depressive Frau, die nachdenklich in die Ferne schaut | © pixabay

Depressionen und Suizidale Gedanken meines Kindes

Ihr Kind lebt seit einigen Jahren mit einer depressiven Erkrankung. Sie kennen die Anzeichen, welche auf eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes hinweisen und möchten Ihr Kind so gut es geht begleiten durch die Phasen von leichten bis schweren Depressionen. Als Angehörige ist die Begleitung von Betroffenen oft sehr aufzehrend. Sie müssen sehr darauf achten, selbst nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. In dem folgenden Erfahrungsbericht einer Mutter lesen Sie, wie diese mit dieser Situation umzugehen lernte.

Mögliche Ursachen

Für diesen Erfahrungsbericht schweife ich zurück in den Zeitraum 2015-2016. Meine Tochter studierte noch und sollte in wenigen Monaten ihre Examensprüfung absolvieren. Das Arbeitspensum war hoch und sie musste sich bis auf wenige Präsenztage in der Universität zum Selbststudium motivieren beziehungsweise disziplinieren. Der Kontakt zu Kommilitoninnen war recht rar, jeder arbeitete mehr oder weniger zu Hause im Alleingang. Auch dieser Umstand manövrierte sie zunehmend in einen Überforderungszustand und Depressionen ohne eine Chance auf Gedankenaustausch, der hätte etwas Entlastung bringen können. 

Der Gedankenaustausch ist existenziell

Wann immer es mir möglich war, telefonierte ich mit meiner Tochter sehr lange und hörte ihr zu. Das hat sie punktuell etwas aufgebaut, jedoch die Ursache blieb. Seit dieser Zeit lebte meine Tochter mit dieser Krankheit von leichter bis hin zu schweren Depressionen und Angststörungen und war deshalb auch in fachärztlicher Behandlung. Ihr Zustand spitzte sich um die Zeit der Examensprüfung zu, sie berichtete mir auch von suizidalen Gedanken. Das machte mich sehr betroffen und ich fürchtete, in eine unkontrollierbare Situation zu geraten. Wir sprachen sehr offen über dieses Thema und auch über die katastrophalen Folgen eines misslungenen Suizidversuches. Sie versprach mir, es nicht zu tun. Der Umstand, dass meine Tochter in Behandlung bei ihrem Facharzt für psychotherapeutische Medizin war und mit ihrem Lebensgefährten in einem sozusagen relativ geschützten Rahmen lebte, beruhigte mich insofern, dass ich meinte, darauf vertrauen zu können, der Arzt würde geeignete Massnahmen einleiten, um das Risiko eines möglichen Suizides einzudämmen. 

Das machte etwas mit Dir und Deinen Gefühlen

Ich erlebte diese Zeit als sehr beängstigend. Die Gespräche mit meiner Tochter hatten mich sensibilisiert. Diese Stille, wenn ich keinen Ton, keine SMS bekam, ängstigten mich, meine Intuition spürte, dass das Risiko sehr gross war, dass sie in ihrer Verzweiflung diesen ungeheuerlichen Ausweg sucht. Ich beruhigte mich selbst irgendwie und versuchte zu verdrängen, dachte, sie wird es nicht wahr machen, sie hat es mir versprochen.  

Das Unfassbare

Die Situation geriet jedoch ausser Kontrolle und so passierte das Unfassbare im Juni 2016. Meine Tochter sah keinen anderen Ausweg mehr, sich von den Qualen der Depressionen, dieser fürchterlichen Krankheit zu befreien und unternahm ihren ersten Suizidversuch mit dramatischem Ausgang. Sie überlebte diesen Suizidversuch knapp und brauchte viele Monate für ihre Rehabilitation als Paraplegikerin. Es gelang ihr, sich mit enormen Kraftaufwand aufzutrainieren und wieder auf ihren eigenen Beinen fortzubewegen, wofür wir unbeschreiblich dankbar sind. 

Die Krankheit verschwindet nicht so einfach

Zwei Jahre später, wir hatten gerade ein paar Tage Ferien im Tessin verbracht und ich half ihr bei Bewerbungen für eine Stelle, damit sie sich eine Zukunft aufbauen konnte. Sie fuhr zurück nach Hause. Es ging ihr nicht gut, sie kämpfte mit Depressionen, hatte grosse Mühe, sich zu motivieren und Angst vor der Zukunft. 

Die Tage danach hörte ich nichts mehr von ihr, kein Anruf, kein Ton, keine SMS. Ich hatte überhaupt kein gutes Gefühl, aber kam zum einen nicht an sie heran und wollte zum anderen ihre Abgrenzung respektieren, sie ist eine junge erwachsene Frau, dachte ich so bei mir. Eine Woche nach ihrer Abreise, es klingelte das Telefon und der leitende Arzt einer Intensivstation war am Apparat, er sagte mir, meine Tochter habe erneut einen Suizidversuch unternommen, ich sollte so schnell es geht in die Klinik kommen, man kann nicht sagen, ob sie den Suizidversuch überlebt.  

Ich war fassungslos. Alles, wirklich alles mir Mögliche hatte ich unternommen, um sie zu unterstützen, zu motivieren, sie aufzubauen, ihr zu zeigen, das Leben geht weiter, es hält noch so viel Schönes bereit. Damit wollte ich ihr die Botschaft geben:

«Ich bin bei Dir und begleite Dich, auch wenn es schwierig ist, und jetzt das? Was war passiert? Ich fühlte mich am Boden zerstört.»

Diese Krankheit, schwere Depressionen, ist so fürchterlich, weil die Angehörigen nicht erkennen können, wie weit der Betroffene im Abgrund steckt, der schwarze, tiefe nicht endend wollende Tunnel. Sie überlebte auch diesen Suizidversuch und musste sich langwierigen psychiatrischen Behandlungen unterziehen.  

Ein Rückblick und Umgang mit Gefühlen

Diese Dramen liegen heute über fünf Jahre zurück. Für die Verarbeitung des Traumas habe ich sehr lange gebraucht. Noch heute erlebe ich Momente, in denen das Gefühl der Angst und der Ohnmacht vor dem Rückzug meiner Tochter zurückkommt. Eine Zeit, in der kein oder kaum ein Herankommen an sie ist, was das Gefühl der Sorge immer stärker werden lässt. Dieses Gefühl wird manchmal so stark, dass es die Konzentration auf meine Arbeit beispielsweise erschwert. Die Leistungsfähigkeit wird beeinträchtigt. Die Lebensfreude und Eigenmotivation bleibt auf der Strecke. 

Achtsam auf die Zeichen und Signale schauen

einsamer Junge sitzt an Steinmauer und hat Gicht in seinen Armen vergraben | © pixabay

Bei einem an Depressionen erkrankten Menschen ganz besonders achtsam auf Zeichen des Rückzuges schauen. (Foto: Pixabay)

Dieser Moment des Erkennens der Zeit des Rückzuges des Kindes oder Angehörigen ist in zweierlei Hinsicht wichtig. Zum einen heisst es, bei bestätigtem Verdacht einer erneuten Depression, mobilisieren und sensibilisieren Sie alle vertrauten Personen im näheren Umfeld des Betroffenen, also Angehörige, Freunde oder auch ärztliches Fachpersonal – um einen erneuten Suizid möglichst zu verhindern. 

Zum anderen ist auch die eigene Reflexion sehr wichtig. Das heisst, die Angst oder Panik davor führt sie selbst in die Krankheit. Stattdessen machen Sie sich bewusst, dass sie selbst es nicht hundertprozentig verhindern können, wenn ein an Depressionen erkrankter Mensch nur etwas mehr dem Leben abgewandt als zugewandt den Freitod sucht. Mit anderen Worten, wenn die Kraft zu Gehen stärker ist, als die Kraft am Leben zu bleiben, haben Sie als Angehörige kaum eine Chance, einen Suizid Ihres geliebten Kindes zu verhindern. 

Achtsamkeit sich selbst gegenüber

Selbst wenn sie noch so viel Kraft und Zeit und Aufmerksamkeit Ihrem an Depressionen erkrankten Kind gegenüber aufwenden, einen Suizid zu verhindern, gelingt dies nicht einmal einer Fachperson. Das bedeutet für Sie: Achten Sie bei der Begleitung Ihres Kindes vor allem auch auf Ihr inneres Gleichgewicht, Ihre Gesundheit, ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und grenzen auch Sie sich ab, denn Sie haben ein Recht auf Ihr eigenes Leben und auch dafür Sorge zu tragen. 

Meditation | © Unsplash

Achten Sie bei der Begleitung Ihres Kindes vor allem auch auf Ihre Gesundheit und Ihr inneres Gleichgewicht. (Foto: Pixabay)