Kinderwunsch und Schwangerschaft mit Multipler Sklerose
Familienplanung und Schwangerschaft mit Multipler Sklerose wirft bei vielen Frauen Fragen auf. Was muss ich beachten? Wie wirkt sich die Krankheit auf mein Baby aus? Und wie reagiert mein Körper auf die Veränderungen?
Schwangerschaft und Familienplanung ist auch mit einer Erkrankung wie MS möglich. (Canva)
Die gute Nachricht zuerst: Ein Kinderwunsch und Multiple Sklerose schliessen sich nicht aus. Viele Betroffene erleben eine entspannte Schwangerschaft und bringen gesunde Kinder zur Welt. Entscheidend ist eine gute Planung und eine enge Zusammenarbeit mit dem medizinischen Team.
In diesem Artikel begleiten wir Sie durch die verschiedenen Phasen: vom Kinderwunsch über die Schwangerschaft bis zur Zeit mit Ihrem Baby. Wir zeigen Ihnen, wie Sie sich auf diesen besonderen Lebensabschnitt vorbereiten können.
Die Planung der Schwangerschaft
Starten Sie gut vorbereitet in Ihr Abenteuer: Eine Schwangerschaft mit MS erfordert zwar etwas Planung, ist aber sehr gut machbar. Nutzen Sie Ihr Wissen, um sicher und gelassen in diese aufregende Phase zu gehen.
Fruchtbarkeit bei Multipler Sklerose: was Sie wissen sollten
Gute Nachrichten für Ihre Familienplanung: Aus medizinischer Sicht hat die MS keinen negativen Einfluss auf Ihre biologische Fruchtbarkeit – Ihre Chancen auf eine Schwangerschaft sind genauso hoch wie bei Frauen ohne MS.
Sollten MS-bedingte Symptome jedoch Ihre Sexualität oder das Empfinden beeinträchtigen, sprechen Sie bitte Ihr Behandlungsteam vertrauensvoll an. Sie können Sie hier gezielt unterstützen. Ein weiterer wichtiger Baustein ist Ihr Vitamin-D-Spiegel: Da dieser die Fruchtbarkeit bei Frau und Mann nachweislich stärkt, empfehlen wir, ihn frühzeitig überprüfen und ggf. einstellen zu lassen. Denken Sie auch an eine frühzeitige Versorgung von Folsäure und Eisen, welche bereits in die Planung vor Eintritt einer Schwangerschaft dazu gehört- die passenden Präparate finden sich auch in Drogerie und Apotheke und sind mit Pränatalpräparate gekennzeichnet.
Der richtige Zeitpunkt für eine Schwangerschaft
Den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Ideal ist es aber, wenn Ihre MS gerade stabil ist, Sie also in den letzten Monaten keine Schübe hatten und Ihre Symptome unter Kontrolle sind. Bei aktiver Erkrankung oder wenn Sie gerade erst Ihre Therapie angepasst haben, kann es sinnvoll sein, noch ein bisschen zu warten.
Ist MS vererbbar?
Viele Eltern beschäftigt die Frage nach dem Risiko für den Nachwuchs. Die klare Antwort lautet: MS wird nicht direkt vererbt. Es gibt lediglich eine genetische Disposition, doch das tatsächliche Risiko für Ihr Kind ist erfreulich niedrig. Warum Gene nur ein kleiner Teil des Puzzles sind, erklären wir Ihnen ausführlich in unserem Artikel «Ist Multiple Sklerose vererbbar?»
Medikamentöse Therapie bei Kinderwunsch
Bestimmte MS-Medikamente können Sie bis kurz vor einer Schwangerschaft einnehmen. Während der Schwangerschaft selbst müssen die meisten Präparate pausiert werden. Allerdings sinkt das Schubrisiko in dieser Zeit durch die hormonellen Veränderungen ohnehin. Nach der Geburt können Sie einige Medikamente relativ zeitnah wieder einnehmen. Entscheidend ist, dass Sie bereits vor einer geplanten Schwangerschaft das Gespräch mit Ihrem Behandlungsteam suchen, um gemeinsam die für Sie passende Therapiestrategie festzulegen.
Eine Übersicht über die verschiedenen Behandlungsmethoden von Multipler Sklerose finden Sie übrigens im Artikel «Medikamente bei MS: Therapieformen im Vergleich».
Erstes Trimester (Woche 1 bis 12): Die ersten Wochen
Die ersten Wochen sind aufregend und gleichzeitig eine Zeit voller Veränderungen. Ihr Baby entwickelt sich rasend schnell. Gleichzeitig durchläuft Ihr Körper eine hormonelle Achterbahnfahrt. Auch Ihr Immunsystem passt sich an, es wird toleranter, damit das Baby nicht abgestossen wird. Diese Entwicklung wirkt sich oft auch positiv auf die MS aus.
Typische Beschwerden: MS oder Schwangerschaft?
Einige Symptome wie Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder häufiger Harndrang können sowohl von der Schwangerschaft als auch von der MS herrühren. Sprechen Sie bei Unsicherheiten mit Ihrer Gynäkologin oder Ihrem Gynäkologen.
Regelmässige ärztliche Kontrollen
Babyglück mit Multipler Sklerose
Hilfreiche Informationen finden Betroffene auch in der Broschüre «Vertrauen in die Zukunft: Familienplanung mit MS», die in enger Zusammenarbeit mit MS-Patient:innen entstanden ist.
Zweites Trimester (Woche 13 bis 27): Die ruhige Phase
Für viele Schwangere beginnt jetzt die sogenannte goldene Zeit. Die Anfangsbeschwerden lassen meist nach, der Bauch ist noch nicht zu gross und die Energie kommt zurück. Oft spüren Sie in dieser Phase die ersten Bewegungen Ihres Babys.
Weniger Schübe
Viele Frauen mit MS erleben während der Schwangerschaft deutlich weniger oder sogar gar keine Schübe. Ihr Immunsystem schützt das Baby und beruhigt dadurch auch die MS. Die grosse europäische PRIMS-Studie hat gezeigt: Im letzten Schwangerschaftsdrittel sinkt die Schubrate gar um über 70% im Vergleich zum Vorjahr.
Was Sie in dieser Phase beachten sollten
Auch wenn es Ihnen gut geht, hören Sie auf Ihren Körper. Diese Tipps können hilfreich sein:
- Bleiben Sie in Bewegung: Sanfte Aktivitäten wie Schwimmen, Spaziergänge oder Schwangerschaftsyoga tun Ihnen gut.
- Vermeiden Sie Überhitzung: Heisse Bäder, überheizte Räume oder Sport bei hohen Temperaturen sind nicht ideal.
- Nutzen Sie die stabile Phase: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um Dinge zu erledigen, die später anstrengender sein könnten, zum Beispiel das Einrichten des Kinderzimmers.
« Das Mama-Werden hat ungeahnte Stärke in mir hervorgebracht »
In Ihrem Erfahrungsbericht spricht Laura offen über ihre Schwangerschaft mit Multipler Sklerose. Ihr authentischer Text verdeutlicht, dass die Familienplanung dank guter ärztlicher Begleitung und Vertrauen auch mit MS-Diagnose selbstbestimmt möglich ist.
Drittes Trimester (Woche 28 bis 40): Die letzten Wochen
Im dritten Trimester steht die Geburt bevor. Der Bauch wächst deutlich, das spüren Sie auch körperlich.
Körperliche Belastung und MS-Symptome
Mögliche Herausforderungen
- Rückenschmerzen: Das zusätzliche Gewicht belastet die Wirbelsäule. Frühere Rückenprobleme können sich jetzt verstärken.
- Gleichgewicht: Durch den grösseren Bauch verändert sich Ihre Körperhaltung, was zu Gleichgewichtsstörungen führen kann.
- Müdigkeit: Viele Frauen werden wieder müder. In Kombination mit MS-bedingter Fatigue kann das besonders anstrengend sein.
- Blasenprobleme: Der Druck auf die Blase nimmt zu, Sie müssen öfter auf die Toilette.
Viele dieser Beschwerden sind normale Schwangerschaftssymptome. Trotzdem sollten Sie neue oder ungewohnte Veränderungen mit Ihrem Behandlungsteam besprechen.
Vorbereitung auf die Geburt
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um sich konkret auf die Geburt vorzubereiten: einen Geburtsvorbereitungskurs, die Kliniktasche packen, Unterstützung für die Zeit nach der Geburt organisieren. Auch ein Geburtsplan kann helfen, Stress zu vermeiden.
Dort können Sie zum Beispiel festhalten:
- Wo Sie entbinden möchten
- Wer Sie begleiten soll
- Welche Schmerzlinderung Sie bevorzugen
- Ob Sie direkt nach der Geburt stillen möchten
Geburt mit Multipler Sklerose
Die Geburt rückt näher. Vielleicht fragen Sie sich, ob MS Einfluss darauf hat, wie Sie Ihr Baby zur Welt bringen können.
Natürliche Geburt oder Kaiserschnitt?
Eine vaginale Geburt ist bei Multipler Sklerose in den meisten Fällen möglich. Ein Kaiserschnitt wird nur in bestimmten Situationen notwendig, etwa bei ungünstiger Lage des Babys, Komplikationen oder starker körperlicher Einschränkung.
Manche Frauen entscheiden sich aus Sorge vor Erschöpfung für einen geplanten Kaiserschnitt. Falls Sie das in Betracht ziehen: Die Erholung dauert meist länger als nach einer vaginalen Geburt. Sprechen Sie offen mit Ihrem medizinischen Team über Ihre Wünsche. Gemeinsam finden Sie den besten Weg für sich und Ihr Baby.
Schmerzlinderung
Nach der Geburt: Wochenbett und die ersten Monate
Ihr Baby ist da, herzlichen Glückwunsch! Die ersten Wochen mit dem Neugeborenen sind intensiv. Für Frauen mit Multipler Sklerose gibt es einige zusätzliche Punkte zu beachten.
Erhöhtes Schubrisiko und was dagegen hilft
Nach der Geburt normalisiert sich Ihr Immunsystem wieder, wodurch das Schubrisiko steigen kann. Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigt: Etwa 15 bis 30 Prozent der Frauen haben in den ersten drei bis sechs Monaten einen Schub, je nach MS-Aktivität vor der Schwangerschaft.
Was helfen kann:
- Eine frühzeitige Wiederaufnahme der Therapie
- Stressreduktion durch Hilfe im Alltag, Ruhepausen und realistische Erwartungen
- Eine Meta-Anlayse aus 2019 legt nahe, dass ausschliessliches Stillen in den ersten sechs Monaten das Schubrisiko nach der Geburt halbiert
Unterstützung im Alltag mit Baby
Die ersten Monate mit einem Neugeborenen sind anstrengend. Mit MS kann die Erschöpfung noch stärker sein. Deshalb ist Unterstützung wichtig:
- Partner:in und Familie: Teilen Sie die Aufgaben mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin. Oder bitten Sie Freunde und Familie um Hilfe.
- Wochenbettbetreuung: Klären Sie ab, ob Ihre Hebamme Hausbesuche macht.
- Realistische Erwartungen: Niemand erwartet Perfektion. Das Wichtigste ist, dass es Ihnen und Ihrem Baby gut geht.
Darüber sprechen hilft
Ein Leben mit Multipler Sklerose bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Sie sind jedoch nicht alleine! Sich mit anderen Betroffenen auszutauschen hilft, neue Lösungen und Perspektiven zu finden. Teilen Sie Fragen und Herausforderungen bei einem persönlichen Peer-Austausch oder stellen Sie Ihre Fragen anonym und kostenlos in unserer Community.
Stillen mit Multipler Sklerose
Stillen ist grundsätzlich möglich und kann positive Effekte haben. Unter den meisten Medikamenten kann nicht gestillt werden, es gibt jedoch eine Ausnahme. Ihr Behandlungsteam kann Sie hier bereits vor der Schwangerschaft beraten:
- Stillen und mit der Therapie warten, falls Ihr Zustand zuvor stabil war
- Auf das Stillen verzichten und die Therapie wieder aufnehmen
- Auf ein stillverträgliches Medikament umsteigen
Besprechen Sie diese Entscheidung bereits während der Schwangerschaft mit Ihrem Behandlungsteam. Es gibt keine «richtige» oder «falsche» Wahl, es gibt nur die Wahl, die für Sie stimmt.
Falls Sie aus medizinischen Gründen nicht stillen können, ist das in Ordnung, denn Flaschennahrung ist eine sichere Alternative.
Denken Sie immer daran: Für Ihr Baby ist es am wichtigsten, dass es eine gesunde und glückliche Mutter hat!
FAQ: Häufige Fragen zu Kinderwunsch und Schwangerschaft mit MS
-
Kann ich mit MS überhaupt schwanger werden?
Ja! MS hat in der Regel keinen Einfluss auf Ihre Fruchtbarkeit. Wichtig ist, dass Sie Ihren Kinderwunsch frühzeitig mit Ihrem Behandlungsteam besprechen, damit Ihre Medikation rechtzeitig angepasst werden kann.
-
Verschlimmert die Schwangerschaft meine MS?
In den meisten Fällen erleben Frauen während der Schwangerschaft weniger Schübe. Langfristig gibt es keinen negativen Einfluss auf den Verlauf der MS.
-
Was, wenn ich während der Schwangerschaft einen Schub bekomme?
Auch während der Schwangerschaft sind Behandlungen möglich. Ihr Neurologe bzw. Ihre Neurologin wird mit Ihnen die beste Vorgehensweise besprechen.
-
Kann ich mein Baby stillen?
Das hängt von Ihrer Medikation ab. Manche MS-Medikamente sind mit dem Stillen vereinbar, andere nicht. Besprechen Sie bereits während der Schwangerschaft mit Ihrem Behandlungsteam, welche Option für Sie die richtige ist. Wenn das Stillen medizinisch nicht möglich ist, ist das in Ordnung. Es gibt gute Alternativen.
Quellen:
-
Pregnancy and multiple sclerosis (the PRIMS study): clinical predictors of post-partum relapse
-
Association Between Breastfeeding and Postpartum Multiple Sclerosis Relapses
-
Stillen beeinflusst das Risiko von Rezidiven einer Multiplen Sklerose positiv
-
Impact of disease-modifying therapies on pregnancy outcomes in multiple sclerosis