Coping: Umgang mit schwierigen Diagnosen und Situationen
Was heisst Coping genau, wie wird es angewendet und ganz wichtig: Ist Coping wieder so ein englisches «Modewort» oder steckt dahinter vielleicht tatsächlich etwas Hilfreiches? Dieser Artikel soll helfen, diese Fragen zu klären und dieses Thema zu beleuchten.
Autor:in med. pract. Markus Schneider
Eine schwierige Diagnose wie Krebs stellt das Leben auf den Kopf – Coping-Strategien können helfen, besser damit umzugehen. (pexels)
Es gibt leider fast niemanden, der in seinem Leben nicht mit einer schwierigen und herausfordernden Diagnose konfrontiert wird. Sei es, dass man persönlich betroffen ist oder jemand aus dem persönlichen Umfeld, der einem nahesteht. Umso wichtiger ist es meiner Meinung nach, dass man weiss, wie man sich selbst helfen kann und/oder wo Hilfe zu finden ist.
Was ist Coping?
Das Wort kommt aus der englischen Sprache. «To cope with» heisst übersetzt: bewältigen, überwinden. Es ist der Umgang mit einem schwierig empfundenen Lebensereignis. In diesem Artikel sollen der Umgang mit einer schwerwiegenden, lebensverändernden Diagnose und Strategien, mit dieser neuen Situation umzugehen, beschrieben und mögliche Wege aufgezeigt werden.
Ganz wichtig zu erwähnen ist, dass es nicht DIE Coping-Strategie gibt, die quasi universell von jeder Person angewendet werden kann. Coping ist individuell. Jeder Mensch findet ganz persönliche Wege, um mit der jeweiligen Situation umzugehen. Coping lässt sich in drei Hauptarten unterteilen: problemorientiertes, emotionsorientiertes und bewertungsorientiertes Coping.
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Problemorientiertes Coping: Strategien, die das Ziel haben, das Problem direkt und aktiv zu bewältigen. Man kann zum Beispiel selbst Lösungen suchen, indem man Informationen sammelt, ein Konzept entwickelt, um das Problem direkt anzugehen oder Hilfe in Anspruch nehmen.
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Emotionsorientiertes Coping: Das Ziel dieser Strategie ist es, die emotionalen Belastungen und Reaktionen zu reduzieren und zu regulieren. Dies beinhaltet unter anderem Entspannungstechniken, Ablenkung, Unterstützung suchen oder die Akzeptanz der Situation.
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Bewertungsorientiertes Coping: Bei dieser Strategie wird versucht, die Situation gedanklich neu zu bewerten, um sie als weniger bedrohlich oder sogar als Chance für persönliches Wachstum zu betrachten.
Ist Coping hilfreich bei schwerwiegenden Diagnosen und wenn ja: Wie?
Ich bin überzeugt, dass Coping für betroffene Menschen sehr hilfreich ist. Zum einen kann einem gezeigt werden, wie dieser «riesige Berg», also die Diagnose, verarbeitet und damit zum Teil bewältigt werden kann. Zum anderen werden einem Wege aufgezeigt, wie man trotz der jeweiligen Diagnose ein Leben gestalten kann, das erfüllt ist.
Wichtig zu erwähnen ist hier, dass es nicht darum geht, die Diagnose, respektive die Krankheit zu besiegen, also aus dem eigenen Leben zu vertreiben oder zu löschen. Einen Knopf zu drücken und die Krankheit ist verschwunden, wäre sicher das, was wir uns alle wünschen würden. Aber das ist leider nicht so einfach. Ich will damit nicht sagen, dass nie eine Möglichkeit besteht, eine Krankheit zu heilen. Aber trotz grosser Fortschritte in der Medizin gibt es immer noch eine recht grosse Anzahl von Diagnosen, die als unheilbar gelten. Deshalb ist es sehr wichtig, Wege zu finden, die es einem ermöglichen, einen Umgang mit der Krankheit zu finden, der einen weiter oder wieder zurück «auf die Spur» bringt. Denn somit kann etwas sehr Zentrales verbessert werden: unsere Lebensqualität.
Das geschieht nicht von heute auf morgen, sondern braucht Zeit. Aber es lohnt sich. Denn auf diesem Weg sind grosse Schätze zu finden. So kann die innere Ruhe zurückkommen, nach der sich unser Körper und unsere Psyche so gesehnt hat. Und damit wird auch Stück für Stück eine Akzeptanz aufgebaut, die für die gesamte Verarbeitung von sehr grosser Bedeutung ist.
« Und um die Frage vom Titel dieses Abschnitts zu beantworten. Ja! Coping ist eine wirkliche Hilfe. »
Innerer Druck oder Stress werden abgebaut, zum Beispiel durch Entspannungsübungen. Dadurch wird unsere Psyche wieder stabiler, was positive Auswirkungen auf den Umgang mit sich selbst und mit dem eigenen Umfeld hat. Durch Akzeptanz kann man lernen, den eigenen Körper trotz der Krankheit wieder gerne zu haben.
Zudem ist es einem möglich, sich wieder Ziele zu setzen. Was will ich in meinem Leben noch erreichen, trotz der Krankheit? Ziele sind etwas, das eine grosse Kraft hat. Diese Kraft zeigt sich dann vielfach in einer Stabilisierung von Psyche und Körper.
Und nie vergessen sollte man, dass man nicht alleine ist. Durch die eigene Stabilisierung werden auch die Beziehungen zu Mitmenschen wieder stärker. Man kapselt sich nicht von der Aussenwelt ab, sondern wird wieder zu einem aktiven Bestandteil davon. So ist es auch deutlich einfacher, sich Hilfe zu suchen und zu bekommen, wenn man sie braucht.
Coping-Strategien für den Umgang mit einer schwerwiegenden Diagnose
Was passiert, wenn man eine ernsthafte Diagnose erhält? Unsere Psyche und unser Körper reagieren. Zum Beispiel mit Angst, Verzweiflung, Schock, Wut, Appetitlosigkeit oder Depressionen. Das alles sind Reaktionen auf die lebensverändernde Diagnose und der Beginn, das eigene Leben neu zu ordnen und zu definieren.
Ganz wichtig ist es, die erhaltene Diagnose zu verarbeiten, damit sich die Emotionen, die ausgelöst wurden, wieder normalisieren können. Hier kann hilfreich sein:
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Beginnen, ein Tagebuch zu führen oder Geschichten über das eigene Leben von früher, jetzt oder der Zukunft zu schreiben. Schreiben ist ein bewährtes Instrument, um emotionalen und körperlichen Stress zu reduzieren und die Gefühle zu regulieren, um mit ihnen umgehen zu können, ohne von ihnen «zu Boden» gedrückt zu werden. Falls das Schreiben schwierig ist, kann der Text auch diktiert werden. Dies ändert nichts an der Wirkung.
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Kreativ werden. Hier hilft das, was man gerne tut, sehr. Egal ob Musik machen oder hören, basteln, malen – der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Wichtig ist es zu versuchen, und wenn man etwas gefunden hat, das einem gefällt, dies regelmässig zu tun, es zu einem neuen, eigenen Hobby zu machen. Auf diese Weise können Psyche oder Körper ungeahnte Energien entdecken und freisetzen.
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Mit vertrauten Menschen darüber sprechen. Wenn man über seine Gefühle und Situation spricht, ist das eine grosse Entlastung. Der Satz «Geteiltes Leid ist halbes Leid» ist zwar ein Sprichwort, aber es steckt viel Wahrheit darin. Man kann durch Gespräche wirklich einen grossen Teil der eigenen Belastung abgeben, was einem viel Energie und Kraft zurückbringen kann.
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Unterstützung anfordern. Professionelle Beratungen bei Psycholog:innen oder die Teilnahme an Selbsthilfegruppen können einem Wege aufzeigen, mit der neuen Lebenssituation umzugehen. Gerade in Selbsthilfegruppen oder auch in Peer-Austauschen wird oft Hilfe gefunden, da man mit Menschen sprechen kann, die in einer gleichen oder ähnlichen Situation sind. Und bei professionellen Berater:innen können einem Werkzeuge und Tipps gegeben werden, mit deren Hilfe man die eigene Gefühlswelt besser versteht und die Energie und Kraft Stück für Stück wieder aufbauen kann.
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Dem Alltag wieder Sinn zurückgeben. Es ist wichtig, dass man seinen Alltag neu organisiert. Vielleicht ist es nicht mehr möglich, der gleichen Arbeit wie vor der Diagnose nachzugehen oder die gleichen Hobbys auszuüben. Bei der Arbeitssuche zum Beispiel kann man, wenn es einem selbst nicht gelingt, Hilfe anfordern. Und Ideen für neue Hobbys findet man häufig per Zufall, oder noch häufiger bei Gesprächen mit betroffenen Menschen. Wichtig ist, dass man in allen Bereichen seine Aufmerksamkeit auf das Machbare, also auf das, was noch möglich ist, richtet.
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Sich Ziele setzen. Ziele sind etwas sehr Motivierendes und geben vielen Dingen, die man macht, einen Sinn. Die Ziele sollten, egal ob es kurz- oder langfristige Ziele sind, realistisch und machbar sein. Setzt man sich unrealistische, zu grosse oder nicht mehr machbare Ziele, so kann einem das wieder in eine Spirale von nicht hilfreichen Emotionen versetzen. Sind die Ziele aber realistisch und machbar, können sie einem viel Kraft geben, da das Selbstwertgefühl wieder steigt und man merkt, dass man trotz der Diagnose noch über sehr vieles im Leben die Kontrolle behalten hat.
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Aktiv mit der Diagnose auseinandersetzen. Dies ist am besten möglich, indem man Informationen sammelt, zum Beispiel über den Verlauf der Diagnose. Wenn man aktiv wird, verlässt man die «Opfer-Rolle», was einem wirklich sehr viel Kraft, Motivation und Freude zurückbringen kann.
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Akzeptanz fördern. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass sich hier vor allem Achtsamkeitsübungen bewähren. Durch diese lernt man, im Hier und Jetzt zu leben, den Moment zu spüren und die Gedanken von der Vergangenheit oder Zukunft ins Jetzt zu lenken. Gerade schöne Dinge können so viel intensiver gelebt werden und verbessern das Wohlbefinden deutlich.
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Sich selbst Gutes tun. Bewegung an der frischen Luft, gesunde und gute Ernährung sowie ausreichend Schlaf sind wichtige Bestandteile, um sich besser zu fühlen.
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Soziale Kontakte stärken. Gute Beziehungen zu Familie, Freunden und neu gefundenen Personen (zum Beispiel aus Selbsthilfegruppen) sind sehr wichtig. Man sollte darauf achten, dass man zusammen regelmässig Unternehmungen macht, Zeit miteinander verbringt oder einfach miteinander spricht. Dies gibt einem sehr viel an Lebensfreude zurück und macht einen stärker.
Dies war ein Einblick in das spannende Thema Coping. Ich hoffe, dieser Artikel kann Ihnen auf Ihrem eigenen Weg etwas weiterhelfen und Sie vielleicht motivieren, gewisse Strategien selbst anzuwenden und zu üben. Ich wünsche Ihnen sehr viel Erfolg und Freude.
Wir danken med. pract. Markus Schneider, Facharzt für Radioonkologie FMH, Praktischer Arzt FMH, Psychoonkologischer Berater SGPO ganz herzlich für den Fachartikel. Markus Schneider lebt seit 20 Jahren mit einer chronischen Krankheit und hat deshalb viel Erfahrung, was den Umgang mit unsichtbaren Symptomen betrifft.