«Es gibt mir jedes Mal Kraft, wenn ich anderen weiterhelfen darf»
Tag täglich werde ich durch meine Krankheiten und Unfallfolgen belastet. Trotzdem gibt es mir jedes Mal Kraft, wenn ich anderen Betroffenen weiterhelfen darf. Die Arbeit im Bereich Peer und Inklusion ist für mich eine Ressource, die ich durch meine Krankheiten entdecken durfte.
Patricia ist Helferin in unserem Peer-Programm. (Privataufnahme)
Ich bin Patricia und der Reitsport war früher nicht nur mein Hobby und mein Beruf – nein, es war mein Leben. Leider musste ich durch einen Unfall meinen Traum aufgeben. Viele Fussoperationen und Fehldiagnosen führten zu einem versteiften Sprunggelenk und chronischen, neuropathischen Schmerzen. Es folgten diverse andere Traumata, sodass ich zusätzlich mit Selbstverletzung begann und eine KPTBS und schwere Depressionen entwickelte.
« Der Austausch mit anderen Betroffenen ist für mich zudem jedes Mal eine Motivation, auch an mir selbst weiterzuarbeiten. »
Eine Therapie folgte der anderen;, Traumatherapie,,, und diverse Schmerztherapien. Auch mehrmals täglich gehört nach wie vor zu meinem Alltag. Mittlerweile sind bereits 13 Jahre vergangen und ich kann sagen, dass ich nicht mehr die bin, die ich früher mal war. Aber das ist ok! Denn mittlerweile schätze ich das, was ich heute habe. Dazu gehört einerseits die Teilnahme an Pokerturnieren, andererseits das Teilen meiner Erfahrungen und meines Wissens im Umgang mit meinen Krankheiten und Einschränkungen.
Ich möchte anderen Betroffenen einerseits die Realität näherbringen, andererseits auch die Chancen, die durch manche Situationen im Leben entstehen könne. Aber auch als offenes Ohr, wo man einfach mal Dampf ablassen darf, fungiere ich gut. Der Austausch mit anderen Betroffenen ist für mich zudem jedes Mal eine Motivation, auch an mir selbst weiterzuarbeiten.
In Zukunft
«Heilung», «recovery», «Posttraumatisches Wachstum» und noch andere Bezeichnungen könnte man in dem Kontext anwenden. Ich halte mich jedoch zurück mit solchen Bezeichnungen. Denn mindestens so wichtig ist es, zu lernen, die Situation einfach so zu akzeptieren, wie sie nun mal ist. Vor allem musste ich bemerken, dass alle Betroffene eigene Wege für den Umgang mit Krankheiten/Beeinträchtigungen finden müssen. Dabei hat mir persönlich vor allem die Psychoedukation oder auch der Austausch in Gruppen geholfen. Zu verstehen, was mit einem passiert und auch zu sehen, dass es andere Betroffene gibt, die etwas Ähnliches durchmachen, gab und gibt mir immer wieder Kraft.
Einen Gang runterschalten
Der Umgang mit meinen körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen erfordert nach wie vor viel Geduld. Mir selbst einzugestehen, dass es nicht mehr so schnell geht wie früher, ist für mich immer wieder eine Herausforderung. Aber mir ist trotzdem bewusst, dass es einerseits Zeit braucht und andererseits nicht schlimm ist, wenn man das Leben in einem anderen Tempo meistert.
« Jeder Betroffene muss seinen eigenen Weg finden und gehen. Nur muss man, auf kreative Weise, herausfinden, wie man diesen Weg gehen will oder kann. »
Ich habe dadurch gelernt, Dinge zu beachten, die mir vorher niemals aufgefallen wären. Kleinigkeiten, die mir Freude machen - und mich immer wieder dazu bringen weiterzumachen: das sind die wichtigen Dinge, die mir Kraft geben. Mittlerweile betrachte ich die Entschleunigung im Alltag auch als «Gewinn». Was ich jedem Betroffenen weitergeben möchte, egal ob körperliche oder psychische Probleme: Zeit und Geduld sind immer das Wichtigste im Prozess einer «Heilung». Selbst wenn die «Heilung» nicht abgeschlossen ist, oder werden kann, hilft es, zu lernen, seine Ressourcen auf eine andere Art und Weise einzusetzen und optimal zu nutzen.
Jeder Betroffene muss seinen eigenen Weg finden und gehen. Nur muss man, auf kreative Weise, herausfinden, wie man diesen Weg gehen will oder kann. Bücher und Therapien geben einem lediglich einen Anhaltspunkt, aber nicht die Lösung. Und genau das möchte ich weitergeben. Uns ist oft nicht bewusst, dass jeder im Endeffekt einen eigenen Weg «kreieren» muss, oder darf.
Die Akzeptanz der Schmerzen, der «psychischen Breakdowns» und die vielen schwierigen Situationen im Alltag in unserer Gesellschaft, sind eine Menge Arbeit, die einem leider nicht genommen wird.
Ich bin zwar nicht geheilt und habe Tiefs, oder fluche in gewissen Situationen wie ein Rohrspatz! Aber trotzdem habe ich dank meiner Erfahrungen viel Wissen was diese Themen betrifft. Manchmal mit einem Gleichbetroffenen darüber zu diskutieren oder einfach nur verstanden zu werden, kann unterstützend und animierend für andere Betroffene sein.
Zum Schluss
«Zeit heilt alle Wunden» – ein Sprichwort, eine Floskel, die oft unüberlegt ausgesprochen wird. Aber ganz ehrlich, Zeit heilt nicht alle Wunden, Zeit macht nichts ungeschehen! Aber Zeit gibt einem die Chance zu lernen, zu optimieren, und vor allem sich neu zu entdecken. Und genau daran bin ich gewachsen. Ich freue mich, wenn ich dir eventuell weiterhelfen darf, selbst wenn es auch nur ein wortloser Spaziergang ist!
Wir danken Patricia ganz herzlich für ihren berührenden Erfahrungsbericht. Mehr Eindrücke finden Interessierte auf Instagram.