Ein Paar liegt bedeckt auf einem Bett.  | © Pixabay

Hand in Hand in eine sexuelle Begegnung

Etwa seit Anfang dieses Jahrtausends können Menschen mit Behinderung die Dienste professionell ausgebildete Sexualbegleiter*innen in Anspruch nehmen. Ist das ein wichtiger Schritt zur Selbstbestimmung behinderter Menschen?

Jürgen* hat eine komplette Tetraspastik, seine Hände und Füsse sind zusätzlich eingeschränkt. Wie jeder Mensch hat er ein Bedürfnis nach Sexualität. Jedoch hat man mit so einer Behinderung leider nicht viele Gelegenheiten. Lange Zeit blieb sein Bedürfnis ungestillt. Bis er auf Catharina traf.

Catharina König ist ausgebildete Sexualbegleiterin. Auf ihrer Homepage bietet sie dezent «Berührung – Massage – Begegnung» an. Was ein wenig esoterisch anmutet, ist für viele aus ihrer Kundschaft quasi die einzige Möglichkeit, ihre «sinnlichen und sexuellen Bedürfnisse» zu erfüllen. Oder die «bisher fehlende Handlungsmöglichkeit», wie die 50-jährige Sexualbegleiterin sagt.   

Unsicherheiten im Umgang mit Sexualität 

Wie viel Sinnlichkeit spürt ein querschnittgelähmter Mensch? Kann jemand mit Multipler Sklerose eine Erektion bekommen? Und kennt ein geistig behinderter Mensch seine sexuellen Bedürfnisse? Auf viel Unsicherheit stösst die Gesellschaft beim Thema Behinderung – umso mehr, wenn Sexualität im Spiel ist. Selbst vielen Eltern von Kindern mit Behinderung ist das Thema ein Tabu. Sie kommen nur schwer aus der Rolle der Behüter, der Beschützenden – auch wenn sich ihre Kinder im Erwachsenenalter befinden. Ihnen ist die Vorstellung, dass ihr behinderter Sohn oder Tochter Sex hat, oft peinlich und unvorstellbar. Und Sex kann auch Fortpflanzung und somit eine Weitergabe der – bei einer erblichen Behinderung – defekten Gene bedeuten, was meistens nicht gutgeheissen wird. Oder den Kindern wird die Verantwortung als potentielle Eltern nicht zugetraut. 

Kann mein behindertes Kind Sex haben? 

Aber zu einem selbstbestimmten Leben als Mensch mit Behinderung gehört auch die sexuelle Selbstbestimmung. Und so rief Jürgen bei Catharina an, gleichzeitig hatte er «Angst vor der eigenen Courage». Sie führten ein längeres Gespräch, denn für Catharina ist es «ganz wichtig, im Vorfeld und auch im Termin» zu sprechen. Ehrliche Offenheit ist bei einer Sexualbegleiterin das A und O.

Schlussendlich vereinbarten sie trotzdem einen Termin. Es hatte ihn sehr viel Überwindungskraft gekostet, aber er ist heute froh darüber. An den ersten, für ihn «sehr aufregenden» Termin mit Catharina kann sich Jürgen noch sehr gut erinnern. «Nach einer gefühlten Ewigkeit konnte ich endlich neben einer schönen, zärtlichen und zugewandten Frau im Bett liegen. So zärtlich, wie es mir meine Hände erlaubten, mit ihnen alles tun zu dürfen, ohne zurückgepfiffen zu werden.» 

Zwei Menschen, die sich küssen | © pixabay

Zungenküsse sowie Geschlechts- und Oralverkehr sind bei den meisten sexualbegleitenden Personen ausgeschlossen. (Foto: Pixabay)

Erste sexuelle Erfahrungen 

Das, was er bei Catharina erlebt, hilft ihm viel mehr «als alle meine Fantasien» – auch wenn nicht alles erlaubt ist. Zungenküsse sowie Geschlechts- und Oralverkehr sind bei den meisten sexualbegleitenden Personen ausgeschlossen. Jürgen macht sich nichts vor und hält Sexualbegleitung für «Menschen mit einer solch komplexen Behinderung» wie bei ihm für eine dauerhafte Lösung. Jedoch würde er anderen Betroffenen raten, sich am Anfang genau zu überlegen, ob man sich das langfristig finanziell leisten könne.    

Sexualität gegen Geld. Kein Wunder, dass Sexualbegleitung schnell in den Geruch der Prostitution kommt. Um sich davon abzugrenzen, spricht das Institut zur Selbstbestimmung Behinderter e.V. im niedersächsischen Trebel daher von einer «Surrogatpartnerschaft», also einer Art Ersatzpartnerschaft, in der nicht die sexuelle Handlung im Mittelpunkt stehe, sondern die gemeinsam verbrachte Zeit. 

Nicht (nur) blosser Sex 

Dem pflichtet Catharina bei. Es gehe ihr darum, «einen Erlebnisraum» zu schaffen, wo die Wünsche ihres Gegenübers Platz haben. Zum Beispiel «Erleben, Ausprobieren, Spüren, miteinander in Kontakt sein, Zärtlichkeit, Körperkontakt, Nähe und Nacktheit, vielleicht auch erste sexuelle Erfahrungen machen». Dadurch solle ein so genanntes «körperliches Selbstbewusstsein» aufgebaut werden, was sich auch positiv auf den allgemeinen Alltag auswirken könne.

Catharinas Offenheit gilt auch ausserhalb ihrer Termine. Sie geht «offensiv mit dem Thema um». Dabei kommen neben positiven Reaktionen nicht selten Stimmen wie «Das könnte ich nicht» zurück. Weil die meisten Menschen kaum eine Vorstellung von ihrer Arbeit haben, schildert sie ihren Job genau. Sie tauscht sich gelegentlich mit Kollegen aus, leitet Workshops und hält Vorträge. Weiter beklagt sie, dass in Einrichtungen für behinderte Menschen zwar der Bedarf nach Sexualität gesehen wird, aber es immer noch an praktischer Umsetzung mangelt. 

Offen mit dem «doppelten Tabuthema» umgehen 

Wie brisant das Thema ist, zeigt eine Aktion der Schweizer Organisation für Menschen mit Behinderung «pro infirmis». Im Jahre 2003 bot sie eine Ausbildung zu so genannten Berührerinnen und Berührer an, doch sie blies die Sache noch im selben Jahr ab, da diese nicht von «einer breiten Basis von Organisationen und Personen» gestützt wurde. Das machte sich vor allem in einem massiven Rückgang an Spendengeldern bemerkbar. 

Das Projekt wurde unter einem anderen Träger durchgeführt und auch in Deutschland und Österreich gibt es Vergleichbares. Das ISBB zum Beispiel bietet eine Ausbildung für angehende Sexualbegleiter an, an der Catharina bereits teilgenommen hat und sie seitdem den Titel «Sexualbegleiterin ISBB» trägt. Und in Österreich bildet die LIBIDA-Sexualbegleitung von der Fachstelle.hautnah in Kalsdorf Sexualbegleiter aus.     

Für die Teilnahme an der Ausbildung ist keine Vorbildung nötig. Die Fortbildung an sich ist nicht klassisch aufgebaut, sondern eine Art Supervision. Dabei werden etwa ein halbes Dutzend sexualbegleitender Einsätze der Ausbildungsteilnehmer jeweils im Zweiergespann durchgeführt und danach ihre Erfahrungen gemeinsam reflektiert, zum Teil vor dem Hintergrund ethischer, rechtlicher und praktischer Fragen. Kurz gesagt: «Learning by doing» unter Supervision. 

Behinderte Menschen sind selbstbestimmt 

Wird durch ein derartiges Angebot nicht eine Abhängigkeit zwischen Sexualbegleiterin und Kundschaft mit Behinderung geschaffen, wie manche befürchten? Fakt ist: Der Bedarf ist da. Ob man das Angebot nutzt, muss jeder für sich entscheiden. Und Jürgen hat darauf eine Antwort: Es ist wichtig, sich der Sexualbegleiterin «mit Würde und Empathie» zu nähern, jedoch «sich nach Möglichkeit nicht in sie zu verlieben». Er sehnt sich jetzt schon dem nächsten Termin entgegen.