Diabetes Typ 1, die unsichtbare mentale Belastung
Es fing an mit einem ganz normalen Arbeitstag. Doch als ich bei der Arbeit in den Spiegel gegenüber schaute, sah ich plötzlich alles nur noch verschwommen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass dieser Moment mein Leben komplett verändern würde.
Kristina wurde mitte 20 Diabetikerin. (Privataufnahme)
Mein Name ist Kristina und ich bekam Mitte 20 die Diagnose Diabetes Typ 1.
Diabetes Typ 1 bedeutet, dass meine Bauchspeicheldrüse kein eigenes Insulin mehr produzieren kann und ich deshalb von heute auf morgen auf Insulin angewiesen war.
Ich musste lernen, mir selbst Insulin zu spritzen und es ständig bei mir zu tragen (was ich am Anfang natürlich oft vergessen habe). Gleichzeitig begann ein komplett neues Leben voller Arzttermine, Diabetesberatungen und Ernährungspläne.
Plötzlich musste ich lernen, mein Essen abzuwiegen, Kohlenhydrate zu berechnen und zu verstehen, wie viel Insulin mein Körper braucht, damit mein Blutzucker nicht zu hoch oder zu tief wird.
Überzuckerung (Hyperglykämie) und Unterzuckerung (Hypoglykämie) begleiten mich seitdem jeden Tag. Bin ich überzuckert, fühle ich mich unruhig und aufgedreht. Bin ich unterzuckert, fühlt es sich an, als wäre ich betrunken.
Die Sache mit der mentalen Gesundheit
Was für mich jedoch zu einem der grössten Themen geworden ist, war die Veränderung meines Körpers durch das Insulin. Psychisch musste ich zuerst überhaupt lernen, mit dieser ganzen Situation klarzukommen. Ich war immer sehr schlank und konnte essen, was ich wollte, ohne zuzunehmen. Doch durch das Insulin, ein Hormon, das lebensnotwendig für mich ist, begann sich mein Körper zu verändern. Mit Diabetes nahm ich zu und fühlte mich plötzlich nicht mehr wohl in meinem eigenen Körper. Mental kam ich damit lange überhaupt nicht zurecht, ehrlich gesagt bis heute nicht ganz.
Ich ernähre mich ausgewogen, bewege mich viel und mache Sport. Trotzdem bleibt dieses Gefühl, dass sich mein Körper nicht mehr wie mein eigener anfühlt. Genau deshalb finde ich, dass bei Diabetes (wie auch bei vielen anderen chronischen Krankheiten) die mentale Gesundheit eine riesige Rolle spielt.
Von aussen sieht man mir nichts an. Ich gehe arbeiten, mache Sport, ernähre mich gesund und wirke fröhlich. Aber tief im Inneren war oft dieses Gefühl der Unzufriedenheit mit meinem Körper und mit mir selbst. Man ist ständig damit beschäftigt, den Blutzucker unter Kontrolle zu halten. Funktioniert der Sensor? Funktioniert die Pumpe? Habe ich genug Insulin dabei? Was esse ich? Wie reagiert mein Körper heute? Der Kopf ist nie wirklich leer.
Und dazu kamen Kommentare wie:
„Man sieht, dass du zugenommen hast, aber das steht dir gut.“
Für mich fühlte es sich aber nicht gut an.
Durch all diese Gedanken und den dauernden Druck entwickelte sich bei mir tatsächlich eine Art Depression. Das Schwierige daran ist: Nach aussen baut man oft eine Mauer auf. Ich wollte niemandem zeigen, wie schlecht es mir wirklich ging, weil ich dachte, meine Familie und Freunde hätten durch die Krankheit schon genug Sorgen.
Dabei war mir die Unterstützung meiner Familie unglaublich wichtig und ich habe sie immer gesehen und sehr geschätzt. Dennoch wollte ich niemanden zusätzlich belasten und habe meine Gefühle oft für mich behalten.
Darüber sprechen hilft
Ein Leben mit Diabetes bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Sie sind jedoch nicht alleine! Sich mit anderen Betroffenen auszutauschen hilft, neue Lösungen und Perspektiven zu finden. Teilen Sie Fragen und Herausforderungen bei einem persönlichen Peer-Austausch oder stellen Sie Ihre Fragen anonym und kostenlos in unserer Community.
« Was mir schlussendlich wirklich geholfen hat, war Therapie. »
Ich finde, darüber sollte viel offener gesprochen werden. Es ist nichts Schlimmes daran, sich Hilfe zu holen. Manchmal braucht es Zeit, die richtige Therapeutin oder den richtigen Therapeuten zu finden, aber es lohnt sich! Ich habe mit der Zeit gelernt, ein positiveres Mindset aufzubauen.
Ich habe Diabetes. Ich kann die Krankheit nicht rückgängig machen oder verschwinden lassen. Aber ich kann lernen, mit ihr zu leben und mein Leben trotzdem weiterzuführen.
Auch der Umgang mit Pumpe und Sensor war für mich anfangs schwierig. Diese Hilfsmittel helfen unglaublich, trotzdem musste ich mental zuerst akzeptieren, ständig etwas Sichtbares an meinem Körper zu tragen. Vor allem, weil man dadurch oft angeschaut oder angesprochen wird.
Heute weiss ich: Diabetes ist ein Teil meines Lebens, aber nicht meine ganze Persönlichkeit.
Mein Rat an alle, die mental unter Diabetes oder einer chronischen Krankheit leiden: Arbeitet an eurem Selbstbild. Lernt euch selbst trotz Krankheit anzunehmen und zu lieben. Denn wir haben nur dieses eine Leben, und wir verdienen es, es trotzdem in vollen Zügen zu geniessen.
Kristina ist auch Helferin unseres Angebots «Zweite Hilfe». Wir danken Kristina für ihr Engagement und den Erfahrungsbericht. Du erreichst uns unter peer@enableme.ch oder auf WhatsApp: +41 78 266 66 84