Die Tabletten oder Kapseln können vor allem zu Beginn der Therapie zu Übelkeit oder anderen Magen-Darm-Beschwerden führen. Diese bessern sich manchmal, wenn die Medikamente zum Essen eingenommen werden. Manche Präparate vertragen sich besser mit dem Abendessen, andere mit dem Frühstück. Probieren Sie aus, was für Sie funktioniert.
Spritzen und Injektionen bei Multipler Sklerose
Einige Medikamente gegen Multiple Sklerose werden als Injektion verabreicht. Je nach Präparat erfolgt die Gabe unter die Haut oder in den Muskel.
Subkutane Injektionen
Bei einer subkutanen Injektion wird das Medikament mit einer feinen, kurzen Nadel ins Unterhautfettgewebe gespritzt, zum Beispiel in den Bauch oder in den Oberschenkel.
Intramuskuläre Injektionen
Vorteile von Injektionen
- Je nach Präparat selbstständig durchführbar
- Keine tägliche Einnahme nötig
- Umgehung des Magen-Darm-Trakts
Nachteile von Injektionen
- Angst oder Unbehagen vor Spritzen
- Falls keine Selbstanwendung möglich ist: Bindung an Praxis oder Klinik
- Zusätzliche Planung bei längeren Reisen
Mögliche Nebenwirkungen der subkutanen oder intramuskulären Injektion
Rötungen und leichte Schwellungen an der Einstichstelle kommen häufig vor. Kühlen Sie die Stelle nach der Injektion, um diesen entgegenzuwirken.
Bei einer intramuskulären Injektion wird das Medikament direkt in einen Muskel gespritzt, meist in den Oberschenkel.
Wie oft eine Injektion nötig ist und wie sie durchgeführt wird, hängt vom jeweiligen Medikament ab. Manche Präparate lassen sich mit einem Pen selbstständig zu Hause injizieren, andere werden in einer Praxis oder Klinik verabreicht. Ihr Behandlungsteam erklärt Ihnen die passende Methode und begleitet Sie bei der Anwendung.
Tipps von Betroffenen für Betroffene
Hilfreiche Informationen finden Betroffene auch in der Broschüre «Diagnose Multiple Sklerose», die in enger Zusammenarbeit mit MS-Patient:innen entstanden ist.
Infusionen bei Multipler Sklerose
Bei der intravenösen Therapie wird das Medikament als Infusion direkt in die Vene verabreicht. Infusionen finden ausschliesslich in Arztpraxen oder im Spital statt. Je nach Medikament erfolgt die Behandlung monatlich oder alle paar Monate.
Vorteile der Infusionstherapie
- Längere Therapiefreie Phasen (6 Monate)
- Betreuung durch Fachpersonal
Nachteile der Infusionstherapie
- Keine selbstständige Anwendung möglich
- Bindung an Praxis oder Klinik
- Einzelne Termine dauern länger
Mögliche Nebenwirkungen der Infusionstherapie
Infusionsbedingte Reaktionen wie Kopfschmerzen oder Schüttelfrost treten meist nur bei den ersten Behandlungen auf. Dennoch sollten Sie nach einer Infusion nichts Anstrengendes einplanen, sondern sich Ruhe gönnen.
Die richtige Therapie finden: Entscheidungskriterien
Welche Therapieform am besten zu Ihnen passt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Ihre Krankheitsaktivität bestimmt, ob moderate oder hochwirksame Medikamente nötig sind. Ihre Lebenssituation spielt eine zentrale Rolle, sind Sie beruflich stark eingebunden, viel unterwegs oder noch mitten in der Familienplanung? Auch Nebenwirkungen und Verträglichkeit müssen Sie mit Ihrem Behandlungsteam besprechen, denn jedes Medikament kann das Immunsystem, die Leber oder das Blutbild beeinflussen. Entscheidend ist zudem die Therapietreue: Die beste Therapie nützt nur, wenn Sie sie langfristig durchhalten können.
Den eigenen Weg finden
Die Wahl der richtigen MS-Therapie ist ein fortlaufender Prozess. Nehmen Sie sich Zeit für die Entscheidung, stellen Sie Fragen und holen Sie bei Unsicherheit eine Zweitmeinung ein. Sprechen Sie mit Ihrem Behandlungsteam offen über Ihre Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen. Für das Gespräch mit Fachpersonen können Sie sich an den folgenden Fragen orientieren:
- Welche Therapieziele sind bei meinem Verlauf realistisch?
- Welche Therapie passt zu meinem Leben?
- Welche Darreichungsformen kommen für mich infrage?
- Wie häufig muss ich das Medikament nehmen oder verabreichen?
- Kann ich die Therapie selbstständig zu Hause durchführen?
- Mit welchen Nebenwirkungen muss ich rechnen?
- Welche Kontrolluntersuchungen sind notwendig und wie oft?
- Welche Auswirkungen hat die Therapie auf die Familienplanung?
- Was passiert, wenn die Therapie nicht ausreichend wirkt?
Auch der Austausch mit anderen kann sehr wertvoll sein, um von deren Erfahrungen im Umgang mit der Therapie und den Herausforderungen im Alltag zu profitieren.
Darüber sprechen hilft
Ein Leben mit Multipler Sklerose bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Sie sind jedoch nicht alleine! Sich mit anderen Betroffenen auszutauschen hilft, neue Lösungen und Perspektiven zu finden. Teilen Sie Fragen und Herausforderungen bei einem persönlichen Peer-Austausch oder stellen Sie Ihre Fragen anonym und kostenlos in unserer Community.
Gemäss der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft leben mehr als 10'000 Menschen in der Schweiz mit MS. Sie sind also nicht allein! Und Sie müssen nicht allein entscheiden, welche Therapie die richtige für Sie ist. Holen Sie sich Unterstützung, medizinisch und menschlich.
FAQ: Häufige Fragen zu MS Medikamenten
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Welche Medikamente gibt es bei MS, und wie wirken sie?
In der Schweiz sind verschiedene MS-Medikamente zugelassen. Sie beeinflussen das Immunsystem unterschiedlich, z.B. durch Hemmung bestimmter Immunzellen oder indem sie Entzündungszellen am Eindringen ins Gehirn hindern. Eine Übersicht aller in der Schweiz zugelassenen Medikamente finden Sie bei der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft.
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Was sind die Unterschiede zwischen verlaufsmodifizierenden und schubbehandelnden Therapien?
Verlaufsmodifizierende Therapien (auch Basistherapie genannt) nehmen Sie regelmässig ein, um die MS langfristig zu bremsen. Die Schubtherapie hingegen kommt bei akuten Schüben zum Einsatz und stoppt akute Entzündungen.
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Wie funktioniert die Anwendung: Tabletten, Spritzen, Infusionen?
Tabletten schlucken Sie täglich oder mehrmals wöchentlich zu Hause. Bei Spritzen erfolgt die Injektion je nach Präparat und Situation selbstständig oder durch Fachpersonal. Infusionen erhalten Sie in der Praxis oder Klinik. Vor- und Nachteile jeder Form sollten mit dem Behandlungsteam besprochen werden.
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Welche Rolle spielt die persönliche Lebenssituation bei der Wahl der Therapie?
Eine sehr grosse! Alltag, Beruf, persönliche Präferenzen und Zukunftspläne spielen eine wichtige Rolle. Die beste Therapie ist die, die zu Ihrem Leben passt und die Sie langfristig akzeptieren können.
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Kann ich die Therapie unterbrechen, wenn ich mich gut fühle?
Nein, das ist keine gute Idee. MS-Medikamente wirken vorbeugend. Sie verhindern neue Schübe und Entzündungen. Wenn Sie sich gerade gut fühlen, dann vielleicht gerade wegen der Medikamente. Wenn Sie die Therapie unterbrechen, steigt das Risiko für einen Schub oder für neue Läsionen im Gehirn. Sprechen Sie immer mit Ihrer Neurologin oder Ihrem Neurologen, bevor Sie Änderungen vornehmen.
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Was passiert, wenn ich eine Dosis vergessen habe?
Ob Sie eine vergessene Dosis nachholen können, hängt vom Medikament ab. Holen Sie die Dosis nach, sobald Sie daran denken, ausser die nächste ist fast fällig, dann lassen Sie sie besser aus. Nehmen Sie niemals die doppelte Dosis. Genaue Anweisungen erhalten Sie von Ihrem Behandlungsteam.
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Kann ich mehrere MS-Medikamente gleichzeitig nehmen?
Nein, verlaufsmodifizierende Therapien werden nicht kombiniert, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Zusätzliche Präparate gegen spezifische MS-Symptome wie Spastik oder Fatigue sind jedoch möglich und in der Regel gut kombinierbar.
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Was, wenn ich mir eine Familie und Kinder wünsche?
Ein Kinderwunsch und Multiple Sklerose schliessen sich nicht aus. In dieser Broschüre finden Betroffene hilfreiche Informationen zum Thema.